Stand: 18.12.2015 19:33 Uhr

Ist Europa noch zu retten?

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Philipp Blom warnt: "Der Traum von Freiheit ist bedroht."

Das Jahr 2015 wird wohl als eines der schwärzesten in die Geschichte der EU eingehen. Hat in der ersten Jahreshälfte ein drohender Grexit Europa noch in Atem gehalten, sind es spätestens seit dem Sommer die zahlreichen Vertriebenen, die in Europa Zuflucht suchen und auf EU-Ebene statt Fürsorge Abwehrreaktionen und einen heillosen Dissens hervorrufen. Das Ganze gepaart mit europaweit grassierendem Nationalismus.

Der Historiker und Publizist Philipp Blom glaubt zwar an eine Rettung der EU, stellt aber fest, dass die Ideen der Europäer darüber, was Europa sein kann oder sein sollte, sich radikal voneinander unterscheiden.

NDR Kultur: Herr Blom, ist angesichts der massiven Erschütterungen der europäischen Fundamente die EU überhaupt noch zu retten?

Philipp Blom: Sie ist natürlich noch zu retten. Sie wird sich ändern, sie wird vielleicht schrumpfen auf eine funktionelle Konvergenz zwischen EU und Eurozone. Aber Ihre Frage ist berechtigt, weil sehr viele Dinge, die wir - wie die Schwerkraft - als gegeben hingenommen haben, auf einmal radikal infrage gestellt werden.

Aus der Schwerkraft ist im Moment wohl eher eine Zentrifugalkraft geworden: Die ursprünglich vereinten Staaten driften weit auseinander. Warum ist der Glaube an die Einigkeit verloren gegangen?

Blom: Die Einigkeit war ja eigentlich immer nur eine Wirtschaftseinigkeit. Jetzt, wo diese Einheit auf einmal gefordert wird, auch moralische Entscheidungen zu fällen, eine gemeinsame Richtung zu finden, stellt sich heraus, dass die Staaten sehr starke nationale Interessen verfolgen und der europäische Gedanke längst nicht überall angekommen ist. Der Traum von Menschenrechten und von Freiheit, den wir als absolut garantiert annehmen, ist bedroht. Dieser Traum ist als Prinzip der Politik vielleicht zwei Generationen alt, nicht mehr. Und er kann auch wieder verschwinden, wenn wir nicht zeigen, wie wichtig er uns ist.

Das Solidarprinzip ist einem unglaublichen Egoismus gewichen. Jeder bezieht sich plötzlich wieder auf sich selbst, erkennt den eigenen Nationalismus als Wert wieder an. Wie kann das passieren?

Kommentar

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18.12.2015 18:30 Uhr
NDR Info

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Blom: Das war letzendlich nie wirklich anders. Es gibt ein berühmtes englisches Komödienprogramm: "Yes Minister", das schon in den 80er-Jahren gezeigt hat, dass für Deutschland die EU das Mittel war, zur menschlichen Rasse wieder zugelassen zu werden. Es war sicherlich ein wichtiges Interesse für Deutschland, wieder den Platz am Tisch der internationalen Politik zu finden. Für Frankreich war die EU schon immer ein Mittel Deutschland zu kontrollieren. Die anderen Staaten haben sich in dieses Schema mehr oder weniger eingefunden. Jetzt, wo diese Interessen nicht mehr bedient werden und wo die EU nicht allen automatisch Wohlstand und Frieden garantiert, zerfallen diese Interessen erstaunlich schnell wieder in die partikularen Nationalinteressen.

Im Grunde ist das Ganze in erster Linie ein Wirtschaftsabkommen, dem eine soziale Idee fehlt. Angenommen, wir würden diese Idee definieren - ließe die sich heute überhaupt noch in den Köpfen verankern und Europa ein eigenes Bild geben?

Blom: Die Ideen der Europäer darüber, was Europa sein kann oder sein sollte, sind radikal unterschiedlich - und das haben wir langsam begriffen. Wir sind auf einem Kontinent, der gar nicht weiß, ob es einen gemeinsamen Weg gibt. Das wird eine echte Herausforderung an die Europäer werden das zu entscheiden. Und es wird letztendlich eine Herausforderung sein zu entscheiden, ob wir Europäer noch einen Stellenwert, eine Mitsprache in der Welt haben. Denn kein einzelner Nationalstaat ist mächtig genug, alleine im internationalen Kontext Gewicht zu haben - das können wir nur als Europa. Wenn wir als Europa auftreten wollen, müssen wir das vereinigt und entscheidungsstark tun, d.h. wir müssen neue demokratische Strukturen schaffen, die es erlauben, schnell und für alle Europäer Entscheidungen zu treffen.

Wenn man sich die Wahlbeteiligung bei den Europa-Wahlen ansieht, merkt man, dass das demokratische Fundament in Europa nicht besonders vielversprechend aussieht.

Blom: Das ist richtig, aber die europäischen Bürokraten, die nach bestem Wissen und Gewissen diese Union geleitet und administriert haben, haben sich nie wirklich nachhaltig bemüht, ein demokratisches Bewusstsein in dieser Union zu schaffen, auch ein europäisches Bewusstsein; den Menschen bewusst zu machen, was diese Union für sie tut. Die Krise ist letztendlich, dass viele europäische Länder und viele Euorpäer geglaubt haben, die EU sei eine Kuh, die man melken kann, solange sie da ist. Aber wenn die Kuh auf einmal etwas zu fressen braucht, wenn da Ansprüche sind, die an die Länder gestellt werden, dann zieht man sich zurück auf seine Nationalinteressen. Unter diesen Vorzeichen wird die EU nicht lange bestehen und handeln können.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Das komplette Gespräch können Sie hier nachhören:

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 18.12.2015 | 19:00 Uhr

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