Stand: 07.03.2016 09:42 Uhr

Zum Tod von Nikolaus Harnoncourt

Kaum ein Dirigent hat die Musikwelt im 20. Jahrhundert so fundamental verändert wie Nikolaus Harnoncourt. Er prägte die historische Aufführungspraxis Alter Musik, er hat als Dirigent, Lehrer und Autor Musikergenerationen inspiriert. 1953 gründete er den Concentus Musicus Wien, später arbeitete er auch intensiv mit großen Sinfonieorchestern wie dem Concertgebouw Amsterdam, den Wiener- oder den Berliner Philharmonikern. Am 5. März starb er im Alter von 86 Jahren in St. Georgen im Attergau.

Nikolaus Harnoncourt - eine Dirigentenbiografie

NDR Kultur Autorin Margarete Zander hat Nikolaus Harnoncourt für viele Interviews getroffen und sich ihm über seine Arbeit ausgetauscht.

NDR Kultur: Was hat Harnoncourt als Dirigent besonders ausgezeichnet?

Margarete Zander: Er hat sich gefragt, wie die Klangvorstellung des Komponisten wirklich war, der dieses Werk zu Papier gebracht hat. Denn die Noten auf dem Papier sind das eine, aber die Idee und die Klangvorstellung im Kopf das andere. Die zu erschließen hat sich Harnoncourt immer zum Ziel gesetzt. Er hat dann in den 60er Jahren angefangen, die Instrumente nachzubauen, die Monteverdi, Bach oder Mozart zu ihrer Zeit zur Verfügung gestanden haben. Das hat dazu geführt, dass viele ihn in die Hölle gewünscht haben, und gesagt haben: "Wie kann man diese Musik so missgestimmt aufführen lassen!". Aber es hat sich gezeigt, dass Harnoncourt wirklich auf dem richtigen Weg war. Heute spielt jedes Orchester, das etwas auf sich hält, bestimmte Werke mit den Originalinstrumenten oder, bei den Streichern, zumindest mit den Bögen, die man im 17. Und 18. Jahrhundert verwendet hat.

Sie haben jetzt gerade auch betont, welche Bedeutung er für die Musikforschung hatte, wenn ich das noch ein bisschen weiterfassen darf, aber welche Bedeutung hatte er für die Musikwelt insgesamt?

Zander: Er sagte von sich selber, dass genau das ein Missverständnis sei. Er sah sich nicht als Musikforscher. Harnoncourt war ein leidenschaftlicher Musiker, der allen gezeigt hat, dass die Forschung nur dazu da ist, einen Weg zur Musik zu finden. Auf der Bühne selber war er gerne der Entertainer, und auch in den Proben war er ein kreativer Motivator. Es gibt Bücher über seine Orchesterproben, und seine große Aura als Dirigent. Zum Beispiel bei Robert Schumanns Rheinischer Sinfonie sagte er zu den Musikern: "Ihr spielt das ja wie Biertrinker, aber am Rhein trinkt man Wein!" Er hat Vergleiche gefunden, die die Vorstellungskraft der Musiker beflügelt haben, und auch das war eines seiner großen Geheimnisse.

Sie haben ihn ja oft getroffen, haben sich mit ihm über Musik unterhalten, und natürlich sehr viel Musik auch gehört, was war er für ein Mensch?

Zander: Er war ungeheuer leidenschaftlich und er war sehr humorvoll. Als ich das letzte Mal für Klassik à la carte zu ihm kam - wir haben eine Sendung zu seinem 85. Geburtstag aufgenommen - da bin ich in den Attergau gefahren, in das Haus, in dem er seit 60 Jahren wohnte. Ich kam an die Tür und er sagte: „Wenn Sie einen Moment Zeit haben, dann zeige ich Ihnen was“, Und er führte mich in das Zimmer, in dem ganz viele Stühle standen. Er war dabei, eine verzierte Rückenlehne eines Stuhles zu schnitzen, und er zeigte mir, wie seine Katze versuchte, nach dem geschnitzten Vogel zu greifen. Wunderbar

Das Gespräch führte Eva Schramm.

Reaktionen zum Tod von Nikolaus Harnoncourt:

  • Edita Gruberova, Sopranistin
    "Harnoncourt war ein Gigant. Er prägte Generationen. Mit ihm zu arbeiten war ein Erlebnis, eine ganz große Sache. Er hinterlässt eine Lücke."

  • Heinz Fischer, österreichischer Bundespräsident
    "Sein Tod ist ein unersetzlicher Verlust für das österreichische und internationale Musikleben."

  • Josef Ostermeier, Kulturminister Österreich
    "Nikolaus Harnoncourt ist ein Fackelträger für die Kunst und die Wahrheit gewesen. Er war ein Ausnahmekünstler und hat Altes auf geniale Weise in die Gegenwart transportiert."

  • Albrecht Mayer, deutscher Oboist
    "Die Nachricht, dass Nikolaus Harnoncourt gestorben ist, hat mich wahnsinnig mitgenommen. Eine Jahrhunderterscheinung hat uns verlassen."

  • Andreas Großbauer, Vorstand der Wiener Philharmoniker
    "Kunst heißt Wahrheit und diese kann beklemmend sein. Harnoncourts Kunst hat uns vor den Kopf gestoßen, erschüttert und überzeugt."

  • Igor Levit, russisch-deutscher Pianist
    "Das erste, was ich gedacht habe: Ein großer, großer Gegenwartsmensch ist gegangen."

  • Die Welt
    "Er war der Urknall der historischen Aufführungspraxis und der wichtigste Dirigent nach Karajan."

  • Frankfurter Allgemeine Zeitung
    "Wie vital, differenziert, dramatisch und klangfarbenreich die polyphone Musik des Mittelalters und der Renaissance klingen kann und uns damit ebenso zu rühren vermag wie ein Schubert-Lied, hat im Grunde so frappierend erst Nikolaus Harnoncourt demonstriert."

  • Süddeutsche Zeitung
    "Seine Aufführungen sprangen die Zuhörer geradezu an, zwangen ihnen die Bedeutung jeder Note fast physisch auf. Sein Ansatz fand begeisterte Anhänger unter den Skeptikern eines kulinarischen Mainstreams. Er dirigierte mit der Unbedingtheit eines Propheten."

     

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 06.03.2016 | 16:08 Uhr