Stand: 19.01.2017 14:12 Uhr

Windschatten für Populisten

Präsident Trump und die liberalen Grundwerte

Der neue amerikanische Präsident, Donald Trump, sorgt weltweit für Unruhe. Seine Anhänger in den Vereinigten Staaten und anderswo sehen in ihm einen politischen Messias, seine Gegner registrieren nervös jede neue Äußerung des mächtigsten Manns der Welt. Auch die muslimische Community in Deutschland diskutiert, welche Folgen Trumps Politik für unsere Gesellschaft haben könnte.

Ein Kommentar von Lamya Kaddor

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"Trump nährt jene Kräfte, die die Spaltung unserer Gesellschaft vertiefen wollen", sagt Lamya Kaddor.

Donald Trump verkörpert für viele das sogenannte postfaktische Zeitalter wie kein anderer. Ein Mann, der trotz oder gerade wegen offensichtlicher Lügen zum amerikanischen Präsidenten und damit zum mächtigsten Mann der Welt gewählt wurde. Ein Mann, der über Mexikaner sagt, sie seien Vergewaltiger. Ein Mann, der Muslime registrieren und ihnen die Einreise verweigern will. Ein Mann, der Frauen wie Sexualobjekte beschrieben und behandelt hat.

Über die Autorin

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, Islamische Religionspädagogin und Autorin zahlreicher Bücher. Die Deutsche mit syrischen Wurzeln zählt zu den wichtigsten muslimischen Stimmen unseres Landes. Kaddor bezeichnet sich selbst als "Verfassungspatriotin" und ist Gründungsvorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes. Seit Dezember 2015 leitet sie u.a. das Projekt "extrem out - Empowerment statt Antisemitismus", gefördert vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Aktuelles Buch zum Thema: "Die Zerreissprobe. Wie die Angst vor dem Fremden unsere Demokratie bedroht" (Rowohlt Berlin, 2016).

Twitter als "Staatsmedium"

Trump ist ein Social-Media-Präsident. Er twittert, was das Zeug hält. Er beleidigt Journalisten. Jüngst beantwortete er auf seiner Pressekonferenz eine aus seiner Sicht nervige Frage mit: "You are fake news" - "Ihr seid Falschnachrichten". Trump will offenbar nur noch mit Medien sprechen, die aus seiner Sicht nicht zum "Establishment" gehören. Das erinnert an jene Autokraten, zu denen die US-Regierung bisher eher auf Distanz ging, wie Russlands Präsidenten Wladimir Putin.

Wie wird ein Mann regieren, der keinerlei politische Erfahrung aufweist - wohl aber Erfahrung darin hat, noch reicher zu werden? Was wird passieren, wenn Trump es sich auf einmal mit Putin verscherzt oder wenn er weiter undiplomatisch auf Twitter gegen China pöbelt? Für uns in Deutschland bedeutet das im Klartext ein politisch sehr viel schwierigeres Verhältnis zu den USA als bisher.

Spaltung der Gesellschaft mit unklarem Ziel

Die meisten Menschen in Europa dürften in Trump eine Gefahr sehen. Aber einige sehen in ihm auch den ersehnten Rebellen, der es wagt, gegen die "Mächtigen" aufzustehen. Die "Mächtigen", das sind jene Politiker, Medien, Unternehmen, Intellektuelle, Prominente, die die bisherigen liberalen Grundwerte im Westen erkämpft haben. Die aus Pluralität und Freiheit für Andersdenkende und Minderheiten zunehmend den Mainstream gemacht haben. Die dafür gesorgt haben, dass menschenfeindliche, chauvinistische, diskriminierende Botschaften postwendend mit öffentlicher Ablehnung quittiert werden. Mit dieser Offenheit gegenüber den Anderen soll Schluss sein. Trump nährt jene Kräfte, die die Spaltung unserer Gesellschaft vertiefen wollen. Aber mit welchem Ziel?

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02:44

Windschatten für Populisten

20.01.2017 15:20 Uhr

Ein Kommentar von Lamya Kaddor. Audio (02:44 min)

Beschädigtes Vertrauen in die Politik

Als muslimische Deutsche mit Migrationshintergrund schaue ich mit besonderer Sorge in die Zukunft. Möglicherweise wird im Windschatten der Trump-Präsidentschaft in dieser Hinsicht für uns 2017 noch viel Schwerwiegenderes passieren: Der Einzug von noch mehr Populisten und Rassisten in unsere Parlamente. Nicht nur in Deutschland wird gewählt, auch in Frankreich und den Niederlanden, und auch dort haben Trump-Sympathisanten Aussichten auf Erfolg. Sollte es so kommen, werden erneut erkennbare Minderheiten die ersten Opfer dieser Entwicklung sein.

Alles in allem aber schwächt dieser US-Präsident den Glauben an und das Vertrauen in Politik weltweit. Wir können nur hoffen, dass es nicht so schlimm kommt, wie befürchtet.

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Dieses Thema im Programm:

Freitagsforum | 20.01.2017 | 15:20 Uhr