Stand: 12.10.2017 18:06 Uhr

Ihr Asterixe der Welt! Schaut auf diesen Text!

von Ulrich Kühn

In Frankfurt ist wieder mal Buchmesse, Tausende drängen sich durch die engen Gänge. Auch unser NachDenker Ulrich Kühn ist dabei. Dann tritt er mal eben vor die Tür - und hat eine Begegnung, die ihn schwer beeindruckt.

Sie wollen wissen, was Menschenmassen sind? Fahren Sie zur Buchmesse nach Frankfurt, dort werden Sie zwangsmassiert. "Du glaubst zu schieben, und du wirst geschoben", die teuflische Erfahrung aus Goethes "Faust" verdichtet sich hier am eigenen Leib. Es ist angebracht, in Frankfurt mit dem "Faust" zu wedeln, Frankeichs Ich-erfinde-die-Welt-Präsident Macron hat sich in seiner hoch gelobten Buchmessen-Rede gar nicht genug tun können mit seinem Enthusiasmus für "Faust" und die Übersetzung durch Gérard de Nerval. Dieser Nerval war ein Kerl von 19 Jahren, als er sein Werk vollendete. Waren das noch Zeiten, als Europas Jugend ihre Tage und Nächte der Weltliteratur dargebracht hat!

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Asterix ist ebenfalls auf der Frankfurter Buchmesse - natürlich, wenn das Gastland Frankreich heißt.

Weil ich nun insgeheim befürchte, dass diese perfekte Jugend auch damals schon in der Minderheit war, zieht es mich aus der Masse hinaus auf die "Agora". Ich will freier atmen. "Agora" nennen sie hier den hässlichen Platz zwischen den Messehallen. Aber von wegen frische Luft - es ist zugig da draußen, und über den Häuptern wabert bereits die nächste kulturpessimistische Seufzerblase: Waren das noch Zeiten im alten Griechenland, als die Agora der herrliche Versammlungsplatz jener edlen Städte war, in denen Urdemokraten das Abendland erfanden! Ja, ich bin Griechenlandfan voller Wehmut. Aber gerade jetzt fasziniert mich was anderes: Mitten auf der Buchmessen-Agora gerate ich in den Bann eines Mannes mit Bart. Da steht er, riesig, bunt, sympathisch - der gute alte Asterix!

Sapperlot, Asterix. Den haben sie in dieser aufgepumpten Gummivariante hergestellt, weil Frankreich Buchmessen-Gastland ist. Vielleicht auch deshalb, weil französische Präsidenten zuletzt immer Asterix-Gardemaß hatten, äußerlich betrachtet. Mir ist wurscht (Rind oder Wildsau), warum sie ihn hergestellt haben; ich sehe ihn, den Krieger mit dem kleinen Schwert, das er so selten braucht, und bleibe unwillkürlich stehen. Horche in mich hinein, fühle Erinnerungen und aufrührerische Gedanken. Ja, ich bin fünfzig, aber selbst ich gehörte schon einer Jugend an, die völlig verdorben war. Statt Voltaire zu übersetzen wie in seliger Goethezeit, lasen wir heimlich Comics.

Ulrich Kühn © NDR Fotograf: Christian Spielmann

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Zu Abendlandes Glück gab es Asterix: Da kamen wenigstens lateinische Klassikerzitate vor und jede Menge Römer. Besser ein bisschen Bildung als keine Bildung. Und weshalb soll ich lange herumreden: Dieser Asterix - er war klein, trug 'nen komischen Bart und wirkte viel schwächer als Obelix, ohne den Zaubertrank ging muskulär nix bei Asterix. Aber er hatte dieses - wie drücke ich's am besten aus? Er hatte dieses geniale Herz-Hirn. Den formidablen Kopf, die freundliche Schläue, die clevere Empathie - den umfassenden Menschenverstand! Er aß gerne gut, wusste seinen Chef elegant zu nehmen, war neugierig auf fremde Länder und Sitten, zitterte auch vor Cäsar nicht, und sein Unbehagen am Militär lebte er bei gesunder Bewegung an frischer Luft im Walde aus, indem er Römer vermöbelte. Nie tötete er einen, immer verabreichte er nur Lektionen. War im Dorf einer selbstverliebt, gab er ein Signal: Du bist nicht allein auf der Welt. Kurz: Asterix war ein kluger, anständiger Kerl, wie man ihn selten findet.

Wer heutzutage, als Teil einer Menschenmasse in Frankfurt oder überall, plötzlich einem Asterix begegnet - als menschgewordener Alternative, auf der Erde zu wandeln: Wer das erlebt, der kommt auf seltsame Gedanken. Ich muss Ihnen nicht sagen auf welche, jeder trägt ihn ja in sich, seinen inneren Asterix. Lassen Sie es mich mit Pathos sagen: Ihr Asterixe der Welt, raus aus den stillen Herzenswinkeln! Ihr werdet gebraucht, im wahren, wirklichen Leben.

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Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Die NachDenker | 13.10.2017 | 10:20 Uhr