Stand: 08.06.2016 15:27 Uhr  | Archiv

i,Slam: Gesellschaftskritik in Versform

von Stefanie Groth

Fromm, gewaltbereit, unterdrückt: Viel wird über muslimische Jugendliche geschrieben und gesprochen - zumeist negativ. Immer öfter melden sie sich selbst zu Wort. Die Gruppe "i,Slam" aus Berlin zum Beispiel bietet jungen Muslimen eine Bühne. In der Tradition des amerikanischen Poetry-Slam, einer Art Dichterwettkampf.

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Die "i,Slamily" stellt sich vor

Die Poetry-Slammer von "i,Slam" geben einen Einblick in ihren Alltag. extern

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Youssef Adlah: "UND JEMEN?"

Es gibt nicht nur Terroropfer in Europa - so die Kernaussage des Vortrags von Poetry-Slammer Youssef Adlah. extern

Leila, 24, studiert Jura an der Freien Universität und ist Mitbegründerin von "i,Slam" - einer Gruppe junger Muslime aus Berlin, die es vor fünf Jahren leid waren, dass Politiker und Medien immer über Muslime redeten, aber selten wirklich mit ihnen. Seitdem stellen sie sich auf die Bühne und verschaffen sich Gehör, mit Poetry-Slam.

Poetry-Slams sind literarische Wettbewerbe, bei denen man selbst verfasste Beiträge vorträgt. Dabei werden die Texte nicht einfach gelesen, sondern performt, also mit Stimme und Rhythmus vorgetragen. Das hinterlässt nicht nur bei den Zuschauern Eindruck. "Wenn man in bestimmten Strukturen aufwächst, in denen es nicht einfach ist, ein gesundes Selbstbewusstsein, eine gesunde Identität zu entwickeln, dann hinterlässt das Spuren, bis ins Erwachsenenalter hinein", erzählt Leila. "Und 'i,Slam' hat mein Selbstbewusstsein auf eine ganz andere Ebene gehoben und auch meine Identität gestärkt. Man ist dann auch nicht alleine und merkt: Krass, das sind ganz viele, die dieselben Erfahrungen teilen wie du."

Auch außerhalb Deutschlands erfolgreich

Die Sendung zum Nachhören
03:51

i,Slam: Gesellschaftskritik in Versform

10.06.2016 15:20 Uhr

Junge engagierte Muslime der Gruppe "i,Slam" aus Berlin stellen sich auf die Bühne und verschaffen sich Gehör: mit Poetry-Slam. Audio (03:51 min)

Seit der Gründung vor fünf Jahren ist viel passiert. "i,Slam" betreut mittlerweile mehr als 70 Künstlerinnen und Künstler. Und sie sind erfolgreich, werden so oft für Auftritte und Kooperationen angefragt, dass sie kaum hinterherkommen. Auch in die USA und nach Tunesien wurden sie schon eingeladen. Es gibt lokale Gruppen in Frankfurt und München und seit Anfang des Jahres eigene Räume in Berlin-Mitte: ein kreativer Rückzugsort, offen für jeden und alle Kunstformen, erklärt Mitbegründer Youssef Adlah: "Es ist wichtig, dass es 'safe places' gibt, wo Leute, die Opfer sind von Diskriminierung, Rassismus und strukturellem Rassismus, sich zurückziehen können. Das sind nicht nur Muslime, das sind viele. Und die sind herzlich eingeladen, hierherzukommen und sich hier wohlzufühlen."

"Alles begann mit einem Wort"

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Mit Dichtkunst etwas bewegen - das ist das Ziel von "i,Slam".

Zwar kommt Poetry-Slam ursprünglich aus Chicago, ist aber eine Kunstform, die der islamischen Kultur nicht widerspricht. Der Koran ist in Versform verfasst, seine Gebete gehören vorgetragen, und die Offenbarung beginne sicher nicht umsonst mit der Aufforderung an den Propheten Mohammed: "Lies, im Namen des Herrn", erklärt der Berliner Imam Abdul Kamouss, der die Arbeit von "i,Slam" begrüßt und unterstützt: "Das ist genau ein Hinweis von Gott, die Schreibfeder ist hoch geehrt, etwas heiliges, zu achten, zu respektieren. Die Schreibfeder ist die Quelle des Wissens. Und hat keine Grenzen. Sei es in Kunst, Kultur, Spiritualität, der Wissenschaft. Denn was die größte Rolle spielt, ist die Völkerverständigung durch das Wort. Ich glaube an das miteinander Sprechen. Denn nur wenn wir Worte austauschen, können wir uns verstehen."

i,Slam Kunstpreis

Die Gruppe "i,Slam" hat einen Preis für gesellschafts- und sozialkritische Kunst ausgeschrieben. Unter Schirmherrschaft von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig. Bis Ende Juni kann man sich noch bewerben.

Und so ist auch der Leitspruch von "i,Slam": "Alles begann mit einem Wort." "Meiner Meinung nach muss Kunst dazu da sein, wirklich etwas zu verändern in der Gesellschaft", findet Leila. "Weil letztlich, wenn man Kunst betreibt und ausübt, dann macht man Kultur und damit ist man auch Teil des Erbes des Landes. Und je nachdem, was für eine Kultur man schafft, hinterlässt man auch seine Spuren, was wieder nachfolgende Generationen beeinflussen wird. Deswegen sollte das schon in eine Richtung gehen, die auch zum kritischen Denken in irgendeiner Weise auffordert."

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Freitagsforum

Reportagen aus dem Alltag von Muslimen, Berichte über innermuslimische Debatten und Beiträge von Gastautoren zu aktuellen Themen: Das alles bietet das Freitagsforum. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 10.06.2016 | 15:20 Uhr