Stand: 29.03.2016 17:00 Uhr

Rüdiger Safranski über den Sinn von Grenzen

von Rüdiger Safranski

In der April-Ausgabe der Kurz-Essay-Reihe "Nachdenken über...", beleuchten vier sehr unterschiedliche AutorInnen aus ihren Blickwinkeln, Lebenserfahrungen und Professionen heraus den Begriff "Grenzen". Der Philosoph Rüdiger Safranski hält kontrollierte Landesgrenzen für unabdingbar.

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Rüdiger Safranski hält kontrollierte Landesgrenzen für unabdingbar.

Grenzen wecken zunächst wenig Sympathie, sie wirken hinderlich, einengend, gar bedrohlich. Das Leben ist begrenzt, das Einkommen, die Fähigkeiten, die Freiheit. "Über den Wolken", so heißt es in einem Lied von Reinhard Mey, "muss die Freiheit wohl grenzenlos sein." Ja, wohl nur dort über den Wolken gibt es keine Grenzen. Hier unten auf der Erde und bei uns selbst stoßen wir immerzu auf Grenzen. Das mag ärgerlich sein, ist aber doch auch eine Überlebensnotwendigkeit.

Kontrolliert durchlässige Grenzen

Jedes Lebewesen läßt sich als ein in sich begrenztes, geschlossenes System ansehen, das aber im Austausch mit seiner Umwelt steht. Es ist begrenzt, aber seine Grenzen sind kontrolliert durchlässig. Was der Organismus braucht, wird hereingelassen, anderes wird abgewehrt. So funktioniert das körperliche Immunsystem, die kontrollierte Körpergrenze, die uns schützt.

Diese Art Grenzen, die den lebenserhaltenden Austausch ermöglichen, brauchen wir auch sonst. Zum Beispiel bei den globalen Informations-und Kommunikationsströmen. Im ersten Moment freuen wir uns über ihre Grenzenlosigkeit. Doch dann bemerken wir die Begrenztheit unserer Kapazität. Da wir nicht alles aufnehmen und verarbeiten können, müssen wir abwehren, aussuchen, filtern. Auch das bedeutet Grenzen ziehen. Wer sich grenzenlos diesen Strömen aus Zeichen und Bildern überläßt, gerät in eine Dauerregung, wird zerstreut, fühlt sich hin und her gerissen, bedroht und vereinnahmt, ohne Mitte und Grenze. Statt die Medien zu nutzen, wird er von ihnen benützt.

Grenzen erkennen und beachten

Es scheint immer so zu sein: Nur in jeweils bestimmten Grenzen ist etwas sinnvoll und nützlich. Deshalb ist es so wichtig, diese Grenzen zu erkennen und zu beachten.

Und wie verhält es sich mit den territorialen Grenzen? Es gibt sie überall auf der Welt, und überall finden wir die Dialektik zwischen Schließung und Öffnung. Innereuropäische Grenzen zum Beispiel konnten fallen, weil man sich auf gemeinsame Außengrenzen verständigte. Wenn diese aber nicht mehr zu kontrollieren sind, ziehen sich die Einzelsaaten, wie wir in der jüngsten Krise gesehen haben, auf ihre ursprünglichen Grenzen zurück, um ihre Souveränität zu bewahren. Das kann auch nicht anders sein, denn Volkssouveränität ist immer nur die Souveränität eines Volkes auf einem bestimmten Territorium, also in bestimmten Grenzen. Und nur in diesen Grenzen kann der Staat, finanziert von der begrenzten Zahl seiner Steuerbürger, die Aufgaben erfüllen, die das Staatsvolk von ihm erwartet: Gefahrenabwehr nach außen, Friedenssicherung nach Innern und Gemeinwohl.

Aber Menschenrechte zum Beispiel, heißt es, sollen doch universell gelten und nicht nur in bestimmten Grenzen. Das ist richtig, soweit es sich um eine Forderung handelt. Damit aber die Menschenrechte wirklich gelten, muß es einen funktionierenden Staat geben, der sie schützt. Da wir aber auf absehbare Zeit keinen Weltstaat haben, so bleiben nur die einzelnen demokratischen Staaten, die wenigstens in ihren Grenzen die Menschenrechte schützen und bewahren. Daher ziehen Europa und insbesondere Deutschland weltweit die Flüchtlinge an. Doch diesen anziehenden Menschenrechtsschutz kann nur ein Staat bieten, der funktionstüchtig bleibt. Dazu aber gehören kontrollierte Grenzen. Ein Staat aber,  der seine Grenzen nicht mehr kontrolliert, kann von einem bestimmten Punkt an nicht mehr jene Güter, wie Recht, Ordnung und Wohlergehen, gewähren, derentwegen er aufgesucht wird. Begrenzung ist also auch hier notwendig.

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Nachdenken über... Grenzen

In der April-Ausgabe der Kurz-Essay-Reihe "Nachdenken über...", beleuchten Hilal Sezgin, Rüdiger Safranski, Anke Domscheit Berg und Claudia Ott den Begriff "Grenzen". mehr

Dieses Thema im Programm:

Nachdenken über ... | 12.04.2016 | 09:20 Uhr