Stand: 03.12.2015 16:17 Uhr

Was wird aus dem Volkstheater Rostock?

Da waren die Querelen um die Entlassung und Wiedereinstellung des Intendanten Sewan Latchinian, verkoppelt mit dem Streit um die Anzahl der Sparten. Da sind aktuell die Unwägbarkeiten rund um den geplanten Theaterneubau. Etwa 40 Millionen Euro soll dieser kosten. Das Theater sollte aus dem laufenden Etat die Planung bezahlen, etwa zehn Prozent, also rund vier Millionen. Dies hat die Bürgerschaft nun per Mehrheitsbeschluss revidiert. Erst, wenn das neue Haus spielfertig stehe, solle sich das Theater allenfalls an der Finanzierung beteiligen. Das wiederum will Oberbürgermeister Roland Methling nicht akzeptieren. Der Intendant Sewan Latchinian sieht die Bürgerschaftsentscheidung als Signal in die richtige Richtung.

NDR Kultur: Herr Latchinian, was taugt der Beschluss der Bürgerschaft?

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Sewan Latchinian hat im Sommer 2014 die künstlerische Leitung des Volkstheaters Rostock übernommen.

Sewan Latchinian: Das werden die nächsten Tage und Wochen zeigen. Auf jeden Fall taugt er zunächst als klares Zeichen einer Mehrheit der Bürgerschaft. Für das Volkstheater mit all seinen Sparten und für eine berechenbare Zukunft, die nicht dadurch in eine negative Richtung geht, dass uns ein Betrag aufgebürdet werden würde, der uns gezwungen hätte, Kolleginnen und Kollegen zu entlassen und Sparten abzubauen. Insofern ist das ein Signal in die richtige Richtung.

Der Oberbürgermeister möchte Widerspruch einlegen. Wie müssen wir seine Argumentation verstehen, die Rostocker Bürgerschaft setze sich mehrheitlich über Recht und bestehende Verträge hinweg? Das könnte ja langfristig nicht im Interesse des Theaters sein.

Latchinian: Das kann ich Ihnen auch nicht erklären, weil ich es nicht verstehe. Es ist allerdings auch Ausdruck des Konflikts und der spannenden Fragestellung: Wer setzt sich durch? Wir vom Volkstheater haben das Signal deutlich als ein Zeichen für einen Neubau und für die Zukunft des traditionsreichen Rostocker Volkstheaters gewertet. Ich halte die Logik, die der Oberbürgermeister vorstellt, nicht für stringent. Es gibt aus vielen Städten so unterschiedliche Varianten, wie ein Theaterneubau finanziert worden ist, dass wir nicht so alternativlos sind, wie es der Oberbürgermeister dargestellt hat.

Herr Methling argumentiert, dass das Wohl der Stadt gefährdet sei, weil Finanzierungszusagen durch das Kultusministerium in Schwerin fortfallen könnten. Gut die Hälfte der Baukosten, so Minister Brodkorb, könnten durch das Land übernommen werden. Wäre es nicht kurzsichtig, das aufs Spiel zu setzen, wenn es so ist, wie Herr Methling das interpretiert?

Latchinian: Es wäre mindestens genauso kurzsichtig, Sparten abzuschaffen und das Theater im Prinzip zu zerstören für einen Neubau, für ein Theater, das dann keinen Sinn mehr machen würde. Insofern ist das eine typische Theatersituation, wo in Manchem beide Seiten Recht haben, und wo wir uns in einem Aushandlungsprozess befinden. Auch meine Intendanz hat der Oberbürgermeister damals, um die Zeit meiner Entlassung, als Gefährdung des Gemeinwohls bezeichnet - es ist dann anders gekommen. Ich denke, dass es auch in dieser Frage anders kommen kann.

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Es gibt eine Stimme, die sicherlich ernst zu nehmen ist: Der zum Ende der Spielzeit wohl scheidende Geschäftsführer Stefan Rosinski hat vor Kürzungen des Landeszuschusses gewarnt. Bis Ende des Jahres will die Landesregierung eine Entscheidung zur Struktur des Hauses sehen. Bedingung wäre ein taugliches Konzept für die Anzahl der selbständigen Sparten, das es aber nicht gebe. Hier geht es um immerhin 500.000 Euro Landesgelder. Wie wollen Sie die sichern?

Latchinian: Wir tun das Eine und lassen dabei das Andere nicht. So leidenschaftlich, wie ich für Vernunft, Geduld und Verantwortungsbewusstsein für die Zukunft plädiere, so leidenschaftlich arbeiten wir auch der Verwaltung zu, damit ein solches Konzept zustandekommt. Allerdings sollte man solche Fragen nach 121 Jahren Rostocker Volkstheater nicht binnen Wochen übers Knie brechen. Wir brauchen wahrscheinlich noch etwas länger. Es ist im Moment noch nicht gelungen, die Zielvereinbarung und die betriebsfähige Struktur des Volkstheaters in Kongruenz zu kriegen. Die Zielvereinbarung muss in einem gemeinsamen Aushandlungsprozess wahrscheinlich noch weiterentwickelt werden. Natürlich ist das alles gefährlich, aber es ist ja nicht das Privatgeld des Kulturministers oder der Landesregierung. Wo ein Wille ist, ist ein Weg. Vielleicht noch ein paar Wochen zu diskutieren und trotzdem keine Strafkürzungen vorzunehmen.

Es klingt durch, dass die Situation ernst ist. Sie haben momentan weniger Zuschauer als erhofft. Bürgerschaft und Verwaltung sind sich offenbar einig, dass der Neubau nicht wie geplant 2018, sondern frühestens 2022 kommen wird. Wie wäre der Konflikt zwischen dem Bürgermeister und dem Theater so zu lenken, dass sich doch eine Lösung findet?

Latchinian: Mit dem klassischsten Theatermittel, das es gibt: dem Dialog. Zu dem sind wir bereit, ich auch persönlich. Ich bitte sogar seit Wochen um möglichst viele persönliche Gespräche und hoffe, erhört zu werden. Dieses eskalierende Klima verunsichert natürlich viele Zuschauer. Es gibt zwar Solidarisierungsbewegungen, aber es werden auch potenzielle Zuschauer irritiert. Trotzdem gibt es eine neue Theaterlust in der Hansestadt, große Solidarität und großes Interesse in der Stadtgesellschaft. Wir haben zwar noch nicht so viele Zuschauer, wie wir uns wünschen, aber im Oktober haben wir z.B. 52.000 Euro mehr eingenommen als im Vorjahr, im November 65.000 Euro. Das sind Trends, die optimistisch stimmen.

Wenn es zu dem gewünschten Dialog doch nicht kommt - was halten Sie von einer Lösung mit einem Vermittler von außen?

Latchinian: Das will ich nicht ausschließen, aber eigentlich ist genügend Sachverstand in den Mauern der Hansestadt Rostock. Ich denke, wo ein Wille ist, ist ein Weg. Wir sind gesprächsbereit. Wir haben uns in den letzten Tagen wieder angenähert, es hat Kontakte zwischen Geschäftsführung und Verwaltung gegeben und so können wir gern weitermachen.

Das Interview führte Ulrich Kühn.

Das komplette Gespräch können Sie hier nachhören:

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 03.12.2015 | 19:00 Uhr

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