Stand: 10.08.2017 16:58 Uhr

O furchtbarer, herrlicher Fußball!

von Alexander Solloch
Alexander Solloch ist Literaturredakteur bei NDR Kultur.

Aus gegebenem Anlass hat unser NachDenker Alexander Solloch einen kleinen Vortrag über fußballerische Sachverhalte zu Papier gebracht. Selbstverständlich - das ist ja gängige Praxis - hat er den Text vorher der Deutschen Fußball-Liga (DFL) und dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) zum Gegenlesen geschickt, einzig und allein zum Zwecke des Faktenchecks. Wie - Sie fürchten Glättung, Schönung gar? Papperlapapp! Urteilen Sie selbst!

Original: Abschied vom FußballRedigat: Herrlicher Fußball
Drei unsinnige Monate lang haben wir darben müssen - nie wird ein denkender und fühlender Mensch je verstehen, warum der Freiluftsport Fußball gerade dann, wenn die Sonne (theoretisch) am fröhlichsten strahlt, zwangspausieren muss. Drei Monate lang unfassbar!Schön und ereignisreich war die Bundesliga-Sommerpause - wobei: von einer Pause kann man ja gar nicht sprechen. In uns allen blühen doch noch die herrlichen Erinnerungen an den unvergesslichen Confederations-Cup in Präsident Putins gesegnetem Russland. Das war schön!
Jetzt aber geht es ja wieder los: heute Abend mit der 1. Runde im DFB-Pokal, nächste Woche dann mit dem 1. Bundesliga-Spieltag. Freudige Erregung erfasste mich einst (so ungefähr bis ins Jahr 2016 hinein) in diesen Augusttagen, nichts anderes konnte ich mehr tun, als mir spektakuläre Spielszenen mit gewagten Grätschen und tollkühnen Torwartparaden auszumalen. Ich war für sonst nichts zu gebrauchen. Vorbei, verweht, nie wieder.Und herrlich geht es weiter! Nach dem großen Erfolg von Jogi Löws MANNSCHAFT™©® beim Confed-Cup dürfen wir uns dieses Wochenende anlässlich der 1. Runde des DFB-POKALS™©® und eine Woche darauf beim 1. Spieltag der BUNDESLIGA™©® wieder auf packende, aber natürlich jederzeit faire und klinisch saubere Spielszenen freuen. Eine Freude, die uns alle doch im täglichen Einsatz für mehr Produktivität und Wachstum noch weiter anspornt!
Auch der Selbstbetrug stößt an seine Grenzen. Der Wahnsinn ist natürlich nicht neu: die Geldverschleuderung, die Durchstechereien der Verbände, die zynische Dekadenz der kickenden Millionäre, deren einzige Rebellion gegebenenfalls noch darin besteht, einen letzten Hautfetzen untätowiert zu lassen - nein, neu ist das nicht.Man kann gar nicht so viele Arme heben, wie man jubeln möchte! Fußball macht ja nicht nur einfach Spaß - er bildet auch Mehrwerte! Man denke nur einmal an die vielen Arbeitsplätze, die er schafft (Spielerberater, TV-Experten für das Dienstagmittagspiel, zwölfköpfiges Schiedsrichterteam usw.)…
Aber es reicht jetzt. Die 222 Millionen für Neymar sind ja nur der symbolische Gipfel. Wenn aber der Transfer eines höchst mittelmäßigen Spielers wie etwa Kevin Kampl nach China (wohin er wegen der neuen sprachlichen und kulturellen Erfahrungen unbedingt wechseln wollte) daran scheitert, dass sein Verein mit ihm nicht die erhofften dreißig Millionen erlösen kann - dann ist im deutlich kleineren und immer noch grotesk gewaltigen Maßstab alles über die sittliche Verlotterung des Fußballs gesagt.Aber das verschlägt ja nichts gegen seine friedensstiftende Kraft:
Neymars Wechsel nach Paris wird dem gebeutelten Selbstbewusstsein der Franzosen unfehlbar auf die Beine helfen. Aber auch im Kleinen zeigt sich großes Glück: Dass die Künste Kevin Kampls sogar in China auf Interesse stoßen (und er selbst auch gern im Reich der Mitte spielen würde, um sich kulturell und sprachlich weiterzubilden), zeigt an, wie sehr der Fußball die einst in Streit und Hader zerrissene Welt wieder zusammenwachsen lässt.
Dabei ist er doch so modern und arbeitet ständig an seiner eigenen Perfektionierung! Aber so fängt das Schlimme an. Zur neuen Saison tritt also auch noch der Videobeweis in Aktion, der das Leben echter Fußballfans umstürzen wird.Obendrein ist er so modern und arbeitet ständig an seiner eigenen Perfektionierung - ganz nah am Menschen! Zur neuen Saison tritt darum endlich der Videobeweis in Aktion, der das Leben aller Fußballfreunde verschönern wird.
Spontaner Torjubel fällt dann aus, weil immer noch erst die langwierigen Beratungen des Schiedsrichters mit seinem Video-Assistenten abgewartet werden müssen - ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Friedhofsstille in den Stadien. Dabei geht es den Video-Beweisführern gar nicht um Fairplay: Beim Fußball, sagen sie, ist so viel Geld im Spiel, da kann jeder Schiedsrichterfehler Millionen kosten. Wenn’s um Geld geht, darf der Mensch nicht Mensch sein.Zum einen versprechen die Spielunterbrechungen, die der Schiedsrichter zur Beratung mit seinem Video-Assistenten nutzt, noch mehr Spannung. So kehrt wohltemperierte Freude ins Stadion ein. Überdies schützt der Videobeweis den Fußball künftig  vor teuren Fehlern und bewahrt mithin die von ihm geschaffenen Werte, die dann konstruktiv auf dem Transfermarkt eingesetzt werden können. Wenn’s um Geld geht - DFL und DFB!
Nein, nein, nein. Der Fall ist klar, der Fußball blickt in den Abgrund. Ich mach Schluss, bald. Nur diese Saison noch, dann bin ich weg.Ja, ja, ja. Der Fall ist klar, der Fußball blickt in eine goldstrahlende Zukunft.
Immer und ewig wird es so sein: auch diese Saison sind wir dabei!

Eine Saison, die alles Elend dieser Welt erträglicher machen wird, weil endlich - endlich! - wieder der Ball rollt.

Alexander Solloch © NDR Fotograf: Christian Spielmann

Die Kolumne zum Nachhören

NDR Kultur - Die NachDenker -

NachDenker Alexander Solloch hat einen kleinen Vortrag über fußballerische Sachverhalte zu Papier gebracht. Selbstverständlich hat er den Text vorher dem DFB zum Gegenlesen geschickt.

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Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Die NachDenker | 11.08.2017 | 10:20 Uhr