Stand: 17.08.2017 13:43 Uhr

Jede Stimme zählt

von Rainer Sütfeld
NachDenker Rainer Sütfeld ist Leiter der Hauptredaktion "Kulturelles Wort" bei NDR Kultur in Hannover.

Für die einen gähnende Langeweile, für die anderen tobende Wahlschlacht. Auf jeden Fall stehen Wahlen an und da zählt jede Stimme, meint unser NachDenker Rainer Sütfeld. Es geht um nicht weniger als sein und Heinrich Heines Deutschland.

Noch bin ich nicht um den Schlaf gebracht, wenn ich an Deutschland denke in der Nacht. "Deutschland hat ewigen Bestand, es ist ein kerngesundes Land." Und ich muss auch nicht gen Paris ziehen, um meine Gedanken zu veröffentlichen. Preußen ade. Wir drei NachDenker tun dies seit genau drei Jahren in einem Land, in dem keine preußische Zensur herrscht, das keine Diktatur mehr ist, in dem Rechtsstaatlichkeit und Demokratie gilt und die Würde des Menschen allen Paragraphen voran steht. 

"Aber wir verstehen uns bass, wir Germanen auf den Hass. Aus Gemütes Tiefen quillt er, Deutscher Hass! Doch riesig schwillt er." Weitsichtig war Heinrich Heine auf jeden Fall, sein Blick reichte bis ins Internet unserer Tage. Was brodelt dort, was quillt aus dunklen Seelen.

Bei allem Hass, der Politikern vieler Couleur im Wahlkampf entgegenschlägt, bei allen Hassreden deutschtümelnder Kandidaten, wir führen im großen Ganzen einen Wahlkampf mit Anstand, was selbst in Europa nicht mehr die Regel ist und jenseits des Atlantiks bereits der Vergangenheit angehört. Noch gelten auch die Würde des Andersdenkenden und die Meinungsfreiheit, die selbst in der Europäischen Union gefährdet sind und in der Türkei ausgesetzt sind. Selten konnte man die Werte, die es auch mit jeder Wählerstimme zu verteidigen gilt, so klar nah und bedrohlich in Gefahr sehen wie in diesem Wahljahr.

Rainer Sütfeld © NDR Fotograf: Christian Spielmann

Jede Stimme zählt

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Für die einen gähnende Langeweile, für die anderen tobende Wahlschlacht. Auf jeden Fall stehen Wahlen an und da zählt jede Stimme, meint unser NachDenker Rainer Sütfeld.

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Nicht nur die Vergangenheit zu interpretieren

Sicher sollte niemand Anstand mit Langeweile, Höflichkeit mit Alternativlosigkeit verwechseln. Sicher gibt es Rituale, die über 16 Millionen Menschen am Bildschirm verfolgen, die angesichts der sich auftuenden Neuen Welt wie aus der Zeit gefallen wirken. Bei allem, was da nicht nur in Deutschland quillt, scheint für viele Bewahren, Festhalten der einzige Weg zu sein, der vor Globalisierung und Digitalisierung schützt. "Gemütlich ruhen Wald und Fluss, von sanftem Mondlicht übergossen", stellte Heinrich Heine nach dem Scheitern der Deutschen Revolution 1849 resigniert fest.  Aber 2017 nutzt die Rückkehr, die Flucht ins Romantische, ins Heimische nichts mehr. Wegducken hilft nicht und vielleicht ist ja noch Zeit, die Parteien nach der Zukunft zu fragen - und sie nicht nur die Vergangenheit zu interpretieren zu lassen.

Hass ist keine Antwort

Hass jedenfalls ist nie eine Antwort auf Ängste. Und auch daran sei noch erinnert, Heinrich Heine schrieb in Bezug auf die Vernichtung des Korans in Andalusien, "dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen".  Ein Satz, der in Deutschland Realität wurde. Fremden- oder Rassenhass hat nicht nur deswegen keinen Platz in diesem unserem Lande und auch nicht in der Herzkammer unserer Demokratie, wie Norbert Lammert den Bundestag nannte.

"Ich hatte einst ein schönes Vaterland. Es war ein Traum." Für mich - und vielleicht auch Sie - gilt: Ich habe ein schönes Vaterland. Kein Traumland, sondern eine Republik mit Ecken und Kanten, Fehlern und Erfolgen, über die sich trefflich streiten lässt - und für die einzutreten sich lohnt. Nur darf es am 25. September nicht heißen:

"Gelegt hat sich der starke Wind
und wieder stille wird’s daheime.
Germania, das große Kind
erfreut sich wieder seiner Weihnachtsbäume."

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Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Die NachDenker | 08.09.2017 | 10:20 Uhr