Stand: 15.06.2017 14:59 Uhr

Raus aus der Mauer

von Alexander Solloch
Alexander Solloch ist Literaturredakteur bei NDR Kultur.

Nach fast drei Jahren ist mit Erstaunen und Verdruss festzustellen, dass der Lauf der Welt sich sogar durch unser hierorts betriebenes öffentliches Nachdenken überhaupt nicht wesentlich gewandelt hat. Kein Gedanke kommt an gegen all das, was unsere Herzen verschalt und verkarstet, gegen all das, was uns einmauert und uns in uns selbst verschließt.

Das Denken muss mal Pause machen

Brennende Hochhäuser und mordende Menschen, lodernder Hass und sinnloses Leid, die Lügen der Präsidenten, aber auch (vor allem auch): unsere eigenen Lügen und Durchwurschteleien, unsere Verstrickung in die lähmende Mattigkeit des Alltags, unsere ich-geile Blindheit für die Nöte und Sehnsüchte der anderen, all das, all das - und dann ein paar hübsche Gedanken, gekleidet in klingende Worte? Das kann es ja auch nicht sein. Das Denken muss mal Pause machen und dem Fühlen und Spüren weichen; dem Versuch wenigstens.

Da war einmal ein Mann, der den Weg zum Fühlen fand - jedenfalls soweit ich ihn verstehe, und man müsste, fürchte ich, schon um einiges weniger schlicht sein, um ihn wirklich zu verstehen. Bernard Enginger wurde 1923 in Paris geboren, wuchs in der Bretagne auf. Die deutschen Verbrecher verhafteten ihn, sperrten ihn anderthalb Jahre ein und zerrütteten ihn an Leib und Seele. Als der Krieg vorbei war, reiste er durch die Welt, auf der Suche wohl nach einer Antwort, was das denn sei, ein gutes Leben. Aber auch die Anhäufung immer neuer äußerlicher Abenteuer befriedigte ihn nicht. In Indien fand er seine Lehrmeisterin Mirra Alfassa, genannt "die Mutter", die ihm seinerseits den Namen "Satprem" gab - "einer, der richtig liebt".

Aber worin besteht sie denn, die "richtige" Liebe?

Sie ist nichts Mystisches, nichts Spirituelles, nichts, was von "Erleuchtung" oder solchem Kram umschienen wäre. Satprem, der vor ziemlich genau zehn Jahren starb (was man so "sterben" nennt), hat jedem von uns Verstrickten etwas zu sagen. Worte, über die nicht nachzudenken ist. Vielleicht kann man es stattdessen schaffen, etwas in ihnen zu spüren: "Es ist das dreißigtausendste Jahrtausend seit dem Erscheinen des Menschen. Was? All dies, diese Millionen Jahre, nur um mit Krawatte, Aktenkoffer in der Hand und Stempel im Pass umherzuspazieren? Ein Pass wohin? Ein Stempel wofür? Wo ist denn der Mensch als großes Abenteuer?"

"Es ist nicht schlimm, Fehler zu machen, sogar entsetzliche Fehler. Es ist nur schlimm, da nicht rauszuwollen. Die einzige Sünde ist, sich von irgendetwas einmauern zu lassen." Man müsste ein Kind sein, sagt Satprem, wie ein Kind zu sein versuchen: "Die einzige Wiedergutmachung der Dinge, die man an anderen begangen hat, besteht darin, die kindliche Einfalt zu finden. Man begeht die allergrößten Dummheiten, nur um zu dieser Freiheit zu gelangen," sagt Satprem.

Dies ist mein Bild der Woche: Ich sitze im Auto, stehe an der Ampel; auf der Spur daneben geht es nicht weiter - da hat wohl einer die kurze Grünphase verpennt. Und es flucht und es brüllt und es hupt und es tobt eine Frau in ihrem Geländewagen, die nicht darüber hinwegkommt, dass sie wohl eine Minute später an ihrem Ziel sein wird.

Wie groß wäre die Freiheit, wenn man sich und der Welt nicht mehr zürnen müsste!

Verzweifeltes Paar, das sich anschweigt vor einer Wand. © picture-alliance / maxppp Fotograf: Frederic Cirou

NachDenker: Raus aus der Mauer

NDR Kultur - Die NachDenker -

Alexander Solloch überlegt, wie groß wäre die Freiheit wäre, wenn man sich und der Welt nicht mehr zürnen müsste und erinnert an Bernard Enginger, alias Satprem, der zu leben wusste.

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NDR Kultur | Die NachDenker | 15.06.2017 | 10:20 Uhr