Stand: 28.10.2015 09:55 Uhr

Theologische Überlegungen zur Sterbehilfe

von Anne und Nikolaus Schneider

Der Bundestag hat über die Neuregelung der organisierten Hilfe beim Suizid entschieden. Vier Entwürfe lagen den Abgeordneten vor. Sie reichen von einem kompletten Verbot der Sterbehilfe bis zu einer weitgehenden Freigabe. Bei der entscheidenden Abstimmung hat sich nun ein Entwurf durchgesetzt, der das Recht auf Sterbehilfe einschränkt. Eine Mehrheit sprach sich für den Entwurf der Abgeordneten Brand von der CDU und Griese von der SPD aus. In Zukunft sind Sterbehilfeorganisationen in Deutschland verboten.

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Die unterschiedlichen Positionen des ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider und seiner Frau Anne zur Sterbehilfe sorgen innerhalb und außerhalb der Kirche bis heute für Gesprächsstoff.

Im vergangenen Jahr hatte die Debatte um dieses Thema neue Impulse bekommen. Besonders viel Beachtung fand die Entscheidung des damaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider. Er legte sein Amt nieder, um seiner krebskranken Frau besser beistehen zu können.

Angesichts der Entscheidung im Bundestag sendete NDR Kultur einen Essay von Anne und Nikolaus Schneider. Er trägt den Titel: "Gehört mein Tod mir? Theologische Überlegungen zur Frage nach einer verantwortlichen Sterbehilfe".

Wem gehört das Sterben, mir oder Gott?

"ich sterbe nicht / ich werde gestorben / auch du stirbst nicht / du wirst gestorben / das tatwort / sterben / belügt uns / wir tun es nicht / nur einer tats" Kurt Marti (Theologe)

Anne Schneider: So hat Kurt Marti, der Schweizer Theologe, sie poetisch verdichtet, diese für viele Menschen erschreckende Vorstellung: Wir haben unser Sterben nicht in den eigenen Händen. Eine erschreckende und schreckliche Vorstellung: "Wir werden gestorben" - hilflos ausgeliefert an andere Menschen und an gefühllose Maschinen. Ohne eigene Kontroll- und Entscheidungsmöglichkeiten. Nur hoffen, klagen und beten, dass ein sich erbarmender Gott unser Siechtum beendet. Für viele Menschen kratzt diese Vorstellung an ihrer Menschenwürde. Fromm ausgedrückt: Viele Menschen kriegen diese Vorstellung nicht überein mit der ihnen in der Bibel zugesprochenen Gott-Ebenbildlichkeit. Das gilt auch für mich. Ich möchte nicht 'gestorben werden'. So wenig wie ich jetzt 'gelebt werden' möchte. Ich verstehe meine Gott-Ebenbildlichkeit als einen Ruf zu aktivem Entscheiden und Handeln. Zu Selbstbestimmung, Freiheit und Verantwortung - gerade auch im Blick auf die Gestaltung und auch auf eine mögliche Verkürzung meines Sterbeprozesses.

Kommentar

Eine Entscheidung völlig frei von Pathos

Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider gibt sein Amt auf, um sich um seine krebskranke Frau zu kümmern. Die Entscheidung verdient Anerkennung. Ein Kommentar von Claus Röck. mehr

Nikolaus Schneider: Die biblische Theologie bekennt Gott als den Schöpfer des Lebens und als den einzig absoluten Herrn über Leben und Tod. Herrschaft und Autonomie des Menschen sind für mich immer relativ zu denken, also in Abhängigkeit und Beziehung zu Gott und Mitmenschen. Das gilt im Besonderen für die Herrschaft und Autonomie des Menschen im Blick auf sein Sterben. Ich verstehe mein irdisches Leben als ein zeitlich befristetes Gottes-Geschenk. Und meine Gott-Ebenbildlichkeit als Möglichkeit und Auftrag, mit diesem Geschenk demütig, dankbar und sorgsam umzugehen. Gott hat und behält das letzte Wort über mein Leben und Sterben. Diese theologische Einsicht ist es, die mich in dem Gedicht Kurt Martis positiv anspricht. Ohne dass sie mich erschreckt. Mein Sterben und mein Tod gehören mir nicht. Sie gehören Gott und sind in Gottes Machtbereich gut aufgehoben. Im Blick auf Gottes Lebensmacht kratzt also der Gedanke, dass ich 'gestorben werde', nicht an meiner Menschenwürde und stellt mir auch das Geschenk meiner Gott-Ebenbildlichkeit nicht in Frage.

Für mich verlangt diese theologische Einsicht eine grundsätzliche Begrenzung der menschlichen Autonomie: Dem Menschen steht es nicht zu, sein Leben eigenmächtig zu beenden.

Ist der Suizid eine ethisch begründbare Handlung?

"Gott, der Schöpfer und Herr des Lebens, nimmt das Recht des Lebens selbst wahr. Der Mensch braucht nicht Hand an sich zu legen, um sein Leben zu rechtfertigen. Weil er es nicht braucht, darum darf er es auch nicht." Dietrich Bonhoeffer (Theologe)

Nikolaus Schneider: So schrieb Dietrich Bonhoeffer in seiner Ethik. Und auch Karl Barth verwirft im Grundsatz die Selbsttötung, da uns Gott ja in Christus als gnädiger Gott begegnet und kein Grund zur Selbstrechtfertigung und absoluter Verzweiflung besteht.

Bonhoeffer und Barth verbindet, dass es ihnen einerseits um die Klarheit der Norm geht: Dem Menschen steht es nicht zu, sein Leben selbst zu beenden. Aber andererseits gilt: Außenstehende können nicht ermessen oder gar urteilen, ob bei einem Suizidenten eine Ausnahme von der Norm berechtigt ist.

In dieser theologischen Tradition betrachtet unsere evangelische Kirche die Selbsttötung grundsätzlich als eine ethisch nicht begründbare Handlung. Selbsttötung soll und darf nicht zu einem "normalen" Ausweg aus qualvollen Lebensphasen oder aus Lebensüberdruss werden. Selbsttötung und auch die Beihilfe dazu müssen eine Ausnahme bleiben.

Anne Schneider: Auch ich bin davon überzeugt, dass mein Sterben letztendlich in Gottes Machtbereich gut aufgehoben ist. Mein Sterben und mein Tod werden mich nicht von der Liebe Gottes trennen. Gerade diese Gewissheit ist es aber, die mir die Möglichkeit eröffnet, die Selbsttötung und damit auch die Beihilfe zur Selbsttötung aus einer religiösen Tabuzone herauszuholen. So wie die Theologin Dorothee Sölle es schon vor 20 Jahren tat, als sie schrieb:

"Ich kann mir sogar als Extremfall den Freitod vorstellen, halte es für denkbar, so weit zu gehen; das stört sich nicht mit meiner religiösen Überzeugung. Die technologische Lebensverlängerung, unter deren Diktat wir leben, geht gegen den Willen des Lebens selbst, gegen die Schöpfung. Es ist krankhaft und künstlich, sich an das Leben zu klammern oder ungefragt an es geklammert zu werden; man nimmt dann das Leben wie einen Besitz, nicht wie eine Leihgabe auf Zeit. … Es gibt bei den kanadischen Indianern einen schönen Ausspruch: 'Ich höre die Eule meinen Namen rufen.' Er bedeutet: Wenn du die Eule hörst, gehst du aus dem Dorf weg und allein in eine Hütte in der Wildnis. Dort stirbst du, das heißt, du verzichtest auf Pflege und Nahrung." Dorothee Sölle (Theologin)

Anne Schneider: Soweit Dorothee Sölle. Und auch, wenn mir der Verzicht auf Nahrung und Pflege nicht als ein wünschenswerter Weg in den Tod erscheint: Ich lehne das grundsätzliche und kategorische Nein der Kirchen zur Selbsttötung ab. "Den Ruf der Eule hören", also zu spüren und zu erkennen: 'Jetzt ist die Zeit, mein mir von Gott geschenktes irdisches Leben dankbar an Gott zurückzugeben' möchte ich theologisch nicht nur als 'Grenzfall in Anfechtung' verstanden wissen. Gott sei Dank sprechen Theologie und Kirchen im Blick auf die Selbsttötung nicht mehr von einer 'Todsünde'. Und den Suizidenten wird die christliche Beerdigung nicht mehr verweigert. Der Tod ist für uns Christenmenschen doch nicht nur ein grausamer Feind, sondern auch eine offene Tür in das uns verheißene unzerstörbare Leben bei Gott. Und warum sollen Menschen nicht in freier Entscheidung den Schritt durch diese Tür wagen? Warum sollen sie warten, bis sie 'gestorben werden'?

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Glaubenssachen | 01.11.2015 | 08:40 Uhr