Stand: 02.02.2016 20:33 Uhr

Genforschung: "Unverantwortliche Entscheidung"

Eine Erlaubnis, die weltweit zum ersten Mal erteilt wird - eine Erlaubnis in Sachen Genmanipulation. Fast hat man den Eindruck, dass es alles in allem relativ ruhig blieb, nachdem die Nachricht verbreitet worden war: Eine nationale Aufsichtsbehörde in Großbritannien gestattet die eingreifende Forschung an gesunden menschlichen Embryonen. Ein Wissenschaftlerteam des Francis Crick Institutes möchte Gene manipulieren, die in den ersten Tagen nach der Befruchtung aktiv sind - um Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie sich Unfruchtbarkeit behandeln lassen könnte.

Die Medizinethikerin Christiane Woopen ist besorgt über diese Entwicklung und hält die Entscheidung für unverantwortlich.

NDR Kultur: Frau Woopen, was bedeutet es, wenn hier von Genmanipulation an gesunden Embryonen die Rede ist - handelt es sich um einen Dammbruch?

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Prof. Dr. Christiane Woopen ist Vorsitzende des Deutschen Ethikrats.

Christiane Woopen: Ja, ich halte das für einen Dammbruch. Es gibt zwei Probleme, die man dabei bedenken muss: Das erste Problem betrifft die Embryonenforschung, bei der gesunde menschliche Embryonen verbraucht werden, die also nicht mehr ausgetragen werden können. Das ist aber schon ein älteres Thema. Was jetzt neu hinzukommt, ist der Eingriff in die menschliche Keimbahn, d.h. die Veränderung des genetischen Materials, das als biologische Grundlage für die weitere Entwicklung des Embryos dient. Das war bisher überall verboten.

Was mich sehr besorgt, ist, dass England ohne Berücksichtigung der internationalen und globalen Diskussion in dieser Hinsicht voranschreitet. Denn die bioethischen Dokumente, die wir auf der internationalen Ebene von der UNESCO haben, die Aufrufe, die es zuhauf von internationalen Gremien und Organisationen gibt, sich mit dieser Technik erst einmal zurückzuhalten, eine gesellschaftliche Verständigung herbeizuführen, international über Rahmenwerke zu diskutieren - das blieb vollkommen unberücksichtigt. Und das halte ich, global betrachtet, für unverantwortlich.

Diese Forschung ist an eine Zweckbestimmung gekoppelt. Auf der anderen Seite wird sich über internationale Bedenken hinweggesetzt. Ist denn, was in der Forschung an Ertrag erbracht werden wird, nicht zwangsläufig transferierbar, und sei es zu einem späteren Zeitpunkt? Wird außerdem nicht auf internationaler Ebene nun ein Druck entstehen, dem hinterherzugehen?

Woopen: Ob daraus jemals anwendbare Ergebnisse hervorgehen werden, müssen wir ohnehin erst einmal abwarten. Da können hervorragende Ergebnisse herauskommen - es kann aber auch sehr Schädliches, Problematisches oder auch gar nichts daraus hervorgehen. Das bleibt offen, das ist bei Forschung so.

International wird die Diskussion dadurch wahrscheinlich sehr angeregt werden. Es wird Gruppen in anderen Ländern geben, die nun, nach der Genehmigung durch eine nationale Behörde, in den Wettkampf über Forschung mit menschlichen Embryonen gehen - das ist üblich. Wer hat die ersten Ergebnisse, die ersten Publikationen zu diesen Themen? Die Länder haben sehr unterschiedliche Regelungen dazu und es ist in manchen Ländern einfacher als in anderen. Insofern halte ich das für einen sehr problematischen Startschuss. Die gesellschaftliche und politische Diskussion hinkt dabei hinterher. Die Wissenschaftler sind einfach losmarschiert - und das halte ich für ein schlechtes Zeichen angesichts der Verantwortung, die Wissenschaft auch für die gesellschaftliche Situation hat.

Vor anderthalb Jahrzehnten hatten wir eine gewaltige Debatte um die Stammzellforschung. Nun wirken die Reaktionen auf diese Mitteilung aus Großbritannien auf den ersten Blick vergleichsweise milde. Sind die Dimensionen kleiner, haben wir uns gewöhnt? Wie werten Sie die Situation?

Woopen: Ich halte die Dimension, die die Entscheidung von Keimbahneingriffen an menschlichen Embryonen betreffen, für ungleich größer als die Frage der Stammzellforschung an Embryonen.

In der allgemeinen Erklärung der UNESCO über das menschliche Genom und die Menschenrechte steht im ersten Artikel, dass das menschliche Genom die biologische Grundlage für unser gemeinsames Erbe ist, also für die Einheit der Menschheit. Und hier wird nun eingegriffen, verändert - und da lassen sich viele Zwecke denken. Es gibt an der Harvard Medical School einen Forscher, der zehn Gene identifiziert hat, deren Veränderung gezielt zu einer bestimmten Beifügung von Eigenschaften bei diesen Embryonen, bzw. den Menschen - seiner Meinung nach -, führen würden: stärkere Knochen, eine Schmerzunempfindlichkeit, eine geringe Neigung später einmal Alzheimer-Demenz zu entwickeln. Zu welchen Zwecken das dann eingesetzt würde, wäre noch einmal gesondert zu diskutieren.

Ich möchte aber betonen, dass die Forschung, die nun in England genehmigt wurde, in Deutschland ohnehin nicht möglich ist. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass nun in Deutschland irgendeine Diskussion im Hinblick auf die Erlaubnis einer solchen Forschung oder auf eine Änderung des Embryonenschutzgesetzes gerichtet würde.

Das Interview führte Ulrich Kühn.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 02.02.2016 | 19:00 Uhr