Stand: 16.10.2017 08:18 Uhr

Missbrauch: Bistum veröffentlicht Gutachten

von Florian Breitmeier

Das katholische Bistum Hildesheim stellt heute das Gutachten zu den Missbrauchsvorwürfen gegen den verstorbenen Bischof Heinrich Maria Janssen und den pensionierten Priester Peter R. vor. Das rund 250 Seiten umfassende Dokument wurde vom unabhängigen Institut für Praxisforschung und Projektberatung in München verfasst.

Vorwurf sexueller Gewalt

Der Vorwurf sexualisierter Gewalt gegen den 1988 verstorbenen Bischof Janssen wurde im Herbst 2015 bekannt. Ein ehemaliger Messdiener hatte sich an die Kirche gewandt: Janssen habe ihn von Ende der 1950er- bis Anfang der 1960er-Jahre regelmäßig sexuell missbraucht. Das Bistum hielt die Schilderungen des heute rund 70 Jahre alten Mannes für plausibel und leistete 2015 nach Prüfung entsprechender Aussagen eine Anerkennungszahlung für das erlittene Leid. Als ein juristisches Schuldeingeständnis wollte das Bistum dies aber ausdrücklich nicht verstanden wissen. Später wurde das Bistum unter anderem dafür kritisiert, es habe mit der Zahlung das Ansehen des beliebten Bischofs beschädigt, ohne die Entscheidung aufgrund konkreter Beweise rechtfertigen zu können.

Auch Priester Peter R. beschuldigt

Im zweiten Fall wurden verschiedene Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegen den pensionierten Priester Peter R. erhoben. Zuletzt von einer jungen Frau und deren Mutter, die beide angaben, als Kinder bzw. Jugendliche von Peter R. sexuell missbraucht worden zu sein.

Kritik am Umgang mit beiden Fällen

Nach heftiger Kritik am Umgang des Bistums mit beiden Fällen, entschloss man sich am Hildesheimer Domhof, den Fall in die Hände des unabhängigen Forschungsinstituts IPP aus München zu geben. Die Missbrauchsvorwürfe sind also rund zwei Jahre alt, ein Jahr lang haben die beauftragten Forscher Akten gesichtet und ausgewertet sowie Interviews geführt.

Brisanter Pressetermin - ein Tag nach der Landtagswahl

Am 4. Oktober hatte das Bistum Hildesheim mitgeteilt, dass das unabhängige Gutachten zu den mutmaßlichen Missbrauchsfällen am Montag, den 16. Oktober vorstellt werden soll. Tags zuvor sind die Bürger aufgerufen, einen neuen Landtag zu wählen. Das Bistum war sich der Brisanz des Pressetermins am Tag nach der niedersächsischen Landtagswahl bewusst.

Ein Sprecher erklärte auf Nachfrage von NDR Kultur, das Bistum Hildesheim und auch das Münchener Forschungsinstituts IPP hätten in den vergangenen zwei Monaten nach einem Ausweichdatum für den 16. Oktober gesucht, aber einfach keinen neuen Termin gefunden. Die Datumsfindung sei zudem vor dem politischen Beschluss gefallen, dass in Niedersachsen am 15. Oktober ein neuer Landtag gewählt wird, so der Bistumssprecher. Ein anderer Termin sei angeblich nur Ende Oktober möglich gewesen. Die Kirche bewertete dies aber als einen zu späten Zeitpunkt, weil man zuvor erklärt habe, das Gutachten Anfang bis Mitte Oktober vorstellen zu wollen. So blieb es bei dem Pressetermin am Tag nach der niedersächsischen Landtagswahl.

Gutachten lag am 14. August vor

Das Gutachten zu den Missbrauchsvorwürfen lag dem Bistum Hildesheim nach Informationen von NDR Kultur seit dem 14. August vor. Die zweimonatige Lektüre des rund 250 Seiten starken Gutachtens begründet das Bistum Hildesheim damit, dass in der Pressekonferenz am Montag bereits Reaktionen auf mögliche Empfehlungen der Gutachter gegeben werden sollen. Der Bischof, in dessen Amtszeit die jüngsten Missbrauchsvorwürfe bekannt und bearbeitet wurden, ist nicht mehr Amt. Am 9. September, drei Wochen nach Eingang des Gutachtens in Hildesheim, nahm Papst Franziskus das altersbedingt eingereichte Rücktrittsgesuch von Bischof Norbert Trelle an.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Aktuell | 16.10.2017 | 12:00 Uhr