Am Morgen vorgelesen
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Sendedatum: 25. März bis 5. April 2013, 22.05 bis 22.35 Uhr
Wilhelm von Kügelgen wurde im November 1802 im russischen St. Petersburg geboren. Er war der Sohn des zu seiner Zeit sehr bekannten, ja berühmten Porträtmalers Gerhard von Kügelgen, dem unter anderen die Koryphäen der Weimarer Klassik - Goethe, Schiller, Herder und Wieland - Modell saßen.
In diesem Haus ist Wilhelm von Kügelgen aufgewachsen.
Er verbrachte seine Kindheit und Jugend in Dresden, wo noch heute das historische Haus der Familie, das im barocken Stil erbaute Kügelgen-Haus - auch "Gottessegen" genannt - als Museum besucht werden kann.
Es war ein beliebter Treffpunkt der Dresdner Künstler, denn hier verkehrten die Philosophen Adam Müller und Gotthilf Heinrich Schubert, der Schriftsteller Johann Gottfried Seume, der Maler Caspar David Friedrich, der Komponist Carl Maria von Weber und dessen "Freischütz"-Textdichter Friedrich Kind.
Gerhard von Kügelgen, der Vater unseres Autobiografen, fiel 1820 einem Raubmord zum Opfer - ein Vorfall, der den Sohn zutiefst verstörte. Dieser versuchte sich auch selbst als Porträtmaler in biedermeierlicher Manier, ohne den künstlerischen Rang des Vaters zu erreichen.
Seine eigentliche Begabung war die des Schriftstellers, ohne dass er sich dessen selbst bewusst war. Seine Autobiografie mit dem Titel "Jugenderinnerungen eines alten Mannes" erschien erst 1870, drei Jahre nach seinem Tod und unmittelbar vor Gründung des Deutschen Reiches.
Das Buch erlebte zahlreiche Auflagen und gehörte bald zu den beliebtesten Memoiren-Werken der deutschen Literatur. Denn hier wurde, aus dem Gesichtswinkel der Bismarck-Zeit, zurückgeblickt auf die bürgerliche Lebensweise am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, auf die Epoche, die man später die "Goethe-Zeit" genannt hat. Auch Goethe ist mehrfach im Haus der Kügelgens zu Gast gewesen, vor allem in der Zeit der napoleonischen Kriege.
Die "Jugenderinnerungen" Kügelgens gewinnen den Leser durch die Freude am kulturhistorischen Detail und die anschauliche Sprache, dann auch durch die liebenswürdige und bescheidene Haltung des Verfassers. Er beschränkt sich darauf - wie schon im Titel seines Buches angedeutet - seine Kindheit und Jugend zu erzählen. Das Memoiren-Werk bricht im Jahre 1820 mit dem Tod des Vaters ab.
Gert Westphal liest aus den "Jugenderinnerungen eines alten Mannes" von Wilhelm von Kügelgen.