Stand: 17.02.2017 09:17 Uhr

Mut, im Wechselgeläut

von Alexander Solloch
Alexander Solloch ist Literaturredakteur bei NDR Kultur.

Irritierendes ist geschehen am vergangenen Wochenende, was war es noch gleich? Hat ein französischer Spitzenpolitiker den Kampf gegen Vorteilsnahme und Korruption in sein Wahlprogramm geschrieben? Mais non, pas du tout! Hat BVB-Geschäftsführer Watzke die Existenz von Vereinen, die anders sind als seine supergeil-traditionsreiche Borussia, für mindestens akzeptabel erklärt? Nein, das sind nur böse Gerüchte. Hat der Bundesverband besorgter VW-Manager die Deutschen in einem flammenden Appell zu Maß und Bescheidenheit aufgerufen? Ganz gewiss nicht.

Nein, es war so ähnlich, aber doch anders, ja, jetzt weiß ich's wieder: Der designierte Bundespräsident hat uns alle dazu aufgerufen, mutig zu sein, er tat das am Ende einer Wahl, die durch ihre demonstrative Mutlosigkeit deprimierte. Wählen heißt ja - zur Erinnerung -, dass man eine Wahl hat.

Das war mutlos

Es ist doch wohl nicht anzunehmen, dass mit Ausnahme Frank-Walter Steinmeiers niemand mehr Lust auf das Amt des Bundespräsidenten verspürt. Anzunehmen aber ist, dass die Lust, bloß keine Niederlage zu erleiden, noch viel größer ist. Richard von Weizsäcker, Johannes Rau, Joachim Gauck - sie alle fühlten sich einst nicht blamiert dadurch, dass sie jeweils erst eine Bundespräsidentenwahl verloren hatten, bevor sie ins höchste Staatsamt kommen konnten. Eine Wahl zu verlieren wird im Jahr 2017 als der größtmögliche Gesichtsverlust empfunden; lieber lässt man die Demokratie ihr Gesicht verlieren. Steinmeier gegen Lammert, Schäuble gegen Kermani, Kretschmann gegen Steinmeier - das wäre spannend, das wäre ein Fest der Demokratie gewesen! Steinmeier gegen chancenlose Zählkandidaten - das war mutlos.

Alexander Solloch © NDR Fotograf: Christian Spielmann

Mut, im Wechselgeläut

NDR Kultur -

Die Bundespräsidentenwahl war für Alexander Solloch alles andere als mutig. Deswegen meint der NachDenker: Mut mache schon der Mut, der nichts weiter tut, als die Welt zu verschönern.

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Wir können nur spekulieren

"Lasst uns mutig sein", rief Steinmeier dann. Er wird in den nächsten fünf Jahren Gelegenheit haben zu erklären, was er damit meint. Bis dahin können wir nur spekulieren, hoffen auch. Welcher Mut tut Not? Der Mut, sich dem Meinungsstreit zu stellen. Der Mut, für das, was einem teuer ist, auch eine Niederlage in Kauf zu nehmen. Dann: der Mut, auch knappe Mehrheiten auszuhalten, die großkoalitonäre Komfortzone zu verlassen, ins Unwägbare zu ziehen mit Überzeugung. Der Mut zur Ehrlichkeit, dann jedenfalls, wenn's ums Ganze geht. Wir prangern immer die Lügen der anderen an. Wie sehr empören uns unsere eigenen Lebenslügen? Was steht denn auf der anderen Seite der Goldmedaille, die wir uns sonntags immer für unsere freiheitliche, menschenrechtsbetonte Grundverfasstheit umhängen? Da steht doch: Unser wachstumsorientiertes Wirtschaften, das die westliche Freiheit grundiert, beruht auf Ausbeutung, Ausbeutung des ächzenden Planeten, Ausbeutung der Rohstoffe und der Arbeitskraft in den ärmsten Ländern. "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren", behauptet die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und meint damit: Alle Menschen haben zu schuften und sich abzuquälen für den reichen Westen. "Wir sind nicht nur intellektuelle Erben der Aufklärung, sondern auch und besonders ihrer schmutzigen Kompromisse", schreibt der Historiker Philipp Blom (am 20. Februar 2017 in "Klassik à la carte" ) in seinem neuen Buch "Die Welt aus den Angeln". Der geringste Mut, den wir uns angesichts dieser Sachlage zumuten dürfen, bestünde darin, denjenigen, die vor der von uns verursachten Not zu fliehen versuchen, in die Augen zu sehen. Fahrerflucht ist feige. Ausbeuterflucht aber auch.

Die Dinge des Lebens

Mut macht schon der Mut, der nichts weiter tut, als die Welt zu verschönern. Ian Bowman arbeitet als Wechselläuter in der Kathedrale von Worcester in den englischen Midlands. Er und elf Mitläuter bringen betörend schön die Glocken zum Klingen. Letzten Sonntag aber, da Frank-Walter Steinmeier in Berlin gerade so verschwommen an unseren Mut appellierte, verfing sich in Worcester Bowmans Fuß im Glockenseil, das ihn erst meterhoch in die Luft und dann zu Boden schleuderte. "Hat ziemlich weh getan", sagte er der BBC, die ihn am Krankenbett anrief. "Aber solche Dinge", sagte er, "passieren eben im Leben."

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Die NachDenker | 17.02.2017 | 10:20 Uhr