Stand: 13.07.2017 18:39 Uhr

Weisheit bis der Atem stockt

von Ulrich Kühn

Mein Text war fix und fertig. Er handelte vom Zirkusgetöse, das jetzt so überlaut dröhnt. "Lasst den Michel im Dorf, es waren Kriminelle, das hat mit Politik nichts zu tun!" "Da habt ihr's, Bagage, das sprießt aus dem Schoß eures nie defertilisierten Linksmilieus!" Defertili-was? Ach so, das heißt unfruchtbar machen. Aber ist sowieso egal, Hauptsache laut gedröhnt, Hauptsache schambegossen geglotzt, nur verantwortlich keinesfalls. Davon handelte mein Text, von tosenden Verbalgeschützen, "auf linkem Auge blind", "auf rechtem Auge blinder", "Polizeitaktik falsch", "Polizisten Helden", und so weiter, in Ewigkeit, amen.

Mentalakrobat bittet um Entschuldigung

Und auf dem Zirkushochseil balanciert ein Mentalakrobat, der um Entschuldigung bittet, weil er sich keiner Schuld bewusst ist. Die ganze Show sei bizarr, schrieb ich. Das Lieblingsspiel deutscher Politkrawallerie, "wir sind's nicht, ihr seid es gewesen", hängt einem zum Hals heraus. Für eine Welt, die sich durch Digitalisierung und Robotik fundamental verändert, findet man die Blaupause nicht im "Kapital" von Marx oder in Grabenkämpfen der 1980er. Diese neomanipulative Welt, in der Genosse Algorithmus herrscht, lässt sich nicht nach der Gesäßgeographie des 20. Jahrhunderts kartographieren.

Verdrängt, projiziert und geleugnet was das Zeug hält

Ich berichtete, wie ich in meiner Empörung und Ratlosigkeit meinen Lieblingspsychiater Dr. Brack befragte, was da eigentlich vor sich gehe; und ich erzählte von seiner Antwort: Wir beobachten in diesen Tagen, so Brack, die "große Abspaltung". Die große Abspaltung mache den Menschen wieder zum Kleinkind, alles sei wieder gut oder böse, es werde verdrängt, projiziert, geleugnet was das Zeug hält. Und die Politik? Spalte die wichtigsten Zukunftsprobleme ab. Solange aber alle so intensiv damit beschäftigt seien abzuspalten, was ihr Selbstbild stört, solange wir den Kopf so tief in den Sand gesteckt hielten, sähen wir leider die anrollende Monsterwelle nicht. So die Meinung von Dr. Brack aus Lübeck.

Statt maximaler Empörung, ein bisschen basale Empathie

Das alles hatte ich aufgeschrieben, mit hingebungsvoller Empörung, um es Ihnen mitzuteilen. Als ich zu Ende geschrieben hatte, war mir danach, tief durchzuatmen. Und wie ich so atmete, langsam und sehr tief, fiel mir ein fremder Text in die Hand. Er handelte von der Weisheit; davon, wie jeder üben könne, täglich ein bisschen weiser zu werden. Dieser Gedanke, dachte ich, verdient vielleicht weitere Verbreitung. Meiner Erfahrung nach ist das Leben ein Weisheitsangebot, das in zehn von neun Fällen ausgeschlagen wird. Ist es nicht tröstlich zu hören, dass man es nutzen könnte, mit etwas gutem Willen? Indem man zum Beispiel, statt sich in maximaler Empörung zu üben, ein paar Übungen in basaler Empathie machte, um das Leben besser zu gestalten?

Hamburg kann weisheitsfördernd wirken

Wenn schon nicht das eigene, dann vielleicht das der anderen: Sie kennen die komische Situation, wenn man glasklar sieht, was bei Dritten falsch läuft und wie es besser laufen würde; und wenn's einen dann selbst erwischt - na, Sie wissen schon. In dem Text in der Zeitschrift "Psychologie heute" (ja doch, ich lese manchmal darin, schon um Dr. Brack besser folgen zu können), in jenem Text stand auch, dass negative Erfahrungen dem Wachsen der Weisheit besonders auf die Sprünge helfen. Es gibt also Restbestände an Hoffnung, Hamburg kann weisheitsfördernd wirken! Sehr wahrscheinlich ist es nicht, aber immerhin. Nehmen wir jetzt noch hinzu, was der alte Seneca schrieb: wie kurz das Leben ist, wie sorgfältig man es nutzen muss, um es nicht zu vergeuden – nehmen wir das hinzu, ist die Sache klar. Macht euren Empörungszirkus alleine. Ich übe mich lieber in Weisheit. Ab jetzt! Für immer! Bis morgen bestimmt.

Oder bis der Atem halt wieder stockt.

 

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Die Kolumne zum Nachhören

14.07.2017 10:20 Uhr

Die Maschine der Empörung ist gut geölt, auch eine Woche nach den Hamburger Krawallen. Trotzdem ist unser NachDenker Ulrich Kühn, nach angemessener Empörung, auf eine andere Idee gekommen. Audio (03:60 min)

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Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

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NDR Kultur | Die NachDenker | 14.07.2017 | 10:20 Uhr