Stand: 04.11.2016 16:35 Uhr

Elbphilharmonie: Jetzt kommt es auf die Inhalte an

Wenn die Plaza der Elbphilharmonie eröffnet wird, die Aussichtsplattform, die einen tollen Rundumblick auf den Hamburger Hafen ermöglicht, dann feiern Politiker, die Öffentlichkeit und die Kultur gleichermaßen. Und dabei darf man nicht vergessen, dass die geistigen Eltern der Elbphilharmonie ein Ehepaar sind, und zwar Alexander Gérard und Jana Marko - er Immobilien-Projektentwickler und sie Kunsthistorikern. Vor rund 15 Jahren haben sie als Bürger von Hamburg angefangen, die Idee eines Konzertsaals zu entwickeln. Über diese Anfänge und die weitere Entwicklung bis heute spricht Andrea Schwyzer mit Alexander Gérard.

Ein Rundgang durch die fertige Elbphilharmonie

NDR Kultur: Bevor wir zur Geschichte kommen, was fühlen Sie heute, wenn Sie die Elbphilharmonie sehen?

Alexander Gérard: Eine große Genugtuung. Nicht nur für mich selber, sondern für all jene Menschen, und das waren sehr viele, die sich engagiert haben, damit dieses Bauwerk realisiert werden kann. Und auch alles, was mit diesem Bauwerk zusammenhängt, es geht ja auch um die Inhalte.

Also in erster Linie Freude?

Gérard: Ja! Große Freude.

Wie kam es eigentlich zu dieser Idee? Und welche sind Ihre stärksten Erinnerungen an diese Anfangszeit?

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Zusammen mit seiner Frau Jana Marko hat Alexander Gérard die Elbphilharmonie erdacht.

Gérard: Ja, das ist ein großes Thema. Es gab mehrere Impulse: Sie wissen vielleicht, dass ich das benachbarte Hanseatic Trade Center entwickelt hatte und damals die Erfahrung machen musste, dass die Stadt eigentlich gar nicht daran interessiert war, dort primär eine lebendige Stadterweiterung zu realisieren oder realisiert zu sehen, sondern den höchstmöglichen Grundstückskaufpreis erzielen wollte. Und so ist das Hanseatic Trade Center eine monofunktionale aber relativ tote Stadterweiterung. Und es kündigte sich an, dass mit der HafenCity-Entwicklung, deren Masterplan für den Kaispeicher A eben eine primär kulturelle Sondernutzung vorsah, die alten Fehler wiederholt würden, indem die Stadt dieses Grundstück einem Entwickler anhand gab, um dort einen Bürobau zu bauen. Das wollten wir verhindern, verbunden mit dem Wunsch, auch zu verhindern, dass der Kaispeicher A, der ja als denkmalschutzwürdig erkannt worden war, abgerissen werden würde, nur weil man ihm eine Nutzung oktroyiert, die seiner Struktur nicht gerecht werden würde. Also, indem man einen Bürobau dort hinsetzt, der natürlich Tageslicht als Vorraussetzung hat, und damit hätte man ihn abreißen müssen.

Wie kamen Sie denn auf die Idee, dort ein Konzerthaus hinstellen zu wollen?

Gérard: Na ja, das ergibt sich aus dem vorher Gesagten. Wir suchten eine "lichtscheue" Nutzung. Eine Nutzung, die den Erhalt nicht nur der Fassade, sondern nach Möglichkeit auch des Bauwerks selber ermöglichen würde. Und als kulturinteressierte Bürger dieser Stadt wussten wir, dass die Laeiszhalle eigentlich vollkommen überfordert war, weil Hamburg ja im Zweiten Weltkrieg einen erheblichen Teil seiner Musik-Infrastruktur verloren hatte, die anders als die Staatsoper nicht ersetzt wurde, also zum Beispiel der Conventgarten, der größere und berühmtere Konzertsaal in Hamburg. Wir dachten, es wäre an der Zeit, jetzt mal hier für Ersatz zu sorgen. Es gab im Übrigen schon früher zwei Versuche, die beide nicht erfolgreich waren, die aber natürlich das Feld bereitet haben für unsere Initiative.

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Sie haben dann viel Eigeninitiative bewiesen und selbständig die Architekten für dieses Projekt gesucht, Herzog und de Meuron, Sie sind nach Basel gefahren und Sie haben auch den Akustiker gefunden sozusagen - wie erinnern Sie sich an diese Zeit?

Gérard: Ja, das war eine sehr spannende Zeit. Zum einen mussten wir die Architekten überzeugen, sich überhaupt dieses Projektes anzunehmen, denn Sie waren schon eingeladen worden, an dem Wettbewerb für das Media City Port-Projekt teilzunehmen und hatten das damals dankend abgelehnt, wie wir später erfuhren, weil sie auch der Auffassung waren, dass an diesen exponierten, fantastischen, ja dem schönsten Standort in der HafenCity eben nicht ein einfaches Bürogebäude hinkommen sollte. Und nun baten wir sie nach dem Wettbewerb, den ein holländisches Büro gewonnen hatte, denen sozusagen in die Parade zu grätschen, indem sie mit einem ganz anderen Projekt aufwarten würden. Und das eigentlich auch gegen den Willen der Stadt!

Sie wollten die Elbphilharmonie ursprünglich selbst bauen, mussten dann das Projekt aber in andere Hände geben, nämlich in die Verantwortlichkeit der Stadt. Wie denken Sie an diesen Moment zurück?

Gérard: Das ist, glaube ich, die Tragik dieses Projektes, dass die Stadt - und das hat ja auch Jaques Herzog kürzlich in seinem Interview im Spiegel gesagt - unbedingt darauf bestand, selber Bauherrin sein zu wollen. Das ist dem Projekt und auch der Stadt und vor allem dem Haushalt der Stadt nicht gut bekommen. Ich bedauere es sehr, denn wir hatten ja ein großes Team von hochqualifizierten Leuten durch unseren Mitinvestor Dieter Becken, der ja im Übrigen, das wird gerne vergessen, just zu jener Zeit ein anderes wichtiges öffentliches Gebäude, nämlich das Polizeipräsidium in Hamburg, für die Stadt errichtet hatte und dies drei Wochen vor Termin und 15 Millionen D-Mark unter Budget abgeliefert hatte. Also so ging es ja auch.

Gab es denn einen Moment in der ganzen Entwicklung, an dem Sie gesagt haben: "Zum Glück sind wir nicht mehr dabei."?

Gérard: Ja, das gab es durchaus, also ich kann in aller Bescheidenheit sagen, dass die Tatsache, dass wir ab November 2004 aus dem Projekt rausgedrängt wurden, mir letztendlich glaube ich auch die Gesundheit erhalten hat.

Wir wünschen Ihnen gute Gesundheit. Was wünschen Sie der Elbphilharmonie für die Zukunft? Was muss dort, jetzt wo der Bau fertig ist, passieren?

Gérard: Der Bau ist ja eigentlich eine Hülle. Eine wunderbare Hülle, die auch nach außen strahlt, die von großer Wichtigkeit für die Entwicklung der Stadt sein wird, aber wenn es um die Entwicklung der Stadt als Musikstadt geht, dann kommt es natürlich auf die Inhalte an. Ich bin sehr gespannt, ob es der Stadt über ihren Intendanten gelingt, hier langfristig ein Angebot zu bieten, das nicht nur die Elbphilharmonie, sondern auch die Laeiszhalle füllen wird und viele neue Menschen an die Musik in all ihren Spielarten heranführen wird. Und außerdem bin ich natürlich wahnsinnig gespannt, wie dieser Saal, der wirklich über eine ausgezeichnete, eine ungewöhlich gute Akustik verfügt, auf die in Hamburg ansässigen Orchester rückwirken wird, nicht zuletzt auch das NDR Elbphilharmonie Orchester.

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NDR Kultur | Journal | 04.11.2016 | 19:00 Uhr