Stand: 30.11.2017 16:37 Uhr

Wie man das Land voranbringt

von Alexander Solloch
Alexander Solloch ist Literaturredakteur bei NDR Kultur.

Neulich, beim Bier, ging der Ex-Minister nochmal alle Namen durch. Er gab sich richtig Mühe, aber die Aufgabe war schwer. Die Frage lautete: Welchem Unions-Politiker, welcher Unions-Politikerin ist zuzutrauen, eines Tages, der ja gar nicht einmal so fern sein muss, die amtierende Kanzlerin zu ersetzen? Der Mann, der darüber nachsann, wurzelt tief in der alten Bonner Republik Kohlscher Prägung, ist Mitte siebzig und muss darum schon naturgesetzlich finden, dass früher alles besser war und die Jungen es einfach nicht können, jedenfalls nicht so doll wie man selbst einst. Aber selbst wenn er guten Willen walten lässt, bleibt er ratlos.
Ursula von der Leyen? "Hat die Bundeswehr total verunsichert."
Thomas de Maizière? "Für den ist Wirklichkeit nur das, was in seinen Akten steht."
Armin Laschet? "Der ist so, wie er heißt."
Markus Söder? "Schafft’s ja nicht einmal, Ministerpräsident zu werden."
Und immer so weiter.

Der vergessene Landvoranbringer

Einer aber fiel ihm gar nicht ein - ein Vergessener. So sind ja die Besten, tun im Hintergrund, fast versteckt, ihr fabelhaftes Werk und wissen genau: Der Tag wird kommen. Der Tag, an dem sie aus dem Schatten treten, ritterlich Dinge auf ihre Kappe nehmen und dann bescheiden und großartig erklären: "Dazu ist man da. Politiker, die nie entscheiden, ecken zwar nie an. Das sind aber auch nicht die, die das Land voranbringen!" So also sprach er am 28. November.

Was hat der Mann denn Heldisches vollbracht? Hat er gegen alle Widerstände aus seiner eigenen Partei (und im Einklang mit allen Werten seiner eigenen Partei) einer syrischen Familie Unterschlupf im Gästezimmer seines Ministeriums gewährt? Hat er einen Plan zum Schutz der Biene entworfen? Hat er die Begrünung des Berliner Regierungsviertels und dessen Umbenennung in "Wildgarten-Mitte" angeordnet? Ach nein. Hat er nicht. All das hat er nicht getan, unser Landvoranbringer.

Er pfeift auf seinen Amtseid

Seine mutige Entscheidung bestand darin, der Agrarlobby auch weiterhin ein guter Helfer zu sein. Man muss ja an die Zukunft denken: ewig wird man nicht Minister bleiben, da ist es schon sinnvoll, sich bei den Verbänden und Konzernen als zuverlässige Hilfskraft zu empfehlen.

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt ist prinzipiell nicht wichtig genug, als dass man ihm das Recht bestreiten dürfte, den Titel "schlechtester Minister in der Geschichte der Bundesrepublik" anzustreben. Er befindet sich dabei auf einem prima Weg: dem "vegetarischen Schnitzel" das Label "Schnitzel" verbieten zu wollen, sinnlose "Tierwohl"-Plaketten zu erfinden und ansonsten seinem Haus den Anschein zu geben, nichts weiter mehr zu sein als eine Filiale des Deutschen Bauernverbandes - das ist die stolze Bilanz eines Mannes, der auf seinen Amtseid pfeift. Geschenkt.

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Die Insekten sterben! Na und?

Was aber tut die Kanzlerin, nachdem sie dem ungezogenen Christian für sein regelwidriges Glyphosat-Votum eine folgenlose Rüge ins Klassenbuch geschrieben hat? Es ist bemerkenswert: zum ersten Mal seit über zwei Jahren äußert sie den Hauch einer eigenen Haltung – und das, obwohl sie sich damals geschworen hatte, dass ihr so etwas nie wieder passieren dürfe. "In der Sache", erklärte Merkel, sei sie "näher bei Herrn Schmidt" als bei der Umweltministerin. Die Sache lautet, dies zur Erinnerung: Tod dem Kleinvieh!

Wie sie so lachen in den Büros in Berlin und Brüssel: was ist, die Insekten sterben? Na und? Wer wird denn schon dem Ohrwurm nachtrauern? Welches Weichei hat denn eine Träne für den Bockkäfer übrig?

Nochmal Glück gehabt

Ein kleiner Hinweis nur an dieser Stelle. Es gibt noch Menschen, die Kinder haben und Enkel. Sie lieben sie sogar. Sie hätten ganz gern, dass ihnen noch ein bewohnbarer Planet bleibt. Sie sind sanft und langmütig und lassen sich viel – viel zu viel – gefallen. Sie werden nicht immer schweigen, weil sie wissen, dass ihre Kinder sie eines Tages für ihr Schweigen verachten würden. Sie könnten sich erheben. Sie könnten aufbegehren. Jamaika und GroKo und Minderheitsregierung sind nicht die einzigen Denkbarkeiten in dieser Republik. Fragt mal nach in Frankreich. Dort wird das Pflanzen-, Tier- und Menschengift bald verboten.

"Naja, wird schon irgendwie weiter gehen", sagte der gestrenge Ex-Minister und holte seinen Mantel. Seinem entschlossenen Schritt entkam mit tollkühnem Sprung zur Seite ein grauer Silberfisch; nochmal Glück gehabt.

 

Alexander Solloch © NDR Fotograf: Christian Spielmann

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Es gibt noch Menschen, die Kinder haben und Enkel. Sie hätten ganz gern, dass ihnen noch ein bewohnbarer Planet bleibt. Das ist aber nicht so ganz leicht, findet NachDenker Alexander Solloch.

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NDR Kultur | Die NachDenker | 01.12.2017 | 10:20 Uhr