Stand: 07.12.2017 16:29 Uhr

"Reli für alle" - Ein Hamburger Erfolgsmodell?

Muslime, Christen und Juden bleiben im Religionsunterricht an deutschen Schulen meistens unter sich. In Hamburg ist das etwas anders. Die katholischen Schulen bieten dort zwar nach wie vor katholischen Religionsunterricht an, an den allgemeinbildenden Schulen jedoch gibt es seit Jahrzehnten einen "Religionsunterricht für alle". Das heißt, alle Kinder setzten sich gemeinsam in gemischt-religiösen Klassen mit allen Weltreligionen auseinander.

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Von Reiner Scholz

Freitagmorgen am Margaretha-Rothe-Gymnasium in Hamburg-Barmbek. 16 Schüler und Schülerinnen verschiedenster Glaubensrichtungen sitzen unter Anleitung ihrer Lehrerin Sandra Bütünley vor ihren Computer-Bildschirmen. Ihre Aufgabe: jeweils eine der Weltreligionen vorzustellen. Mert ist Muslim: "Weil meine Gruppe den Hinduismus wählen wollte, habe ich da einfach mitgemacht. Weil ich eine neue Religion kennenlerne, und das finde ich schön."

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Hamburg geht einen anderen Weg als die meisten Bundesländer in Deutschland. Seit mehr als 25 Jahren gibt es dort den dialogischen "Religionsunterricht für alle". Die bisherigen Erfahrungen seien gut, heißt es. Noch liegt die Verantwortung bei der evangelischen Nordkirche. Doch das soll sich ändern. Zurzeit ist man dabei, das Modell weiterzuentwickeln.
Auch im Stadtstaat Bremen werden Schülerinnen und Schüler im Fach Religion gemeinsam und nicht nach Konfessionen getrennt unterrichtet.

In der neunten Klasse konnten die Jugendlichen wählen, ob sie am Philosophie- oder am Religionsunterricht teilnehmen wollen. Viele haben sich für Religion entschieden, wie dieser Junge: "Ich finde das eigentlich sehr gut, weil man dann viel von den anderen Religionen lernt, die man sonst nicht kennenlernen würde." Das würde auch dem gegenseitigen Respekt zugutekommen.

"Miteinander lernen, uns zu verstehen"

"Religion für alle" hat in Hamburg eine lange Tradition, den Unterricht gibt es seit mehr als 50 Jahren. Lehrerin Bütünley, selbst Christin, ist gerade auch wegen des überkonfessionellen Religionsunterrichts nach Hamburg gekommen: "Ich hatte selbst katholischen Religionsunterricht an der Schule. Im Berliner Studium habe ich den freiwilligen Religionsunterricht miterlebt, der konfessionell geprägt ist. Im Referendariat in Niedersachsen dann wieder den konfessionellen Religionsunterricht. Ich sehe hier das Potential in dem Miteinander und finde es spannend, wie es die Realität in der Großstadt abbildet. Wenn wir hier in Barmbek, in dem bunten Stadtteil, auf die Straße gehen, ist es das, was wir sehen. Und so können wir miteinander lernen, uns zu verstehen - und zwar im Selbstlauf."

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In anderen Bundesländern betrachtet man das Hamburger Modell mit Interesse - aber auch mit Skepsis.

Bisher liegt die Verantwortung für den Unterricht bei der evangelischen Nordkirche. Künftig sollen aber auch, so sieht es u.a. der 2013 mit den muslimischen Verbänden geschlossene Vertrag in Hamburg vor, muslimische Lehrer und Lehrer anderer Konfessionen das Fach unterrichten. In der Erprobungsphase gebe es keine Probleme, sagt Jochen Bauer von der Schulbehörde: "Wir haben in Hamburg in den vergangenen fünf Jahren eine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit, eigentlich aller beteiligten Religionsgemeinschaften. Das sind DITIB, Schura und VIKZ; und allein an dieser Zusammenstellung sieht man, dass es eine nicht sehr homogene Trägerschaft auf muslimischer Seite gibt, die sich auch untereinander immer wieder verständigen muss. Dazu kommen die Aleviten, die häufig einen kurdischen Hintergrund haben, wo auch ein gewisses Spannungsverhältnis herrscht, die jüdische Gemeinde und die evangelische Gemeinde."

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"Reli für alle" - Ein Hamburger Erfolgsmodell?

08.12.2017 15:20 Uhr

Der konfessionsübergreifende Religionsunterricht hat in Hamburg eine lange Tradition. Dort setzen sich muslimische, christliche und jüdische Schüler gemeinsam mit allen Weltreligionen auseinander. Audio (03:41 min)

Kritik vor allem von außerhalb

Vor allem außerhalb des Stadtstaates gibt es auch kritische Stimmen. Theologen, Lehrer und auch Vertreter der Religionsgemeinschaften befürchten, dass die Schüler zu wenig über ihren eigenen Glauben lernen und ihnen so die Basis für einen tragfähigen Dialog fehlt. Zudem könnten christliche Eltern Anstoß daran nehmen, dass ihre Kinder von Muslimen unterrichtet würden. Jochen Bauer teilt diese Ängste nicht: "Dort, wo wir das erprobt haben, gab es diese Besorgnisse nicht - ich glaube, weil man sich kennt. Es ist ja häufig die Klassenlehrerin oder eine Lehrkraft, die auch andere Fächer hat. Und das hat etwas mit Vertrauen zu tun. Und wenn das Vertrauen da ist, die Erfahrung da ist, das ist die gleiche Lehrkraft wie in Geschichte, Deutsch oder Mathe, da haben sich diese Ängste nicht gezeigt."

In anderen Bundesländern betrachtet man den Hamburger Weg mit Interesse. Im Sommer 2018 endet die Erprobungsphase. Dann wird Bilanz gezogen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 08.12.2017 | 15:20 Uhr