Kommentar

Schluss mit dem "Urheberrechtsexzess"?

Kopiert euch eure Romane doch selbst!

Gedanken von Ulrich Kühn

Ausschnitt aus dem Buchcover: Axolotl Roadkill von Helene Hegemann. © Ullstein Buchverlag Erst 17 und schon solch einen Roman vollbracht! Das deutsche Feuilleton schlug Purzelbaum, als Helene Hegemann mit "Axolotl Roadkill" die literarische Bühne betrat. Die Begabung schien sich vom berühmten Vater, dem Dramaturgen Carl Hegemann, auf die Tochter vererbt zu haben. Doch plötzlich ist da ein Plagiatsvorwurf. Passagen aus "Axolotl Roadkill" ähneln allzu sehr solchen aus dem Werk "Strobo" des 1981 geborenen Bloggers "Airen".

Talent wirkt erregend, erst recht, wenn es frisch um die Ecke springt. Helene Hegemann ist blutjung, ihr Erfolg ist ein Märchen. Sie ist fast noch ein Kind. Nur kein Neid. Und kein unfairer Vorwurf: Soll die Kritik nicht hinsehen, wenn eine solche Begabung sich regt? Und soll sie nicht besonders behutsam richten? Sie war auf heroische Weise behutsam, die Kritik, sie war fast benebelt. Wenn Maxim Biller, bald 50 Jahre alt, der frechen Helene Hymnen singt, weil er ihren Lebensbezirk für unbetretbar durch Ältere hält, wird er wissen, was ihn dabei treibt. Ihr darf das keiner vorwerfen.

Das alles lässt sich zu ihren Gunsten sagen. Und dann fast nichts mehr; dann muss man hören, wie sie den Plagiatsvorwurf kontert: "Wenn da die komplette Zeit über rein interpretiert wird, dass das, was ich geschrieben habe, ein Stellvertreter-Roman für die Nullerjahre ist, muss auch anerkannt werden, dass der Entstehungsprozess mit (...) den Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts zu tun hat, also mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation."

"Helene Ichwarsnicht" ist auf einmal sehr erwachsen

Helene Hegemann. © ddp Fotograf: Jens Schlueter Detailansicht des Bildes Helene Hegemann. Sehr schlau meldet sich da eine sehr erwachsene Stimme zu Wort, die sagt: "Ich suspendiere das Urheberrecht und überwinde so den Exzess." So hochfahrend einfach geht's also auch, was ins Buch hinein interpretiert wird, rechtfertigt im Nachgang das schräge Verfahren; ein ultramodernes Verfahren natürlich, denn so machen’s ja alle, die ihre Magisterarbeit mit wenig Hirn und ganz viel "Copy and Paste" kreieren. Derlei ist nicht in Ordnung. Aber könnte es Kunst sein? Kann man sich einen Roman als Pasticcio backen, weil man gelernt hat, dass im Netz alles frei zu haben ist?

"Helene Ichwarsnicht" wird ihren Beifall bekommen. Man hört schon voraus, wie das tönen könnte: Die Blaupause hat sie selbst mitgeliefert. Es ist eine alte Melodie, die sie singt: "Originalität", sagt sie, gibt es nicht, "nur Echtheit". Deshalb habe sie ihren Roman eine "Lüge" genannt. Denn nur über die Lüge kämen wir der Wahrheit nahe. Applaus, das grenzt an Dialektik. Und es ist, wie gesagt, ein steinalter Gedanke: Brecht propagierte schon diese gewisse Laxheit im Umgang mit dem geistigen Eigentum, und die Poststrukturalisten bewiesen die individualisierbare Autorenschaft bündig aus der Welt hinweg. Die Freibeuter des Internets haben schon recht, originell sind sie wirklich nicht. Alsdann vorwärts, zur Lüge, zur Wahrheit und die Finger fest auf Copy and Paste!

So singt sie. Und singt weiter, sie habe mit dem Blogger, vom dem sie abschrieb, solcherart doch "in Kommunikation treten" wollen. Hört nur die Loreley! Vom Verlag nach den Quellen ihres Tuns gefragt, fiel ihr aber lediglich ein Zitat von David Foster Wallace ein. Nun müht sich Ullstein, den Schaden klein zu halten, reicht allen eventuell Beklauten auf Vorschuss die Hand, um nachträglich die Genehmigung etwaiger Zitate zu erlangen. Und die unmündige Autorin, die keine sein will, gibt sich zerknirscht, weil sie so "gedankenlos" und "egoistisch" war. Ein feiner Zug, den sie ihrer Theorie gemäß gar nicht nötig hätte. Und obwohl sie ihr "Prinzip voll und ganz" verteidigt, entschuldigt sie sich dafür, nicht alle erwähnt zu haben, "deren Gedanken und Texte" ihr "geholfen haben."

Ein Buch, das wir verdienen?

Wozu eigentlich? Wenn wir Helene Hegemann beim Wort nehmen, hat sie ihr Buch ohnehin nie allein schreiben wollen. Recht verstanden, haben wir es irgendwie alle geschrieben. "Nehmt hin", singt sie, "das ist euer Roman, das Buch, das ihr alle verdient!" Es kann sein, dass sie Recht hat, nur anders, als sie es wünscht. Denn es bleibt ein allzu lässiger Gestus, mit dem gegenwärtig gesagt wird: Urheber, ade. Wir sollten darüber in einer ruhigen Minute nachdenken, alle miteinander: Leser, Kritiker, Internetfreaks.

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Ausschnitt aus dem Buchcover: Axolotl Roadkill von Helene Hegemann. © Ullstein Buchverlag
 

Axolotl Roadkill

26.01.2010 | 12:30 Uhr

Ein Roman von Helene Hegemann - vorgestellt auf NDR Kultur.mehr