Stand: 05.01.2016 17:28 Uhr

"Die Diskussionen über Köln sind vergiftet"

Von einer "völlig neuen Dimension organisierter Kriminalität" hat Bundesjustizminister Maas gesprochen. Er meint die Vorgänge vor dem Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht: Massenhafte Diebstähle und, vor allem, Übergriffe auf Frauen, verübt von Männern, die laut Zeugen dem Aussehen nach nordafrikanischer Herkunft seien. 90 Anzeigen sind bereits eingegangen. Es hat Tage gedauert, ehe die Diskussion groß geworden ist. Und es wird fast flehentlich betont, Ausländer und Flüchtlinge dürften nicht unter Generalverdacht gestellt werden. Der Soziologe Armin Nassehi ist der Meinung, die Diskussion gestalte sich aufgrund der ohnehin schon angespannten Flüchtlings-Thematik sehr schwierig.

Herr Nassehi, wie beurteilen Sie die Reaktionen auf die Kölner Vorgänge?

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Armin Nassehi ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Armin Nassehi: Dass diese Reaktionen so langsam erfolgt sind, hat wohl damit zu tun, dass die Dinge zum Teil gar nicht zentral erfasst worden sind. Man muss sich erst einmal ein Bild machen, das noch nicht ganz klar ist. Für mich als Soziologe ist interessant an dieser Situation, dass die Leute ihre Rollen spielen, wie man das erwartet: Politik wird Handlungsfähigkeit darstellen und simulieren; die Polizei wird bestimmte Strategien in den Vordergrund stellen; Anti-Rassisten warnen davor, Vorurteile zu schüren; diejenigen, die gerne Vorurteile schüren, tun das. Aus der Distanz betrachtet findet dort ein Spiel statt, für das es fast ein Skript im Hintergrund gibt. Alle reden, wie man es von ihnen erwartet, und am Ende kommt wahrscheinlich nicht viel dabei heraus.

All dies fällt in eine Zeit, in der die Gesellschaft ohnehin eine polarisierte Debatte erlebt. Die Polizei hat schon am Wochenende betont, die Hinweise gingen in Richtung polizeibekannter Intensivtäter, die mit Flüchtlingen nichts zu tun hätten. Und dennoch kommen die entsprechenden Kommentare. Ist das unvermeidlich in diesem gesellschaftlichen Rollenspiel?

Nassehi: Das ist fast unvermeidlich. Natürlich ist es für viele Menschen ein gefundenes Fressen, dass man es mit Tätern zu tun hat, die "nordafrikanischer Herkunft" sind. Auf der anderen Seite ist es ein Thema, bei dem sehr stark der Feminismus herausgefordert ist, der sich in einer Situation vorfindet, womöglich selber darüber nachdenken zu müssen, wie viel man über die Herkunft der Täter eigentlich sagen soll.

Es ist eine interessante, eine sehr schwierige Gemengelage. Man kann daran sehr gut sehen, dass unsere öffentlichen Diskussionen sehr vergiftet sind. Selbstverständlich muss man über die Herkunft der Täter etwas sagen, selbstverständlich muss man sich über die soziale Lagerung der Täter Gedanken machen und über ein mögliches Integrationsproblem. Aber selbstverständlich kann man mit den kulturellen Differenzen auch nicht alles erklären. Das Thema der sexuellen Übergriffe Frauen gegenüber hat keineswegs nur etwas mit nordafrikanischen Kulturen zu tun - das ist ein gesellschaftliches Problem. Aber auch dieser Satz hört sich so an, als wollte ich die anderen relativieren und so sieht man, dass diese Kommunikation sich permanent selber infrage stellt - und das macht die Situation im Moment so kompliziert.

Es gibt Leute, die spielen mit diesen Rollenirritationen: Jens Spahn von der CDU hat einen "Aufschrei" gefordert, in Erinnerung an die "Brüderle-Debatte" vor drei Jahren. Spahns Argument sinngemäß: Damals gab es diese Anzüglichkeiten eines älteren FDP-Politikers gegenüber einer jungen Journalistin - darauf folgte der zig-zehntausendfache Aufschrei. Und nun, da ein Aufschrei sehr angebracht wäre, gerät er leise und verdruckst. Dies wohl aus Gründen politischer Korrektheit. Liegt er da richtig?

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Übergriffe in Köln, Hamburg und Stuttgart

In der Silvesternacht wurden am Kölner Hauptbahnhof Frauen belästigt, sexuell bedrängt und beraubt. Aus Hamburg und Stuttgart werden ähnliche Vorfälle berichtet. Die Fakten auf tagesschau.de. extern

Nassehi: Er liegt sowohl richtig, als auch nicht richtig. Er ist ja nicht jemand, der vorher zu den Aktivisten dieser Aufschrei-Geschichte gehört hat. Aber selbstverständlich ist es ein Thema, das aus einer feministischen Perspektive ein wichtiges Thema sein muss und sein sollte, weil man feststellen kann, dass ein Migrationshintergrund niemanden davor schützt, womöglich auch jemand zu sein, der solche Straftaten begeht. Die Vergiftung oder "Indexikalisierung" der Kommunikation kann man an solchen Beispielen sehen. Es ist klar, dass da immer Instrumentalisierungen im Hintergrund stecken. Herr Spahn wollte damit sagen: Warum seid Ihr nicht genauso engagiert wie bei dem anderen Thema? Die Frage ist nicht ganz unberechtigt.

Man hört auch gallige Sätze wie etwa: Schön, dass endlich sexuelle Übergriffe gegen Frauen mal als die Kriminalität bezeichnet werden, um die es sich tatsächlich handelt; dass den Opfern mal geglaubt wird. Das insinuiert wiederum: Wenn es die Ausländer sind, wird genauer hingeschaut. Das wirkt nicht hundertprozentig konsistent, wenn seinerzeit, schon als Brüderle ein wenig verbal entgleiste, dieser Aufschrei erfolgte.

Nassehi: Da haben Sie Recht. Man könnte noch weiter gehen und sagen: Was sollen diese Sätze? Wenn es beim Oktoberfest oder beim Karneval auch zu solchen Übergriffen kommt, macht das die Übergriffe dann schlimmer oder weniger schlimm? In solchen Fragen mit Aufrechnungen zu arbeiten, ist immer verdächtig; wer aufrechnet, ist nicht daran interessiert, herauszubekommen, wie solche Dinge zustande kommen.

Was mich interessieren würde, ist, warum es tatsächlich so etwas wie organisierter oder abgesprochener Kriminalität in einer Situation wie der Silvesternacht in einer Großstadt in Deutschland gelingen kann, über einen längeren Zeitraum solche Straftaten zu begehen, ohne dass einem das auffällt. Man sollte diese Aufrechnungen lassen und ernsthafterweise darüber nachdenken, dass unterschiedliche Tätergruppen unterschiedliche Gründe haben, warum sie die Dinge tun. Wenn sie diese Ehrlichkeit nicht haben, dann werden wir weder eine Migrationsdebatte, noch eine Flüchtlingsdebatte, noch eine Debatte über sexuelle Übergriffe Frauen gegenüber angemessen führen können.

Es hat bereits früher schon Mahnungen gegeben, das Thema geschlechtsspezifische Gewaltausübung durch Männer aus anderen Kulturen werde unterschätzt, etwa in Flüchtlingsunterkünften. Gibt es einen blinden Fleck in der deutschen Willkommenskultur?

Nassehi: Ich fürchte, es gibt viele blinde Flecke, sowohl in der Willkommenskultur, als auch in der Kritik an der Willkommenskultur. Wir tun uns und den Flüchtlingen keinen Gefallen, wenn wir weggucken. Es gibt womöglich Probleme mit einer Maskulinisierung des öffentlichen Raums: Wenn junge Männer den ganzen Tag nichts zu tun haben, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie kriminell werden - vergleichsweise kulturunabhängig.

Ein viel schlimmeres Problem könnte sein, dass wir es in fast allen deutschen Großstädten zurzeit mit einer Clan-Kriminalität zu tun haben, die durchaus sehr stark von Leuten mit Migrationshintergrund betrieben wird. Dagegen muss man offener vorgehen, auch im Interesse derer, die als Migranten in Deutschland Fuß fassen wollen. Wenn wir diese Diskussion angemessener führen, dann ist das Instrumentalisieren auch nicht so leicht.

Das Interview führte Ulrich Kühn.

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NDR Kultur | Journal | 05.01.2016 | 19:00 Uhr