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Gedeckter Frühstückstisch © Bildagentur Huber Fotograf: Scat, Stefano
 

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Mathilde Möhring

Sendedatum: 24. April bis 3. Mai 2013, 22.05 bis 22.35 Uhr

Theodor Fontane-Denkmal © picture-alliance / akg-images Detailansicht des Bildes Theodor Fontane-Denkmal in seinem Geburtsort Neuruppin. "Mathilde Möhring" gehört zu Fontanes weniger bekannten Werken und ist in gewissem Sinn sein letztes erzählerisches Werk, da es spät entstand und erst postum, also noch nach dem großen Spätroman "Der Stechlin", veröffentlicht wurde.

Auch "Mathilde Möhring" gehört zum Kreis der sogenannten Berliner Romane Fontanes, wie "Frau Jenny Treibel" und "Die Poggenpuhls", "Stine" und "Irrungen, Wirrungen" sowie große Teile von "Cécile", "Effi Briest" und dem "Stechlin".

In diesen Romanen hat Fontanes ein genaues, umfassendes und feinnuanciertes Bild der städtischen Gesellschaft Berlins und des Lebens in der preußisch-brandenburgischen Metropole zur Bismarck-Zeit gegeben, von den ausgehenden siebziger bis in die frühen neunziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts.

Annäherung an das Kleinbürgertum

Aristokratie und Hofgesellschaft, Bildungs- und Besitzbürgertum, Militärkaste, protestantische Geistlichkeit und jüdisches Bürgertum, aber auch kleinbürgerliche Milieus erscheinen hier in vielfältiger Ausprägung und in einer sozialen Plastizität, wie sie in deutscher Literatur bis dahin ohne Vergleich war.

Lediglich das Proletariat, die Arbeiterklasse, die damals noch junge Sozialdemokratie ist bei Fontane kaum oder nur andeutungsweise beschrieben, obwohl er sich der politischen Bedeutung dieser Schichten sehr bewusst war.

"Mathilde Möhring" ist die entschiedenste Annäherung an das Kleinbürgertum, das hier, in Gestalt der Titelheldin, vom Drang nach dem Höheren erfüllt ist, obwohl - oder weil - man hier jeden äußeren Glanz, Charme, natürliche Schönheit vermisst.

Postume Veröffentlichung

Man muss etwas zur Entstehungsgeschichte des Buches sagen. Fontane schrieb es größtenteils 1891, fast gleichzeitig mit "Effi Briest" und den "Poggenpuhls". 1895 wurde der Text überarbeitet, ohne die letzte, definitive Gestalt zu gewinnen. Aber die Absicht, ihn ein letztes Mal, nach Gewohnheit, "unter die Feile" zu nehmen und zu veröffentlichen, konnte Fontane nicht mehr verwirklichen, da ihn zuletzt die Arbeit an seiner Autobiographie und vor allem am "Stechlin" beschäftigte.

Man fand das wohlgeordnete Konvolut von "Mathilde Möhring" im Nachlass. Postum wurde es 1907, neun Jahre nach Fontanes Tod, von Josef Ettlinger herausgegeben. Allerding in einer stark eingreifenden, fast könnte man sagen unverantwortlichen Textredaktion, die jahrzehntelang in allen Fontane-Ausgaben nachgedruckt wurde, bis der Aufbau-Verlag 1969 die authentische Version des Autors druckte.

Rechtfertigung des Herausgebers

Ettlinger begründete die Herausgabe aus dem Nachlass mit den Worten: "Wäre der Roman Fragment geblieben, würde ich selbst nicht für eine Veröffentlichung plädieren. Es ist aber ein Ganzes, und er enthält so viel echt Fontanisches, besonders in der weiblichen Hauptfigur, dass ich glaube, die große Lesergemeinde, die Fontane liebt, hat einen Anspruch darauf, ein Nachlasswerk dieses Kalibers kennenzulernen. - Es ist ja auch ein großer Unterschied für die Beurteilung des Romans, ob er bei Lebzeiten des Dichters von diesem veröffentlicht worden wäre oder ob er als postumes Werk erscheint. Jedermann weiß schon daraus, dass der Dichter selbst das Werk in der Schreibtischlade behalten hat, dass er es nicht für vollendet hielt, und so verlangt und erwartet man von einer derartigen Nachlasspublikation schon a priori keinen Fortschritt und keine Weiterentwicklung, ja nicht einmal etwas, was auf der Höhe des sonst Geleisteten steht, sondern man freut sich schon, wenn man in dem neuen, noch unbekannten Werk wenigstens Teile findet, in denen der uns sonst vertraute Dichter steckt." Und Ettlinger resümierte: "Ich gebe vollkommen zu, dass der Roman den späteren und besten Arbeiten von Theodor Fontane nicht gleichwertig ist." Das sind deutlich einschränkende Worte.

Aber auch wenn zuzugeben ist, dass "Mathilde Möhring" nicht, wie "Effi Briest", "Frau Jenny Treibel" und "Der Stechlin", der Rang eines Meisterwerkes gebührt, so gehört es doch zu Fontanes interessantesten und eigentümlichsten Büchern, weil er es das Grau-in-Grau der Kleinbürgerwelt, zähes Streben, Enge des Ehrgeizes und puritanische Strenge nirgends so illusionslos, ja trostlos beschrieben hat. Und es ist nicht ohne Ironie, dass die Erstveröffentlichung aus dem Nachlass, vor der ersten Buchfassung, in der Zeitschrift "Die Gartenlaube" zustande kam.

Gert Westphal liest den Roman von Theodor Fontane.

Termin

Am Abend vorgelesen

Sendezeit: Montag bis Freitag, 22.00 bis 22.35 Uhr

Programmübersichten

Programm Juli bis September 2013

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