Genie und Wahnsinn
August Strindberg war ein Künstler von großer Vielseitigkeit, der sich in allen Genres und Stilen versuchte.mehr
Hannes Messemer, Hans Paetsch, Benno Sterzenbach und Joachim Kerzel lesen aus den Schriften von August Strindberg. Mit Einführungen von Hanjo Kesting.
Sendetermine: 5. bis 17. Februar 2010, von 22.00 bis 22.35 Uhr
Der "ungeheure Strindberg" hat ihn Franz Kafka genannt. Oder mit den Worten seines Zeitgenossen Theodor Fontane: "Ein furchtbarer Mann, dieser Strindberg, aber doch von einem so großen Talent, daß man in seinem Unmut, Ärger und Ekel immer wieder erschüttert wird."
Strindberg lebte von 1849 bis 1912. Er war ein Künstler von großer Vielseitigkeit, der sich in nahezu allen Genres und Stilen versuchte. Er schrieb Romane, Erzählungen, Theaterstücke, Mysterienspiele, historische Studien, naturwissenschaftliche Aufsätze, von seinen Tagebüchern und "Blaubüchern" ganz zu schweigen. Auf allen Gebieten hat er Hervorragendes geleistet. Seine Dichtung ist geprägt von ungewöhnlicher Vitalität und einer schon zuweilen ins Pathologische greifenden Geistigkeit. Einige Biographen und vor allem seine Kritiker haben unverhohlen von seiner "Geisteskrankheit" gesprochen. Man hat ihn in seiner egomanen Überspanntheit mit van Gogh verglichen.
Weniger bekannt sind Strindbergs Erzählungen aus dem Leben der Bauern und Fischer, solche der Introspektion und Selbstabrechnung und sehr viele Geschichten, die im Spannungsfeld der Geschlechter angesiedelt sind. Zu ihnen gehört auch "Wie es kommen mußte".
"Die seltsamen Erlebnisse des Lotsen" hat wenig zu tun mit dem landläufigen Strindberg-Bild, demzufolge er nur von sich selber geschrieben hat und vom Todhass der Geschlechter. Man könnte sie als Geistergeschichte bezeichnen, und wenn Strindberg auch hier von sich selber sprechen sollte, erkennt man darin seine Fähigkeit zur Objektivierung.
In insgesamt 30 Erzählungen variiert Strindberg das Thema Liebe und Ehe. Während er sich im Vorwort zur ersten Sammlung sogar radikal für die Frauenemanzipation einsetzte, schickte er dem zweiten Band eine heftige Polemik gegen sie voraus. Ursache war die Kritik der Frauenverbände am ersten Band und die Anklage gegen Gotteslästerung, die gegen ihn angestrengt wurde. Die Geschichte "Liebe und Brot" mit ihrer Kritik an der Gesellschaft, nicht am anderen Geschlecht, ist von solchem Extremismus noch entfernt.
Mit wenigen Strichen hingeworfen, wirken die Porträts der historischen Gestalten umso lebendiger und eindringlicher: Caligula, Nero, Papst Gregor der Erste, Sokrates, Heinrich der Achte, Zar Peter, Friedrich von Preußen und Voltaire. Das erste hat Strindberg Julian Apostata gewidmet, dem römischen Kaiser der Spätantike. Er war ein Stiefneffe des Kaisers Konstantin, unter dem das Christentum als Staatsreligion im Römischen Reich eingeführt worden war. Dies sollte auch für die Provinz Gallien gelten, wo die Römer aber auf Schwierigkeiten stießen. Die achte Miniatur handelt von dem Hunnenkönig Attila - auch er eine Gestalt der ausgehenden Antike und somit einer Spätzeit.
"Herbst" ist eine von Strindbergs Liebes- und Ehegeschichten. Für ihn ist die Liebe ein mächtiger natürlicher Impuls, der zwei Menschen zueinander treibt, der aber im Alltag der institutionalisierten Ehe zerstört wird.
"Plädoyer eines Irren" beschreibt zehn Jahre im Leben Strindbergs, die Jahre seiner qualenvollen Liebes- und Ehegeschichte mit der Schauspielerin Siri von Essen, die der noch nicht 40-Jährige 1887 in der Form einer Verteidigungsschrift aufgezeichnet hat. Strindberg verteidigt sich gegen das von Siri von Essen ausgestreute Gerücht, er verfalle langsam dem Wahnsinn. Seine Frau wiederum erscheint als Nymphomanin, und deswegen ist das "Plädoyer eines Irren" zugleich eine Anklageschrift gegen Siri von Essen. Strindberg hatte Siri von Essen 1875 kennengelernt. Sie war verheiratet, ließ sich scheiden, man lebte glücklich zusammen - in wechselseitiger Freizügigkeit und Anerkennung. Eine ideale Ehe für einige Zeit. Dann schwand das Gefühl, begann der Machtkampf, und aus den Liebenden wurden Kontrahenten.
| Folge | Inhalt | Sendedatum |
|---|---|---|
| 1 | Wie es kommen musste Benno Sterzenbach | 5. Februar 2010, 22.00 bis 22.35 Uhr |
| 2 | Die seltsamen Erlebnisse des Lotsen Hannes Messemer | 8. Februar 2010, 22.00 bis 22.35 Uhr |
| 3 | Liebe und Brot Benno Sterzenbach | 9. Februar 2010, 22.00 bis 22.35 Uhr |
| 4 und 5 | Julian Apostata Hans Paetsch | 10. und 12. Februar 2010, 22.00 bis 22.35 Uhr |
| 6 | Attila Hans Paetsch | 15. Februar 2010, 22.00 bis 22.35 Uhr |
| 7 | Herbst Benno Sterzenbach | 16. Februar 2010, 22.00 bis 22.35 Uhr |
| 8 | Plädoyer eines Irren Joachim Kerzel | 17. Februar 2010, 22.00 bis 22.35 Uhr |