Plötzlich Dirigent - Kent Nagano wird 60

Eine Sendereihe von Margarete Zander

Als Kent Nagano das erste Mal in Japan war und japanisch sprach, lachten alle: Sein Japanisch klang wie aus einem anderen Jahrhundert, und es sollte lange dauern (bis zu seiner Hochzeit 1991 mit der Pianistin Mari Kodama, die aus einer alten japanischen Familie stammt), bis er eine wirklich tiefe Beziehung zum heutigen Japan entwickelt hatte.

Aufgewachsen auf der Farm

Dirigent Kent Nagano, 2007. © picture-alliance/dpa Detailansicht des Bildes Für Kent Naganos musikalische Erziehung spielte der Kirchenchor eine große Rolle. 1917 waren die Eltern seines Vaters von Japan nach Kalifornien ausgewandert. Sie besaßen eine Farm in Morro Bay. Dort (in Berkley) ist Kent Nagano am 22. November 1951 geboren. Seine Eltern bewirtschafteten die Farm, aber eigentlich war sein Vater ein Bauingenieur, Architekt und Mathematiker mit Universitätsabschluss, und mehr und mehr hatte er Erfolg mit seinen Architekturmodellen.

Kent liebte es, wenn sein Vater mit ihm zu den Baustellen ging und anhand der Zeichnungen erklärte, wie nach seinen Entwürfen gebaut wurde. Auch die Mutter arbeitete als Bäuerin, sie war Pianistin, Cellistin und examinierte Mikrobiologin. Man war relativ arm und lebte eng verbunden mit der Natur. Auch die Kinder mussten auf dem Land mitarbeiten. Und weil es keinen Fernseher und kein Kino gab, sagt Kent Nagano heute, wurde er selbst aktiv.

Naganos musikalische Erziehung

Er liebte den Strand, das Surfen (das kostete nichts) und das Musizieren. Der Kirchenchor der Gemeinde spielte eine große Rolle für die musikalische Erziehung, prägte Kent Naganos Interesse an der klassischen Musik. In der Gemeinde fühlte er sich wohl, liebte die Chormusik. Er besuchte die Musikschule und lernte Klavier und Klarinette spielen. Und wenn man ihn darauf anspricht, man habe gelesen, dass er schon mit acht Jahren vor einem Orchester gestanden habe, dann wiegelt er ab. Ja, das sei so gewesen, aber das war doch ganz natürlich. Man brauchte in der Kirche eben jemanden, der den Takt schlug, wenn der Chorleiter an der Orgel saß.

"Nun bist du Dirigent"

Dirigent Kent Nagano © picture-alliance/dpa Fotograf: Vladimir Vyatkin Detailansicht des Bildes Plötzlich Dirigent: Wie durch Zufall fand Nagano seine Berufung. Beinahe durch Zufall sei er Dirigent geworden, lacht er beim anregenden Interview für NDR Kultur in München. Er habe Komposition studiert. Und weil er selbst seine Stücke am besten kannte, habe er sie dann eben auch dirigiert. Was lag da näher, als das ganze Programm zu dirigieren. Und eines Tages habe er dann plötzlich festgestellt: "Aha, nun bist du ein Dirigent!"

Er gab das Komponieren auf und wurde 1976 Assistent bei der Opera Company in Boston. 1978 bekam er seine erste Stelle als Dirigent beim Berkeley Symphony Orchestra in Kalifornien.

Viel von Messiaen gelernt

Die Begegnung mit dem großen französischen Komponisten Olivier Messiaen und dessen Werk hat Naganos musikalisches Leben entscheidend geprägt. Schmunzelnd erzählt er, wie er und die Pianistin Yvonne Loriod sich über eine Stelle im "Catalogue d'oiseaux" (Katalog der Vögel) von Messiaen am Klavier stritten. Die Frage war: Wie singt dieser Vogel? Schließlich hat Messiaen sich selbst ans Klavier gesetzt und beide Pianisten haben gestaunt, denn beide lagen falsch: Messiaen zeigte ihnen, dass ihm keine möglichst naturgetreue Nachahmung des Vogelgesangs vorschwebte, der Gesang diente ihm nur als ein Modell für eine fantastische Vision. Nie hat Nagano vergessen, wie Messiaen auf der Orgel der Pariser Kirche "La Trinité", ein Motiv einer Bach-Fuge spielte und es plötzlich in Vogelgesang transformierte.

"Den Weg zur Kunst finden"

Disziplin ist dem Dirigenten Nagano wichtig, doch "die Gefahr ist", sagt er, "dass wir durch Disziplin nur Disziplin bekommen". Wenn man exzellent Klavier spielen möchte, kann man nicht den ganzen Tag ein Videospiel spielen. Man muss einfach sitzen und üben. Ohne das werden Sie das Niveau nicht erreichen. Wenn man in einer Partitur mehr spüren möchte als den oberflächlichen emotionalen Druck, dann muss man sie studieren: sitzen, lesen, sehen, hören.

"Ich träume von einer Welt, in der jeder Mensch die Möglichkeit hat, seinen Weg zur Kunst zu finden", so Nagano. "Kultur ist Menschenrecht, sie führt aus der Herrschaft der Notwendigkeit in die Sphäre der Freiheit."

Sendetermine

  • Teil 1/4: Sonntag, 6. November 2011, 18.00 bis 19.00 Uhr
  • Teil 2/4: Sonntag, 13. November 2011, 18.00 bis 19.00 Uhr
  • Teil 3/4: Sonntag, 20. November 2011, 18.00 bis 19.00 Uhr
  • Teil 4/4: Sonntag, 27. November 2011, 18.00 bis 19.00 Uhr

CD-Tipp
CD-Cover: Beethoven: In the Breath of Time © Sony Classical
 

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Links

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Übersicht
Eine Violine mit Noten © picture alliance / ZB Fotoreport
 

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