Stand: 29.03.2016 17:00 Uhr

Hilal Sezgin über die Gewalt der Grenzziehung

von Hilal Sezgin
Hilal Sezgin hat unter anderem das Buch "Artgerecht ist nur die Freiheit" veröffentlicht.

In der April-Ausgabe der Kurz-Essay-Reihe "Nachdenken über...", beleuchten vier sehr unterschiedliche AutorInnen aus ihren Blickwinkeln, Lebenserfahrungen und Professionen heraus den Begriff "Grenzen". Grenzen werden zur Not gewaltsam gezogen und verteidigt, meint die Autorin Hilal Sezgin.

Grenzen existieren nicht einfach - Grenzen werden gezogen. Nicht die Natur oder die Geografie legen sie fest, sondern wir Menschen. Und sobald sie festgelegt sind, müssen sie verteidigt werden. Im Märchen ist es so, dass der von einer Hexe gezogene Kreidestrich, einmal mit dem richtigen Zauber belegt, einfach nicht überschritten werden kann. Das ist im echten Leben anders, da fehlt der Zauber. Mühsam erhalten wir Grenzen aufrecht, mehr oder weniger aggressiv, auch mit Gewalt.

Zäune sind Waffen

Wer erinnert sich noch, als im Februar Beatrix von Storch geäußert hatte, zur Grenzverteidigung müsse man notfalls auch auf Frauen und Kinder schießen? Alle waren empört. Wenige Wochen später: Statt scharfer Munition setzte man Tränengas ein. Natürlich ebenfalls gegen Frauen und Kinder. (Männer sind übrigens auch schmerzempfindliche Wesen.) Und wer weiß, wie viele Tonnen Metall jüngst zu Nato-Draht-Zäunen verarbeitet wurden... Auch diese Zäune sind Waffen - nur etwas passivere Waffen. Menschen verletzen sich, wenn sie sie zu beseitigen versuchen; und diejenigen, die es nicht schaffen, bleiben jenseits und leiden Not.

Was wir im Falle der Flüchtlinge und der EU-Grenzen so deutlich sehen, verhält sich bei anderen Grenzen nicht anders. Es gibt Grenzen, die scheinen metaphorischer Art zu sein. Doch auch sie werden letztlich mit Gewalt verteidigt. Zum Beispiel die Grenze zwischen Mann und Frau. Jeder und jede Transsexuelle weiß davon zu berichten, was für ein Spießrutenlauf schon der Gang zum Supermarkt sein kann. Überall Menschen, die lästern, schimpfen und bespucken - wenn nicht Schlimmeres. Dass jemand Mann schien und doch Frau ist oder umgekehrt, wird kaum geduldet. Dutzende Transgender-Menschen werden jedes Jahr weltweit ermordet.

Grenzen als Mittel zur Abgrenzung

Oder nehmen wir die Grenze zwischen Mensch und Tier. Spätestens seit Darwin wissen wir, dass wir verwandt sind. Wir alle sind körperliche, bedürftige, verletzliche und eigenwillige Wesen. Aber bei den Tieren nehmen wir das nicht so ernst, wir verwenden sie ganz nach unserem Belieben. Verspeisen sie, begaffen sie, sperren sie hinter Gitter. Wir tun ihnen unendlich viel Gewalt an, töten allein 800 Millionen von ihnen in Deutschland jedes Jahr. Vor allzu großen Skrupeln schützt uns diese Grenze: "Es sind ja nur Tiere". Aber was heißt überhaupt "nur Tiere" - ist der Mensch nicht biologisch gesehen auch ein Tier?

Gewiss braucht es bisweilen Grenzen, aber Grenzen sind binär: Draußen oder drinnen. Wir oder sie. Oft würde es reichen, von Unterschieden zu sprechen. Eine Skala der Verwandtschaft anzunehmen. Zuzugeben, dass Grenzen fließend sind.

Bei jeder Grenze müssen wir darüber sprechen, ob sie gerechtfertigt ist - oder ob sie zu viel Gewalt erfordert und zu viel Leid verursacht. Ich denke, das ist bei allen hier erwähnten Grenzen der Fall. Bei der Festlegung, dass Menschen nur Männer oder Frauen sein dürfen, angeblich nichts Drittes. Bei der Schließung der EU-Grenzen für Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten. Und bei der Grenze zwischen Mensch und Tier.

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Nachdenken über... Grenzen

05.04.2016 09:20 Uhr

In der April-Ausgabe der Kurz-Essay-Reihe "Nachdenken über...", beleuchten Hilal Sezgin, Rüdiger Safranski, Anke Domscheit Berg und Claudia Ott den Begriff "Grenzen". mehr

Dieses Thema im Programm:

Nachdenken über ... | 05.04.2016 | 09:20 Uhr