Die Leiden des jungen Werthers

Sendedaten: 16. bis 27. Januar 2012, Montag bis Freitag, 22.00 bis 22.35 Uhr

Günther Dockerill liest aus dem Roman von J.W. von Goethe "Die Leiden des jungen Werthers"

Goethe war vierundzwanzig, als er den "Werther" schrieb. Das Buch erschien anonym in zwei Bänden 1774 in Leipzig. Es gehört seit seinem Erscheinen zu den berühmtesten der europäischen Literatur und war das erste Buch in deutscher Sprache, das auch jenseits der deutschen Grenzen viel gelesen wurde.

Übersetzungen in viele Sprachen

Schon ein Jahr nach dem Erscheinen kam die erste französische Übersetzung heraus, der in den nächsten Jahren weitere folgten; 1779 erschien die erste englische Übersetzung, 1781 die erste russische, und auch die Übersetzungen ins Italienische, Niederländische, Schwedische und Spanische ließen nicht lange auf sich warten.

'Lottes Zimmer' (Werther überrascht Lotte beim Brotschneiden). - Radierung, 1776, von Daniel Chodowiecki © picture-alliance / akg-images Fotograf: akg-images Detailansicht des Bildes 'Lottes Zimmer' (Werther überrascht Lotte beim Brotschneiden). - Radierung, 1776, von Daniel Chodowiecki (1726-1801). Aber damit nicht genug. Das Werk zündete ein Feuer an wie kein deutsches Buch vorher und nachher. "Es gab", bemerkt der Goethe-Biograph Richard Friedenthal, "eine Werther-Epidemie, ein Werther-Fieber, eine Werther-Mode, bei der die jungen Herren nach der Schilderung des Buches in blauem Frack und gelber Weste erschienen. Es gab Werther-Selbstmorde, Feiern zu Werthers Gedächtnis am Grabe seines Urbildes (des armen Jerusalem), Werther-Predigten gegen das Schandwerk, Werther-Karikaturen, und das nicht nur für ein Jahr, sondern auf Jahrzehnte hinaus. Goethe vermerkt, dass selbst der Chinese Lotte und Werther auf Porzellan gemalt habe."

Der "Dichter des Werther"

Stich des Dichters Johann Wolfgang von Goethe © Picture-Alliance Detailansicht des Bildes Stich des Dichters Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832) Goethe wurde der "Dichter des Werther", und er blieb es in vielen Augen bis an sein Ende, und so war das Büchlein sein Triumph und seine Niederlage zugleich. Denn der Dichter selbst stand seinem frühen Roman im Alter eher distanziert gegenüber.

Vieles seiner eigenen Biographie ist bekanntlich darin eingeflossen, aber unlöslich verquickt mit fremdem Lebensstoff: Am 25. Mai 1772 wurde Goethe Rechtspraktikant am Reichskammergericht in Wetzlar; am 9. Juni lernte er bei einem Ball im nahegelegenen Volpertshausen Charlotte Buff und ihren Verlobten kennen, den hannoverschen Gesandtschaftssekretär Kestner. Goethe warb stürmisch um Lotte, doch diese wusste ihn "kurz zu halten", wie es in Kestners Tagebuch einmal heißt. Eine Dreiecksgeschichte.

Goethe ergriff im September die Flucht und reiste ohne Abschied nach Frankfurt. Unterwegs machte er Station bei Sophie von La Roche, der namhaften Schriftstellerin, Freundin Wielands, Großmutter der Geschwister Brentano und Verfasserin des Briefromans "Geschichte des Fräuleins von Sternheim", der 1771 erschienen war und den "Werther" mit beeinflusste. In Frau von La Roches Tochter, die sechzehnjährige Maximiliane, verliebte sich Goethe, wurde aber auch hier "kurz gehalten".

Im Oktober 1772 erschoss sich in Wetzlar der braunschweigische Legationssekretär Jerusalem – mit einer von Kestner geliehenen Pistole – aus unglücklicher Liebe. Goethe ließ sich über den Vorgang von Kestner detailliert berichten und hat manches davon wörtlich in den "Werther" übernommen. Jerusalems Geschick floss mit den eigenen Erlebnissen zusammen.

Goethes Schreibset, ausgestellt im Goethehaus in Weimar. © Zentralbild Fotograf: Jan Bauer Detailansicht des Bildes Goethes Schreibset, ausgestellt im Goethehaus in Weimar. Den letzten Anstoß zur Niederschrift gaben im Januar/Februar 1774 Goethes Erlebnisse in Frankfurt, als Maximiliane von La Roche den um zwanzig Jahre älteren Kaufmann Peter Brentano heiratete. Nach Zusammenstößen mit Brentano begab Goethe sich in größte Isolation und schrieb innerhalb von vier Wochen seinen Roman nieder. Albert, Werthers Gegenspieler im Roman, trägt Peter Brentanos Züge, und auch die Lotte des Romans hat neben den Hauptzügen der Charlotte Buff die schwarzen Augen der Maximiliane La Roche abbekommen.

Handlung in Form eines Briefromans

Goethes Roman gehört zu den zahlreichen Briefromanen des achtzehnten Jahrhunderts. Bis auf die letzten tragischen Ereignisse, die der Protagonist nicht mehr selbst berichten kann, ist die Handlung in dieser Form erzählt. Goethe wählte diese Gestaltungsart, weil ein Briefroman in idealer Weise die Beschränkung auf die subjektive Wahrnehmung der Hauptfigur ermöglicht.

Der Held des Buches befindet sich auf dem Land zu Gast bei seiner Tante; eine Jugendfreundin ist gestorben, und er versucht, seinen Schmerz in der Ruhe des Landlebens zu vergessen. Er schreibt Briefe an seinen Freund Wilhelm und in diesen Briefen berichtet er über seine Eindrücke und Tätigkeiten: die idyllischen Szenen am Brunnen, wo die Mädchen Wasser holen, und über den Wirtsgarten, wo er Kaffee trinkt und seinen geliebten Homer liest. Über die Bürgerwelt fällt manches kritische Wort, und die sprengende Kraft von Werthers Gefühl entlädt sich in seinen hymnischen Lobpreisungen der Natur.

Maxim Gorki Theater, Berlin: Die Leiden des jungen Werthers © Bettina Stöß Fotograf: Bettina Stöß Detailansicht des Bildes Fritzi Haberlandt als Lotte, Hans Löw als Werther und Ronald Kukulies als Albert in einer Aufführung am Thalia Theater Hamburg (2009). Er wird zu einem Ball eingeladen. Dort lernt er Lotte kennen. Obwohl er weiß, dass sie verlobt ist, verliebt er sich sofort in sie. Der Held, der junge Werther, lebt nun "wie im Träume", denn Lottes Gegenwart versetzt ihn, wie zuvor die Natur, in einen besinnungslosen Glückstaumel: "Wilhelm, was ist in unserem Herzen die Welt ohne Liebe! Was eine Zauberlaterne ist ohne Licht! Kaum bringst du das Lämpchen hinein, so scheinen dir die buntesten Bilder an deine weiße Wand!" – Ein Schatten fällt auf Werthers Glück, als Albert, Lottes Verlobter, zurückkehrt – gerade weil er ihm eine gewisse Achtung nicht versagen kann. Werther befindet sich im peinvollen Zwiespalt zwischen dem Wunsch, in Lottes Nähe zu sein, und der Qual, sie als die Verlobte Alberts zu sehen.

Nun will er sich aus dem unglücklichen Dreiecksverhältnis endlich losreißen und reist ohne Abschied ab. Doch in seiner neuen Umgebung, fern von Lotte, fühlt er sich bald wie im Käfig. Nach einigen Monaten kehrt er in Lottes Nähe zurück. Diese ist inzwischen mit Albert verheiratet. Werther bildet sich ein, dass sie nicht glücklich ist mit ihrem Mann. Nach einer leidenschaftlichen Szene zwischen Lotte und ihm, reißt sich Lotte los und flüchtet vor ihm. Werther beschließt, Lotte nicht weiter zu bedrängen, damit ihr Ruf keinen Schaden nimmt. Unter einem Vorwand leiht er sich von Albert zwei Pistolen und erschießt sich.

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Gedeckter Frühstückstisch © Bildagentur Huber Fotograf: Scat, Stefano
 

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