Kalendergeschichten von Johann Peter Hebel

Sendetermin: 28. November bis 9. Dezember 2011, 22 bis 22.35 Uhr

Manfred Schradi liest Kalendergeschichten von Johann Peter Hebel.

Porträt des Schriftstellers von Johann Peter Hebel (1760 - 1826) © picture-alliance / maxppp Fotograf: Bianchetti Detailansicht des Bildes Hebel gehörte keiner der herrschenden Strömungen seiner Zeit an. Seine Mundartdichtungen wurden dennoch von berühmten Literaten bewundert. Die Geschichten stammen aus Hebels "Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes", das genau vor 200 Jahren erstmals erschien. "Er habe das Weltall angenehm verbauert" – so wird gelegentlich Goethe über den "rheinischen Hausfreund" Johann Peter Hebel zitiert, den er hoch schätzte und dessen "Alemannische Gedichte" er lobend rezensierte.

Hebel, der 1760 in Basel geboren wurde, wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, konnte aber immerhin in seiner Geburtsstadt das Gymnasium besuchen. Freunde und Gönner ermöglichten ihm ein Theologiestudium. Für einige Jahre arbeitete er, wie so viele seiner Zeitgenossen aus dem einfachen Bürgertum, als Hauslehrer. Seit 1791 Gymnasiallehrer in Karlsruhe, wurde Hebel 1798 Professor für Dogmatik und war von 1808 bis 1814 Direktor des Gymnasiums, dann auch Mitglied der obersten protestantischen Schulbehörde. 1821 wurde er Mitglied des Badischen Landtags, im selben Jahr verlieh ihm die Universität Heidelberg die Ehrendoktorwürde. Außerdem interessierte er sich für Botanik. Nach dem Pflanzensammler ist eine Lilie benannt: "Hebelia allemanica". Hebel starb, sechsundsechzigjährig, 1826 im badischen Schwetzingen.

Stich des Dichters Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832) © Picture-Alliance Detailansicht des Bildes Johann Wolfgang von Goethe schätzte Hebel und rezensierte seine Werke lobend. Der Lehrer, Erzähler und Lyriker stand außerhalb der herrschenden Literaturströmungen. Seine volkstümlich-realistischen Anekdoten und Kalendergeschichten wirkten jedoch weithin, im Populären wie im Hochliterarischen. Als Gymnasialdirektor redigierte Hebel den von seiner Schule herausgegebenen Landkalender "Der rheinische Hausfreund", in welchem auch die meisten seiner eigenen Geschichten erschienen. 1811 wurden sie erstmals gesammelt im "Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes" veröffentlicht.

Aufklärerische Haltung und realistische Weltbeobachtung

Mag aus diesem Titel zunächst eine eher treuherzig-fromme Lebensauffassung sprechen, die Hebel auch in der Tat nicht fremd war, so wirken die Geschichten selber doch im protestantisch-aufklärerischem Sinn und sind getragen von realistischer Weltbeobachtung. Sie bleiben im Kreis der vorgegebenen Ordnung, wie es der Gattung der Kalendergeschichte entspricht, doch sie werden aus dem Blickwinkel der Bauern und der Armen erzählt, denen "der Mund nächstens ganz zuwächst vor Hunger", wie es einmal heißt.

Viele dieser Geschichten und Anekdoten sind aus Prosasammlungen des späten Mittelalters, etwa von Jörg Wickram, geschöpft oder dem Volksmund abgelauscht. Hebel spricht, ohne den Rahmen der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung anzutasten, aus der Perspektive der einfachen Menschen und Bauern, auf die er im aufklärerischen Sinn wirken will. Der Realismus seiner Kalendergeschichten hat noch in Bertolt Brecht einen späten Bewunderer und Nachfolger gefunden.

Foto des deutschen Philosophen Ernst Bloch (1885 - 1977) © dpa-Bildarchiv Detailansicht des Bildes Der deutsche Philosoph Ernst Bloch hat einem unscheinbares Prosastück Hebels mit dem schlichten Titel "Unverhofftes Wiedersehn" einen Rang reserviert, der kaum noch zu überbieten ist. Er nannte die zwei, drei Seiten - die "schönste Geschichte der Welt". Niemand aber hat sich schöner und treffender über Hebel geäußert als Ernst Bloch, und zwar im Nachwort zu einer Neuausgabe des "Schatzkästleins" 1965 – da heißt es: "Ein früher, alter Ton kommt herüber, bleibt bei uns. Er erzählt, aber wie, Hebel ist leicht, lebhaft, dicht, spannend, bedächtig in einem. Seine Forme ist bekannt, die der Kurzgeschichte, doch so, dass sie nicht eilt. Geht in ehemaligem ländlichen Ablauf vor sich, obwohl in kuriosem. Erstaunlich hierbei, wie breit durch bestes Schreiben noch angesprochen werden konnte. In Zeiten, wo das Volk noch nichts von Kitsch wusste, ihn nicht brauchte. Diese Stücke heute zu lesen, das braucht auch nicht nur wie Lust an altem schönen bäurischen Gerät zu sein; zu Hebel muss nicht zurückgegangen werden, er besucht uns selber. Das Kind kann in seiner Weise ihn verstehen, und der reife Leser, wenn er einer ist, kehrt immer wieder ein. So lebt Hebel, indem man seiner eigen bedürftig ist, er bleibt als Freund da."

Literaturhinweis
Cover: Johann Peter Hebel von Heide Helwig. © Hanser Verlag
 

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Gedeckter Frühstückstisch © Bildagentur Huber Fotograf: Scat, Stefano
 

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