Stand: 10.11.2017 09:00 Uhr

2050 oder irgendwann später

von Alexander Solloch
Alexander Solloch ist Literaturredakteur bei NDR Kultur.

Wenn es denn nur das Geld gälte, dann wäre ja sowieso alles viel einfacher, dann müsste man Süßigkeitenautomatenbetreiber werden. Diese Dinger schlucken 50 Cent und 50 Cent und 50 Cent und funktionieren in zweien dieser drei Fälle nicht, müssen sie auch nicht: kein geprellter Kunde wird je seine Rechte auf den steckengebliebenen Schokoriegel geltend machen und dafür den Zug verpassen. Eine geniale Geschäftsideee!

Alles fürs billige Futter

Alternativ lässt man sich zum Rollatorproduzenten ausbilden. Da hat man auch ausgesorgt. Vor ungefähr zehn Jahren fing das an, dass unsere Städte auf einmal von Heerscharen professioneller Schauspieler mit Gehwägelchen heimgesucht wurden, die erfolgreich eine Gewissheit verbreiteten: Keinem Menschen über 60 ist es möglich, sich ohne Rollator fortzubewegen. Nicht möglich! Gut gut, wohl sieht man gelegentlich noch einen 68-Jährigen, der es irrtümlich dennoch tut, aber nur deshalb, weil er noch nicht weiß, dass er es nicht kann, wie man ja auch der Hummel nachsagt, sie könne nur fliegen, weil sie nicht wisse, dass sie es nicht könne.

Aber die Hummel, die uns täglich ein so schlechtes Beispiel von Freiheit und Selbstbestimmung gibt, wird es ja bald nicht mehr geben. Wir haben es nicht anders gewollt. Wenn wir es in den letzten 30 Jahren geschafft haben, drei Viertel aller Insekten in Schutzgebieten auszurotten, kriegen wir den Rest in den nächsten zehn Jahren auch noch tot. Kein anspruchsvolles Ziel, aber immerhin: ein Ziel, und Ziele braucht der Mensch wie die Blume die Bestäubung, entschuldigen Sie das anstößige Bild, ich meine: wie der Bauer das Pestizid und wie der Kunde sein billiges Futter.

Rapseis gegen das Pflanzensterben

Deutschland kommt in eine "Boomphase", sagen die Wirtschaftsweisen und fordern "wachstumsfreundliche Reformen". Mehr Wachstum, mehr Raubbau, mehr Autos, mehr Geld, herrliche Zeiten. Es wäre so einfach, glücklich zu sein, wenn es nur das Geld gälte. Was, rufen die Berliner Sondierer mit vor Entsetzen sich überschlagender Stimme: Wenn es nur…? Worum soll es denn sonst gehen als ums Geld, das so schön auf unsere Köpfe herniederprasselt, unsere Vollbärte massiert und unsere Kostüme erleuchtet? Worum sonst?

Das ist der erste Aufschrei des Entsetzens, der sich bislang von den Sondierungsverhandlungen vernehmen ließ. Die Nachricht vom radikalen Insektensterben hat hingegen ein ebenso radikales Nichts ausgelöst. Die Haltung des Bauernverbandes – grob übersetzt: man möge doch erst einmal das Ende unseres Planeten abwarten, bevor man voreilige Schlüsse ziehe – wird durch beflissenes Schweigen der amtierenden Bundesregierung wie auch derer, die eine neue Bundesregierung bilden wollen, unterstützt. Gibt es nicht so viel Wichtigeres zu beschließen? Wenn die Insekten, ohne dazu parlamentarisch legitimiert zu sein, jegliche vertretbare Untergrenze noch unterbieten, braucht es immerhin eine Obergrenze für Menschen, allein schon um das Primat der Politik wiederherzustellen. Und ein höheres Kindergeld ist auch von entscheidender Bedeutung, damit Mama und Papa ihren Liebling künftig mit einer Zusatzkugel Rapseis über das Sterben der übrigen Pflanzenwelt hinwegtrösten können.

Pointe frei Haus

Man darf ja auch nicht sagen, dass in Berlin gar nicht über Umwelt- und Klimaschutz gesprochen würde; es wird sogar ganz explizit über ihn und seine totale Bedeutungslosigkeit gesprochen. "Wir haben vorgeschlagen, uns mehr Zeit zu lassen, um Klimaziele zu erreichen. 2050 ist ja auch das Datum, um das es da eigentlich geht", erklärte diese Woche die FDP-Politikerin Suding.

Jetzt muss der Kolumnist sich nicht mehr selbst um eine Pointe mühen. 2050 oder irgendwann später sehen wir dann mal weiter. Der Schokoriegel müsste einem im Halse steckenbleiben, steckte er nicht im Automaten fest.

 

 

Alexander Solloch © NDR Fotograf: Christian Spielmann

2050 oder irgendwann später

NDR Kultur -

Wenn es denn nur das Geld gälte, dann wäre ja alles viel einfacher, meint NachDenker Alexander Solloch. Mehr Wachstum, mehr Raubbau, mehr Autos, herrliche Zeiten.

4,27 bei 11 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Übersicht

Die NachDenker

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Die NachDenker | 10.11.2017 | 10:20 Uhr