Malwida von Meysenburg
Ihre Memoiren sind ein bedeutendes kulturgeschichtliches Zeugnis aus dem 19. Jahrhundert.mehr
Steffy Helmar liest aus den Erinnerungen von Malwida von Meysenbug
Sendetermine: 18. bis 22. Januar 2010, von 22.00 bis 22.35 Uhr.
Die Lesung führt uns in die Zeit der Julirevolution von 1830, deren Wirkung aus Frankreich auch nach Deutschland drang. Malwida von Meysenbug war damals 14 Jahre alt und noch ganz im Denken ihres Elternhauses befangen. Ihr Vater war zu dieser Zeit Staatsminister des hessischen Kurfürsten Wilhelms des Zweiten in Kassel. In ihrem Buch wird deutlich, wie schwer es das lernbegierige junge Mädchen im Unterschied zu ihren Brüdern hatte, eine angemessene schulische Bildung zu erwerben. Noch viel später klagte die inzwischen 70-Jährige in einem Brief, dass in ihrer Jugend noch alles viel drückender gewesen sei, als sie es in ihren Memoiren habe darstellen können. "Wenn Sie wüßten“, schrieb sie an den österreichischen Diplomaten Alexander von Warsberg, "welche Stunden tiefen inneren Leidens ich in der Jugendzeit verbracht habe, wie ich arbeitete, um nur in etwas die Lücken zu füllen, die ich auf allen Gebieten fühlte, um auf tausend Fragen eine Antwort zu suchen, um aus der engen Alltäglichkeit hinaus zu größeren Lebensanschauungen zu gelangen."
1847 starb der Vater und 1848 beschloss die Mutter, sich in dem kleinen Reichsstädtchen Detmold niederzulassen, nicht zuletzt, um die freiheitlichen Ideen der Tochter unter das Joch provinzieller Ordnung zu zwingen. Immer häufiger beklagt die inzwischen 32-jährige Malwida von Meysenbug ihre finanzielle Abhängigkeit und fehlende Berufsausbildung. Sie stößt auf das Problem der Frauenemanzipation, die ihr als eine der Hauptaufgaben künftiger Gesellschaftspolitik erscheint.
Die Revolution des Jahres 1848 wurde von Malwida von Meysenburg begeistert begrüßt. Damit begab sie sich freilich in entschiedenen Widerspruch zu ihrer Familie, die vollständig in den Konventionen und politischen Anschauungsweisen der Aristokratie befangen war. Für sich selbst fasste Malwida von Meysenbug 1850 den Entschluss, die Hamburger Frauenhochschule zu besuchen, um die Bildung, die sie sich autodidaktisch erworben hatte, zu vertiefen und schließlich Erzieherin zu werden.
Ihr Engagement, ihre Einsatzbereitschaft und ihre Kenntnisse ließen sie rasch zur zweiten Vorsteherin der Schule avancieren. Aber das Glück war nur von kurzer Dauer. Die Schule war wegen ihres liberalen und demokratischen Geistes den Behörden ein Dorn im Auge, zumal der Sieg der Konterrevolution zu verschärften Repressionen führte - auch und besonders im schulischen Bereich. Malwida von Meysenbug resignierte nicht. Sie empfand sich nun erst recht als "lebender Protest gegen die versteinerten Formen". Im April 1852 reiste sie nach Berlin zu ihrer Freundin Anna Koppe. Später musste sie ihre Heimat verlassen und ging nach England ins Exil.