Stand: 21.07.2017 19:00 Uhr

Den ethischen Diskurs verteidigen

Vor gut eineinhalb Jahren ist "Gutmensch" zum Unwort des Jahres auserkoren worden. Begründet wurde die Entscheidung seinerzeit damit, dass mit dem Begriff "Gutmensch" 2015 insbesondere auch diejenigen beschimpft wurden, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagierten oder sich gegen Angriffe auf Flüchtlingsheime stellten. Mit dem Vorwurf "Gutmensch", so hieß es dann weiter, würden Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom oder moralischer Imperialismus diffamiert. Nun legt die Publizistin Hilal Sezgin mit dem Buch: "Nichtstun ist keine Lösung" eine über 150-seitige Verteidigungsschrift für das "Gutmenschtum" vor und appelliert an die politische Verantwortung in Zeiten des Umbruchs, so der Untertitel.

NDR Kultur: Wie würden Sie denn überhaupt im positiven Sinne, wie sie es auch in ihrem Buch darstellen, einen "Gutmenschen" definieren?

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Hilal Sezgin: Wir stellen uns oft Helden vor, einen Heiligen oder einen, der das ganze Leben der guten Sache widmet. Aber können wir es dann bitte auch eine Portion kleiner haben? Kleiner, aber dafür realistischer und dann eben auch würdigen. Ich glaube, die allermeisten von uns wollen gerne in einer Gesellschaft leben, in der sie nicht andauernd Armut sehen, in der sie wissen, dass sie nicht Armut und Leid in anderen Ländern verursachen. Gerechtigkeit und gutes Zusammenleben sind ja auch Wünsche von uns. Sich dafür zu engagieren, das charakterisiert sozusagen einen Gutmenschen, oder auch sich für Tiere zu engagieren. Das muss aber nicht gleich die ganz riesige große Portion sein. Das ist einfach eine menschliche Kulturtätigkeit, etwas verbessern zu wollen, Gerechtigkeit anzustreben, auch direkt zu helfen. Das sind ganz normale Sachen und man soll sie nicht so aufblähen und nicht so verteufeln. 

Bei der Komplexität vieler Probleme in unserer Gesellschaft ist es doch eher ein moralischer Imperativ zu sagen: Das ist gut und das ist böse. Wer entscheidet was gut oder böse ist?

Sezgin: Bei ganz vielen Sachen, eben weil die so unheimlich komplex sind und weil sie durch Globalisierung sich über die ganze Welt erstrecken, ist einfach gar nicht klar: Das ist gut und das ist schlecht. Aber wir haben ja oft schon den Diskurs darüber disqualifiziert und den versuche ich zu verteidigen: Der Diskurs darüber, was wäre denn ethisch gut, was würde uns denn weiter helfen? Wie stellen wir uns denn ein Zusammenleben zum Beispiel mit Menschen aus Südasien vor, wie stellen wir uns denn diese Kooperation auf dieser Erde vor. Diesen Diskurs, den muss man verteidigen. Und das ist dann auch eigentlich kein Imperativ, sondern mehr eine Einladung. Wir sollten uns fragen, wie wollen wir unsere Erde verbessern, wie wollen wir, dass unsere Erde aussieht, dann wird da ein anderer Diskurs draus.

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Wie stellen Sie sich denn die Ethik der Verantwortung und Solidarität vor, wie das Buch im Untertitel heißt?

Sezgin: Das ist wirklich ein Problem. Ich denke zum Einen, es kommt natürlich auch Unangenehmes auf uns zu. Ich glaube, dass wir nicht ohne die Änderung unserer Lebensweise davonkommen. Ich glaube, dass wir momentan uns selbst und anderen sehr viel Druck und Konkurrenzdruck machen und ständig in einem Rausch oder Zwang des Mehrkonsumierens sind, der uns auf Dauer nicht glücklich macht. Wir müssen das runter schrauben. Die Erde verträgt unseren Ressourcenverbrauch nicht. Das ist ja ganz trivial, was ich jetzt sage. Das Problem ist nur, wir wissen es alle, aber wir tun es nicht. Und wenn ich sage Ehtikverbundenheit, dann meine ich, es gibt etwas zu gewinnen. Wir betrachten uns zu sehr als isolierte Wesen und versuchen uns in dieser Konkurrenz- und Leistungsgesellschaft zu beweisen. Ich glaube, wenn wir ein bisschen unser Menschenbild verschieben könnten, unser Bild von der Gesellschaft, wenn wir ein bisschen mehr achten, wie wir mit der Gesellschaft und anderen verbunden sind, dann würden auch gewinnen. Verbundenheit ist ein schönes Ideal.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 21.07.2017 | 19:00 Uhr

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