Stand: 10.03.2016 18:31 Uhr

Das mit der Demokratie

von Rainer Sütfeld

Früher war alles besser, die Politiker, das Leben, das Wetter und die Zukunft sowieso. Da hat man Priester in der bayerischen Provinz oder an meinem Gymnasium höchstens vertrieben, wenn sie Rote waren. 

Kurz vor den nächsten Schicksalswahlen, die mal wieder über die Zukunft des deutschen Abendlandes entscheiden werden, will das Hyperventilieren kein Ende nehmen. Dolchstöße, Nachfolgerdebatten, Verschwörungstheorien, Volksverführer oder -verdummer, gar Endzeitstimmung. Und alles scheinbar noch nie dagewesen. Schlagzeilen so fett, dass die Druckerschwärze auszugehen droht, Talkshows so laut, dass die Ohren pfeifen und der Blutdruck steigt.

Ein Blick zurück

Vielleicht hilft den Zornigen und Verzagten ein Blick zurück. Ich meine jene, die in den Pegida-Brüdern und -Schwestern die Totengräber der Zivilgesellschaft und in der AfD das Ende des Parlamentarismus sehen, denen die Zornesröte ins Gesicht steigt, wenn sie Beatrix Amelie Ehrengard Eilika von Storch zuhören müssen. Mehr Schärfe will ich jetzt nicht in die Gedanken bringen, zu Höcke, Gauland, Petry oder Pretzell lieber schweigen.

50 Jahre zuvor hieß die nationale Alternative NPD. Eine große Koalition hatte mit einer Wirtschaftskrise zu kämpfen, Verunsicherung aller Orten - und politische Extreme. Die Profiteure der Angst zogen mitten im Kalten Krieg in die Landtage ein. Erst in Hessen und Bayern, dann in Bremen, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Schleswig Holstein, schließlich mit knapp 10 Prozent in Baden Württemberg. Der Schoß war fruchtbar noch zwanzig Jahre nach Kriegsende. Zwischendurch putschte sich nebenbei Adolf von Thadden an die Parteispitze. Ein Name, der vor 50 Jahren für die hochroten Köpfe sorgte und eine Geschichte, die einem bekannt vorkommt. Die Demokratie hat es überstanden.

Der zornige weiße Mann ist nichts Neues

Und ganz ehrlich, auf der nach oben offenen Erregungsskala ist Horst Seehofer heute ein kleiner Wadenbeißer gegen den damaligen Finanzminister, Piloten und späteren bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß. Die Debattensprache im Deutschen Bundestag stand manch heutiger Internetbeschimpfung kaum nach. Twitter hieß damals Stammtisch. Wer später den Dolch gegen Willy Brandt führte, in der Partei, in Ostberlin oder gar in Moskau, wurde mindestens so stark diskutiert, wie die Destabilisierung Merkels durch Münchner oder Moskauer Machos. Und die Medien, die heizten je nach Tendenz kräftig die Volkswut an.

Langes Rückblickes kurzer Sinn: Wir haben beim heutigen Hyperventilieren nach langer politischer Schlafphase vergessen, dass Politik auch Engagement, Streit und Wahl-Kampf heißt - für den besten Weg, für die Demokratie. Wutbürger und Lügenpresse kannte die US-Politik schon seit den Sechzigerjahren. Der zornige weiße Mann, ob in Texas oder Sachsen, ist nichts Neues. Warum nur lassen wir uns davon jetzt so ins Bockshorn jagen?

Mit Menschenketten wurde noch kein Atomkrieg verhindert

Übrigens, es reicht nicht, nach dem Brand des Flüchtlingsheims mit der Kerze in der Hand Abscheu und Empörung zu äußern, auch nutzt ein buntes Solidaritätsfest dem vorher aus der Gemeinde  gejagten Priester nichts mehr. Selbst der Nutzen für das jeweils angekratzte Image zwischen Clausnitz und Zorneding dürfte begrenzt sein, wenn am Tag nach der Solidaritätsadresse keiner engagiert gegen die Brandstifter angeht. Dresden kann davon ein Lied singen. Mit Menschenketten auf der Schwäbischen Alb und Friedensfesten im Bonner Hofgarten allein wurde auch kein Atomkrieg verhindert.

Aber unaufhaltsam ist der Aufstieg der Protestbewegungen trotzdem nicht. All jenen, die jetzt am Rande des politischen Nervenzusammenbruchs ins Internet schauen und sich vor den Talkshows gruseln, sei geraten, wie damals einfach die guten alten Parteien aufzumischen und deren Mitgliederschwindsucht zu stoppen - oder wenigstens analog zu wählen statt nur noch virtuell zu liken.

Übersicht
03:55 min

Die Kolumne zum Nachhören

11.03.2016 10:20 Uhr

Kurz vor den Landtagswahlen scheint die Aufregung diesmal besonders groß. Alles kein Grund zur Panik, denn wir schaffen das mit der Demokratie, meint Rainer Sütfeld. Audio (03:55 min)

Die NachDenker

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Die NachDenker | 11.03.2016 | 10:20 Uhr