- Teil 1/2: Sonntag, 4. September 2011, 18.00 bis 19.00 Uhr
- Teil 2/2: Sonntag, 25. September 2011, 18.00 bis 19.00 Uhr
"Eines frühen Morgens im Oktober des Jahres 1937 stieg ich an der 72nd Street in Manhattan in einen Doppeldeckerbus und verschwand von der Bildfläche. Ich war 17 Jahre alt. Während der folgenden sechs Stunden wusste niemand, wo ich steckte - weder meine Mutter zu Hause in unserem Appartement, das ich verlassen hatte, ohne ihr zu sagen, dass ich hinaus wollte, noch unsere Freunde. Der Bus pendelte in Manhattan zwischen dem Washington Square und den Washington Heights hin und her. Während meine Gedanken völlig woanders waren, fuhr ich auf und ab, auf und ab."
Isaac Stern bei der Verleihung des Polar-Musikpreises im Mai 2000.
So plastisch beginnt der Geiger Isaac Stern in seiner Autobiografie "Meine ersten 79 Jahre" sein Leben zu beschreiben. Was ihn in dieser Situation so quälte, war die Frage: Sollte er tatsächlich versuchen, sein Geld in Zukunft als Konzertsolist zu verdienen, obwohl die Kritiker ihm empfahlen, "nach Hause zu gehen und zu üben" oder sollte er die Sicherheit eines Engagements in einem New Yorker Sinfonieorchester wählen?
In der Ukraine war Stern am 21.Juli 1920 geboren worden. Wegen der politischen Unruhen wanderten seine Eltern noch im selben Jahr mit ihm in die Vereinigten Staaten, nach San Francisco, aus. Sie ließen ihn das Klavierspiel erlernen, und mit acht Jahren erhielt er seinen ersten Geigenunterricht. "Für meine Eltern war Musik kein ausgefallenes gesellschaftliches Ereignis, sondern gehörte ganz selbstverständlich zu ihrem Alltag. Für einen Konzertbesuch kratzten sie manchmal ihre letzten Cents zusammen", erinnerte sich Stern.
"Als ich zehn Jahre alt war, machte ich eines Tages unvermutet die Entdeckung, dass ich mit der Geige allerlei Dinge zuwege bringen konnte, die mir niemand beigebracht hatte. Eine bestimmte Art des Bogenstrichs oder bestimmte Klangfarben. Ich wurde unversehens mein eigener Lehrmeister. Ich wollte spielen. Ich wollte noch besser spielen lernen, wollte es, weil ich in meinen eigenen künstlerischen Fähigkeiten zu schwelgen begann. Man brauchte mich nie wieder zum Üben anzuhalten."
Stern studierte am Konservatorium in San Francisco bei Robert Pollack und Louis Persinger. Mit 15 debütierte er, begleitet vom San Francisco Symphony Orchestra, mit dem 3. Violinkonzert des französischen Komponisten Camille Saint-Saens. Die Kritiker reagierten nicht besonders wohlwollend. Sein Ton sei zwar gut gewesen, doch die Technik alles andere als überragend. "Wieder einmal kommt aus Kalifornien, jenem fernen Land der Wundergeiger, der Filmfritzen und des Sonnenscheins, ein neuer Geiger", resümierte süffisant einer der Feuilletonisten - und Stern war so vor den Kopf geschlagen, dass er seine ziellose, stundenlange Busfahrt absolvierte.
Glücklicherweise vertraute er sich mehr als seinen Kritikern - schon 1937 stand er wieder mit dem San Francisco Symphony Orchestra auf der Bühne, diesmal mit dem Violinkonzert von Johannes Brahms, das auch im Radio übertragen wurde. Dirigent war Pierre Monteux. Die Karriere des Isaac Stern hatte begonnen - sie sollte nahezu sechs Jahrzehnte umfassen und eine glanzvolle Musikerkarriere werden, die den Geiger rund um den Globus führte. Ob in den USA, in Israel oder in Japan - überall wurde Stern gefeiert und ausgezeichnet. Im Laufe der Jahre spielte er Werke von mehr als 60 verschiedenen Komponisten und gab bis zu 200 Konzerte pro Jahr.
Daneben war ihm immer das kulturpolitische Engagement wichtig. Er leitete vier Jahrzehnte die Carnegie Hall in New York und sorgte dafür, dass sie nicht, wie 1960 geplant, abgerissen wurde. Er engagierte sich für die Kultur in Israel und spielte dort nach dem Sechs-Tage-Krieg. 1973 gründete Stern das Jerusalem Music Centre. Außerdem leitete er die amerikanisch-israelische Kulturstiftung. Der Präsident der USA, George Bush, zeichnete Stern 1992 aus. Stern war Ehrendoktor der renommiertesten Universitäten wie Oxford, Yale und Harvard. Harald Eggebrecht nennt ihn in seinem Buch "Große Geiger" einen "Alleskönner".
Kurz vor Sterns Tod 2001 schrieb Eggebrecht weiter: "Unter den großen Geigern unserer Zeit, in der er jetzt sozusagen der 'elder statesman', die letzte Instanz des Geigenspiels, geworden ist, ragt Stern als der am wenigsten an Virtuosität und Violinglanz um ihrer selbst willen interessierte Meister hervor. Während viele Streicher am Ende des sechsten Lebensjahrzehnts deutliche Verluste an Klangvolumen und Bogensicherheit beklagen müssen, ähnlich dem Stimmabbau bei Sängern, steht Stern wie eh und je voll ungebrochener Vitalität auf dem Podium, von solchen Alterserscheinungen kaum behelligt, von seiner geistigen und charismatischen Präsenz ganz zu schweigen."