Stand: 06.10.2017 10:20 Uhr

Spalten statt vereinen - das neue Gift in Europa

von Rainer Sütfeld
NachDenker Rainer Sütfeld ist Leiter der Hauptredaktion "Kulturelles Wort" bei NDR Kultur in Hannover.

AFS und AFB - in beiden Fällen wird das "F" übrigens großgeschrieben - also die beiden Schwesterparteien wollen das "F" wie Freistaat ernst nehmen. Sowohl die Alternative Freistaat Sachsen als auch die Parteifreunde im Freistaat Bayern wollen den Bund verlassen. Ein Referendum ist in den beiden Noch-Bundesländern für den 11.11. vorgesehen. Bundeskanzlerin Merkel verwies darauf, dass in beiden Fällen das Grundgesetz gelte und die Freistaaten keinerlei Sonderstellung gegenüber der Verfassung hätten. Bundespräsident Steinmeier unterstütze in einer Fernsehansprache die kompromisslose Haltung der Kanzlerin. In Dresden und Deggendorf gab es spontane Demonstrationen und "Weg von Merkel"-Rufe.

Wo nur ist die Vernunft geblieben?

Unvorstellbar? In Italien, Irak, Belgien, Frankreich, Großbritannien nicht - und in Spanien heute traurige Realität, der Aufstand gegen eine Zentralgewalt und das Streben nach Eigenständigkeit, das sogar in einen Bürgerkrieg münden könnte. Wo nur ist die Vernunft geblieben, wo nur das Gemeinschaftsgefühl? Warum hat das Irrationale die Oberhand gewonnen, in den USA, in England und jetzt in Katalonien? Warum wollen Populisten der italienischen Lega Nord oder in Flandern und eben Katalonien die ärmeren Landesteile im Stich lassen und zuvorderst ihrem Wohlstand frönen? Ja in Belgien und Spanien geht es um mehr, um eigene Sprache und eigene Kulturen. Es geht um Konflikte mit den nationalen Regierungen und historische Verletzungen, besonders in Spanien.

Die Wurzeln des Separatismus

Wir mögen vergessen haben, dass das Land erst seit 1982 demokratisch regiert wird. Dass unter Franco Katalanisch verboten war und jede Autonomiebewegung bekämpft wurde.

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Das katalanische Unabhängigkeitsreferendum hat eine generationenübergreifende Vorgeschichte und hat die Menschen in Katalonien stark emotionalisiert.

So durfte auch der wohl bekannteste katalanische Schriftsteller, Carlos Ruiz Zafón, geboren in Barcelona, nur Spanisch lernen. Seine Erfolgsromane erdenkt und schreibt er deswegen auf Spanisch. Natürlich verarbeitet Zafón in seinen Barcelona-Büchern auch die tiefen Verletzungen der Franco-Diktatur in seiner Heimatregion. Und er war genau wie der bekennende Separatist José Carreras Befürworter des Referendums. Was den Irrweg nicht besser macht.

Warum ist es so schwer, miteinander zu reden? Ist ein Zeitalter der Sprachlosigkeit ausgebrochen, in dem Diplomatie als Zeitverschwendung gilt? Die Töne aus Madrid, selbst die des Königs erinnern an dunkle Zeiten des stolzen Landes. Das Reden nur zu den eigenen Anhängern in Barcelona, das absolute Beharren auf einem unrechtmäßigen Verfahren lässt Befürchtungen vor baskischen Verhältnissen wach werden.

Die Fliehkräfte treten an vielen Stellen auf

Was treibt uns nur auseinander, in den Ländern Europas und in Europa selbst - und das in Zeiten, in denen wir Gemeinsamkeit mehr brauchen als je zuvor? Gewohntes zerfällt, aus Freunden werden Gegner - selbst Familien sind zerstritten. Auf Stabilität lässt sich fast nirgendwo mehr Zukunft aufbauen. Es sind nicht nur die Herbststürme, die meine Gedanken durcheinanderwirbeln. Denke ich an Europa in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht. Der Brexit war ein Schlag, das Zerbrechen Spaniens wäre der Anfang vom Ende der Europäischen Gemeinschaft.

Sie sehen, mir ist bang ums Herz, auch für die Zukunft meiner Tochter und ihrer Familie. Nur eins ist sicher, Bayern und Sachsen bleiben Teil einer demokratischen Bundesrepublik. Und vielleicht kann unsere schweigsame Kanzlerin ja Spanien und Europa retten, wenn sie Jamaika geeint hat. Miteinander reden ist diesmal - in Barcelona und Madrid, Berlin und München - Gold.

Rainer Sütfeld © NDR Fotograf: Christian Spielmann

Spalten statt vereinen - das neue Gift in Europa

NDR Kultur - Die NachDenker -

Schon am Tag der Einheit hierzulande erkennt NachDenker Rainer Sütfeld, wie viele Mauern es noch in unserem Lande gibt. Und ein Blick auf Europa lässt nur noch wenig Gemeinschaft erkennen.

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NDR Kultur | Die NachDenker | 06.10.2017 | 10:20 Uhr