Cecilia Bartoli: Sacrificium
Die neue CD von Cecilia Bartoli - vorgestellt auf NDR Kultur.mehr
Von Elisabeth Richter
Sendetermine:
Teil 1/4: Sonntag, 01. November 2009, 18.00 bis 19.00 Uhr
Teil 2/4: Sonntag, 08. November 2009, 18.00 bis 19.00 Uhr
Teil 3/4: Sonntag, 22. November 2009, 18.00 bis 19.00 Uhr
Teil 3/4: Sonntag, 29. November 2009, 18.00 bis 19.00 Uhr
Man kann an Vorsehung glauben oder nicht. Man könnte die Konstellationen der Sonne und der Planeten prüfen, als Cecilia Bartoli am 4. Juni 1966 in Rom geboren wurde. Man denkt unweigerlich an Goethes kluge "orphische Urworte": "Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt, geprägte Form, die lebend sich entwickelt." Bessere Voraussetzungen, um Sängerin zu werden, kann man wohl nicht haben. Die Mutter Sopranistin, der Vater Tenor, beide sangen in Opernchören, von morgens bis abends Musik im Hause Bartoli. Cecilia und ihre beiden Geschwister gingen mit den Eltern in der Oper von Rom ein und aus.
Und doch, so geradlinig war der Weg zum heutigen Super-Star für Cecilia Bartoli nicht. Gut, mit neun Jahren durfte sie schon den Hirtenjungen in Puccinis "Tosca" singen. Aber das war alles - ein Wunderkind war Cecilia Bartoli nicht. Musik war eine feine Sache für sie im Kindesalter, aber es gab noch vieles andere.
Unbewusst wurden die Weichen vielleicht gestellt, als Cecilia dreizehn war. Sie geriet ins Flamenco-Fieber, sie riss sogar von zu Hause aus, nahm sich eine andalusische Lehrerin und wollte auf Teufel-komm-raus Flamenco-Tänzerin werden. Die Eltern runzelten sorgenvoll ihre Stirnen, es gelang ihnen, die Tochter zu einem "Deal" zu überreden. Flamenco ja, aber gleichzeitig sollte Cecilia Bartoli am Konservatorium in Rom, an der legendären "Accademia di Santa Cecilia" - vielleicht war der Name ja Programm? - eine klassische Musikausbildung beginnen. Cecilia Bartoli arbeitete dort ein wenig an ihrer Stimmtechnik, sie studierte Klavier und Trompete. Viel wichtiger war, dass Mutter Silvana Bartoli in dieser Zeit begann, ihrer Tochter Gesangsunterricht zu geben. "Niemals", so erzählt Cecilia Bartoli heute, "hat mich meine Mutter unter Druck gesetzt." Vermutlich war das das Geheimnis.
Silvana Bartoli fand offensichtlich immer die richtige Balance zwischen Übungen und Arien, sie wusste, was gut und was weniger für die Entwicklung einer Stimme ist. Was Cecilia Bartoli damals nicht für möglich hielt, was ihre Mutter wohl auch nicht ahnte, war, dass die junge Sängerin ein unglaubliches Talent hatte. Immer wieder staunte man über die rasend-schnellen Fortschritte des "Gesangs-Teenies". Cecilia Bartoli war selbst so begeistert, dass sie von ihrer Mutter sogar gebremst werden musste, nicht zu viel zu singen.
Nun fügte sich Mosaiksteinchen zu Mosaiksteinchen. Mit 19 das Debüt an der Oper von Rom als Rosina in Rossinis "Barbier von Sevilla". Mit 20 Auftritt in einer Talentshow im italienischen Fernsehen, Cecilia Bartoli durfte Duette mit Stars wie Katia Ricciarelli und Leo Nucci singen. Das beeindruckte die Öffentlichkeit. Der Durchbruch kam wenig später. In Paris wirkte Cecilia Bartoli bei einer "Hommage à Maria Callas" mit, sie wurde im französischen Fernsehen übertragen. Der Zufall wollte es, dass Dirigenten wie Herbert von Karajan, Daniel Barenboim und Riccardo Muti Cecilia Bartoli sahen und hörten. Karajan lud Cecilia Bartoli für die Salzburger Osterfestspiele 1990 ein, doch da er 1989 starb, kam die Aufführung nicht zustande. Aber mit Karajan hat Cecilia Bartoli noch an Bachs "h-Moll-Messe" gearbeitet.
1990 kam das Debüt in den USA, 1991 der erste Auftritt an der Mailänder Scala, 1993 bei den Salzburger Festspielen und in der New Yorker Carnegie Hall, 1994 an der Wiener Staatsoper. Es folgten Liederabende, Schallplatten-Produktionen.
Man schätzt an Cecilia Bartoli ihre Natürlichkeit, ihr Lachen, ihre Impulsivität, ihre Passion für die Musik, ihre Professionalität. Aber was ist das Geheimnis ihres Erfolges? Ein Teil ist gewiss ihr unverwechselbares dunkel, samtiges Stimm-Timbre - das aber bekam Cecilia Bartoli einfach so in die Wiege gelegt. Sie hat vielleicht Glück gehabt, zur rechten Zeit, am rechten Ort die richtigen Leute erreicht zu haben - mag sein. Sie ist diszipliniert, sie weiß, was sie will, sie weiß, was ihrer Stimme gut tut. Sie wählt ein Repertoire aus, das wirklich zu ihrer Stimme passt, virtuose Barockmusik, Opern-Partien von Mozart oder Haydn, Belcanto-Literatur der frühen Romantik.
Vor allem aber gibt es bei Cecilia Bartoli eine perfekte Abstimmung aller Ingredienzien, die eine erfolgreiche Künstler-Karriere ausmachen. CD-Projekte werden sorgfältigst geplant und vermarktet. Seit Cecilia Bartoli 1999 ihr Album mit Opernarien von Antonio Vivaldi herausbrachte, das fast wie ein Erdbeben die Musikwelt erschütterte, folgte in regelmäßigen Abständen das nächste Projekt: ein Gluck-Album, ein Salieri-Album, "Opera proibita" (verbotene Oper) in Rom, eine Hommage an die Sängerin Maria Malibran.
Vor wenigen Wochen erschien "Sacrificium", Arien, die seinerzeit für Kastraten komponiert wurden. Das haben schon andere Sänger und Sängerinnen getan, aber Cecilia Bartoli und ihr Team haben die Bibliotheks-Archive einmal mehr nach unbekannter, großartiger Musik durchforstet. Monate vor dem Erscheinungsdatum spricht man schon vom neuen Album der Bartoli, die Medien werden gezielt involviert, eine Konzert-Tournee rund ums neue Album ist selbstverständlich, im CD-Booklet wird vom Schicksal Tausender Jungen erzählt, die für ein bestimmtes Kunstideal entmannt wurden. Cecilia Bartoli singt nicht einfach "nur" Repertoire, das einst für Kastraten komponiert wurde. Nein, ein besonderer Blickwinkel ist Pflicht. So macht man einen Erfolg.
Hier passt jedes Mosaiksteinchen zum anderen, Cecilia Bartoli ist, wenn man so will, selbst ein perfektes Kunstwerk. Dazu gehört auch, dass man von ihrem Privatleben kaum etwas weiß, sie lebt in Rom und Zürich, sie ist mit einem Schweizer Sänger leiert. Cecilia Bartoli schätzt ihre große Kollegin Maria Callas, die für sie ein warnendes Beispiel gab. "Sie hatte kein Privatleben mehr, das hat sie vielleicht zerstört. Sie musste einen hohen Preis bezahlen für ihre große Kunst. Wer sich jedoch für einen solchen Beruf entscheidet, für den sollte sein Privatleben wirklich privat bleiben."