Foyerkonzerte
Große Künstler kamen ins NDR Radiohaus - allein oder in Begleitung. Hier finden Sie eine Übersicht. mehr
Von Marcus Stäbler
Die Geigerin Isabelle Faust fällt im heutigen Klassikbetrieb etwas aus dem Rahmen. Anders als so manche Kollegin verzichtet sie auf laszive Posen in luftiger Kleidung. Ihr Erfolg beruht auf künstlerischen Qualitäten, nicht auf Show. Bei ihr zählt musikalischer Tiefgang. Das zeigte Isabelle Faust auch am 17. Mai, als sie im Foyerkonzert von NDR Kultur zu Gast war.
Die Geigerin holt sich Inspiration bei ihrem Sohn. Warum der Gong in ihrem Leben eine herausragende Rolle spielt, verrät sie im Video-Interview.
Es war ein ganz besonderer Abend: sehr leise, sehr intim und äußerst konzentriert. Isabelle Faust hatte ausschließlich Solowerke von Bach mitgebracht, wie etwa die a-Moll-Sonate.
"Diese Solosonaten zwingen den Geiger, sich ganz auf das Wesentliche zu konzentrieren", sagt Faust. "Und da passt es ganz gut, dass man alleine auf der Bühne steht, weil man so sehr nach innen musizieren muss."
Nach innen musizieren: So lautete das künstlerische Credo ihres Auftritts. Die Geigerin versenkte sich tief in die Musik und lauschte den verschlungenen Stimmen nach. Dabei spürte sie immer wieder versteckte Dialoge auf.
Schlanker Ton, wenig Vibrato. Da macht sich der Einfluss der historischen Aufführungspraxis bemerkbar. Seit sie die Bach-Sonaten und Partiten auf CD eingespielt hat, benutzt die Musikerin dafür auch einen Barockbogen, wie Isabelle Faust im Gespräch mit Moderator Ludwig Hartmann erklärte: "Da kam dann im Vergleich vor dem Mikro heraus, dass dieser Barockbogen wirklich deutlich artikulierter klingt und transparenter."
Für ihre Einspielung der Partiten und Sonaten von Bach erhielt Isabelle Faust 2010 den "Diapason d'or de l'année 2010".
So quicklebendig und frisch wie hier hat das Instrument nicht immer gefunkelt: Die Stradivari von Isabelle Faust war 150 Jahre in einem Keller verschollen, bevor sie wiederentdeckt wurde. So hat sie ihrem Beinamen "Dornröschen" alle Ehre gemacht: "Ich bin mehr oder weniger die erste handfeste Geigerin, die diese Geige erwecken durfte und es war auch wirklich am Anfang das Gefühl, dass da ein schlafender Schatz unter meinen Händen liegt", sagt Faust. "Es hat einige Jahre gedauert, um sie richtig wach zu küssen."
Mit traumwandlerischer Sicherheit tanzten die Finger der sympathischen Geigerin über die Saiten. Sie hat schon mit fünf Jahren angefangen zu üben und kennt die Stücke ganz genau. Warum sie trotzdem nicht auswendig streicht, war eine der Fragen aus dem Publikum. Weil sie sich ganz der Musik hingeben und das Gehirn nicht zusätzlich belasten wolle, lautete die Antwort. Bach sei nämlich nicht ganz ungefährlich.
Isabelle Faust wurde 2004 zur Professorin für Violine an die Universität der Künste berufen. Sie spielt die Dornröschen-Stradivari von 1704.
"In den Fugen kann man schnell mal wieder an den Anfang rutschen. Außerdem gibt es nicht Schlimmeres, als einen Geiger zu beobachten, der da zitternd um sein Gedächtnis ringt." Umgekehrt gibt es aber auch kaum etwas Schöneres, als eine Geigerin zu erleben, die so souverän und eindringlich Bach spielt. Ein ganz besonderer Abend mit einer starken Persönlichkeit.