Stand: 29.01.2016 18:07 Uhr

Wie viel Elite braucht das Land?

Spitzenforschung in Deutschland - wie soll es damit weitergehen? Seit 2005 gibt es die, bislang 4,6 Milliarden teure, Exzellenzinitiative. Die aktuelle Förderperiode läuft im nächsten Jahr aus. Dass es weitergeht, steht fest. Nur wie - das ist noch offen. In Berlin wurde Bilanz gezogen und der Bericht einer Expertenkommission vorgestellt. Das Ergebnis: weniger Gießkanne, mehr gezielte Förderung. Im Interview ordnet der Soziologe Stefan Hornbostel die Ergebnisse ein.

Herr Hornbostel, die erste gute Nachricht: Die Exzellenzinitiative, so heißt es, hat ihr wichtigstes Ziel, eine neue Dynamik in das deutsche Universitätssystem zu bringen, erreicht. Überzeugt Sie das?

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Stefan Hornbostel ist Soziologe und leitet das Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung an der Berliner Humboldt-Universität.

Stefan Hornbostel: Ich denke, das kann man unterschreiben - mit einer kleinen Differenzierung, die im Bericht der Imboden-Kommission auch zu erkennen ist: Die Exzellenzinitiative hat das deutsche System nicht revolutioniert; es hat vielmehr sehr positive Trends, die sich seit Anfang dieses Jahrtausends abgezeichnet haben, verstärkt und in einer sehr wohltuenden Weise sichtbar gemacht.

Man hatte die Exzellenzinitiative vor über zehn Jahren ins Leben gerufen. Damit sollte die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Universitäten auf der internationalen Bühne angestachelt werden. Nun heißt es im Bericht von Dieter Imboden: Deutschland stehe noch am Anfang eines langen Weges. Was muss die deutsche Spitzenforschung machen, um endlich international wettbewerbsfähig zu werden?

Hornbostel: Vielleicht sollte man der Imboden-Kommission durchaus folgen, denn die hat sich nicht nur zur Exzellenzinitiative geäußert, sondern auch zur Gesamtarchitektur unseres Wissenschaftssystems. Und da haben wir an zwei Enden offene Fragen: Die eine betrifft die Spitzenforschung und die Kooperation mit der außeruniversitären Forschung. Da hat Deutschland eine Sonderstellung, weil es diese starke außeruniversitäre Forschung (Max-Planck- , Helmholtz-, Fraunhofer-, Leibniz-Gemeinschaft) in anderen Ländern so nicht gibt. Und hier stellt sich die Frage, wie man in Zukunft weiter verfahren will: Welche Arten von Kooperationen sind tragfähig? Soll es gemeinsame Institutionen geben? Das ist eine Reihe von offenen Fragen, die beantwortet werden müssen, wenn man nachhaltig im internationalen Wettbewerb erfolgreich mitspielen will.

Die andere Seite betrifft das Verhältnis von Lehre und Ausbildung. Da geht es vor allem darum, wie in Zukunft die Relation von Fachhochschulen und Universitäten aussehen wird. Da haben wir die Frage der Bachelor- und Master-Studiengänge, ob diese gleichwertig sind, und die Frage der Orientierung auf den Arbeitsmarkt und auf eine Ausbildung, die nicht in eine wissenschaftliche Karriere führt, sondern in eine außerakademische Berufstätigkeit.

Kommen wir noch einmal zum Bericht von Herrn Imboden: Gezielte Förderung soll gestärkt werden, erstens durch fächerübergreifende Forschungsprojekte und zweitens durch Prämierung der Exzellenz-Unis. Die Graduiertenförderprogramme zur Ausbildung von Doktoranden sollen verschwinden. Woran liegt das? Setzt man nicht mehr auf eine fundierte Promotion?

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Hornbostel: Nein, das glaube ich nicht. Die Kommission weist zurecht darauf hin, dass die Exzellenzinitiative hier sehr viel geleistet hat, vor allem was die Einführung von strukturierten Promotionsprogrammen angeht. Sie weist aber auch zurecht darauf hin, dass das eigentlich eine Standard- und Daueraufgabe der Universitäten ist, die nicht in ein besonderes Exzellenzprogramm gehört. Hier sind eigentlich die Länder gefragt, wie sie die Grundausstattung der Hochschulen so ausgestalten können, dass eine hochwertige Promotionsbetreuung und vor allem hochwertige Promotionsprogramme dauerhaft installiert werden können. Ich glaube, das ist im Fokus der Debatte, denn wir haben hier keinerlei Personalentwicklungsplanung. Das ist ein Zustand, der zu sehr viel Verunsicherung im wissenschaftlichen Nachwuchs führt.

Im Vorfeld der Veröffentlichung dieses Berichts hatten viele Hochschulen befürchtet, dass die Anzahl der Exzellenz-Universitäten halbiert werden könnte. Das ist nicht der Fall. Es könnte, so der Imboden-Bericht, bei den rund zehn Elite-Unis bleiben. Vergleicht man die USA, punkten die mit vier Namen: Harvard, Princeton, Yale, Stanford. Verzettelt man sich in Deutschland nicht?

Hornbostel: Das ist eine gute Frage. Wir haben ein Hochschulsystem, was in der Tat sehr viel dezentraler organisiert ist als das amerikanische. Das Besondere und auch Überraschende an dem Bericht der Imboden-Kommission ist, dass die Auswahl dieser zehn Universitäten anders erfolgen soll, nämlich nicht mehr über einen Wettbewerb, sondern über eine Bewertung der vergangenen Leistungen. Damit kommt man in ein Fahrwasser, was in Deutschland durchaus vorbereitet ist. Denn der Wissenschaftsrat hat zum Beispiel eine Empfehlung zu einem "Kerndatensatz Forschung" verabschiedet, und auf dieser Grundlage würden dann die eigentlichen Exzellenzmittel verteilt werden. Das ist für Deutschland eine Herausforderung, weil es sicherlich viel Streit geben wird, wie man so etwas tun soll. Und es ist eine deutliche Abkehr von dem sehr aufwendigen Antragsprinzip, wo die Universitäten im Grunde alle fünf Jahre eine neue Zukunft für sich erfinden und wortreich darstellen müssen. Ich bin sehr neugierig, wie dieser Vorschlag in der politischen Diskussion aufgenommen werden wird.

Herr Hornbostel, Sie kümmern sich an Ihrem Institut um Qualitätssicherung. Was muss an den deutschen Hochschulen passieren, um effizient und erfolgreich zu sein und zu bleiben?

Hornbostel: Die deutschen Hochschulen sind gar nicht so erfolglos. Wenn man sich die deutsche Position im Weltmaßstab anguckt und die Zeit vor und während der Exzellenzinitiative vergleicht, haben wir unsere Position mehr oder weniger halten können. Wenn wir diese Position weiter halten wollen, wird es darauf ankommen, nachhaltig eine Struktur zu implementieren, die eine solche Spitzenforschung auch ermöglicht. Die Kommission weist zurecht darauf hin, dass es längere Förderzeiträume geben muss, dass eine Struktur gibt, die auch nach auslaufender Förderung so gebaut ist, dass dort Top-Wissenschaftler weiter arbeiten können, und dass das nicht an allen Hochschulen der Fall sein kann. Wir werden einige haben, die auf den jeweiligen Gebieten, auf denen sie sich profiliert haben, eine international sichtbare Position einnehmen können.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 29.01.2016 | 19:00 Uhr

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