Stand: 21.01.2016 19:20 Uhr

Fall Litwinenko: War Putin involviert?

Bislang war es nur ein Gerücht - und auch jetzt ist es nur "sehr wahrscheinlich", dass der Kreml, namentlich Präsident Putin und der Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB, die Ermordung des im Londoner Exil lebenden Ex-Spions und Kreml-Kritikers Alexander Litwinenko im Jahr 2006 gebilligt hätten. Eine Sprecherin des britischen Premiers Cameron nannte die Ergebnisse der richterlichen Untersuchung in England "extrem beunruhigend". Der russische Botschafter in England wurde zu einem Gespräch gebeten.

Der ARD-Korrespondent Hermann Krause glaubt, dass sich die ohnehin schon schlechten Beziehungen zwischen Russland und dem Westen durch die neusten Erkenntnisse weiter verschlechtern werden.

NDR Kultur: Herr Krause, aus den Gerüchten, die die Spatzen seit fast zehn Jahren von den Dächern pfiffen, ist mit der gerichtlichen Untersuchung eine "Wahrscheinlichkeit" geworden. Was ändert das?

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Der ARD-Korrespondent Hermann Krause ist seit vielen Jahren eng mit Russland vertraut.

Hermann Krause: Das ändert im russisch-europäischen und im russisch-britischen Verhältnis sehr viel, denn das erzeugt eine Aufmerksamkeit, die man in den letzten Jahren nicht mehr hatte. Der Fall Litwinenko war vor zehn Jahren so unwahrscheinlich, dass man es gar nicht glauben konnte. Als nach und nach Details bekannt wurden, war selbst bei Kreml-Kritikern die Meinung: Das kann nicht sein. Aber im Laufe der Jahre haben sich viele Morde ereignet, sodass man mittlerweile alles für möglich halten muss, auch dass diese Version, die vom britischen Richter Owen veröffentlicht wurde, eine hohe Wahrscheinlichkeit hat.

Von außen betrachtet ist es etwas eigentümlich: Da wird ein Ex-Spion und Kreml-Kritiker vom Inlandsgeheimdienst (FSB) vermeintlich ermordet - dafür wäre doch der Auslandsgeheimdienst (KGB) zuständig. Das klingt etwas konfus. Können Sie das aufklären?

Krause: Ich glaube nicht, dass man viel zwischen Inlands- und Auslandsgeheimdienst unterscheiden muss. Die beiden Männer, die ihn getroffen haben, kamen ja aus dieser Branche. Da spricht also Vieles dafür, dass es vom Geheimdienst abgesegnet und ausgeführt wurde - wenn diese Version stimmt.

Von russischer offizieller Seite wird das Ganze strikt zurückgewiesen und es wird behauptet, Scotland Yard bzw. der britische Geheimdienst stecke möglicherweise selbst dahinter, denn Litwinenko habe ja für den britischen Geheimdienst gearbeitet und aus dem Grunde sollte man diese Spur verfolgen.

Die Ost-West-Beziehungen waren zuletzt schon nicht besonders gut; man befand sich beinahe wieder vor einem Kalten Krieg. Wie wird sich diese Untersuchung nun auf diese Beziehungen auswirken?

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Welche Rolle spielte Wladimir Putin bei der Ermordung von Alexander Litwinenko?

Krause: Ich glaube, dass das die Beziehungen weiter verschlechtern wird, denn es kann nicht angehen, dass Großbritannien jetzt zur Normalität zurückkehrt. Dort nimmt man diesen Bericht sehr ernst. Die britisch-russischen Beziehungen sind seit Langem "down". Großbritannien hat Vielen, die sich in Russland nicht mehr wohlgefühlt haben, politisches bzw. finanzielles Asyl gewährt. Das hat man in Moskau sehr stark kritisiert. Aber es wird auch Auswirkungen auf die russisch-europäischen und die russisch-amerikanischen Beziehungen haben.

Man weiß, dass Geheimdienste gelegentlich eine Art Eigenleben führen. Es heißt, Putin habe die Ermordung gebilligt. Dann würde die Angelegenheit auf eine politische Ebene rutschen. Für wie wahrscheinlich halten Sie das?

Krause: Im kritischen Radiosender "Echo Moskwy" haben einige Experten gesagt, dass es nicht angehen kann, dass eine solche Aktion ohne Wissen der oberen Leitung durchgeführt wird. Das ist zunächst Spekulation, ob Putin eingeweiht war. Die Vermutung, dass das Ganze so gesteuert wurde, liegt nahe, aber man muss vorsichtig sein, denn man hat keine Beweise und weiß nicht, wie weit das tatsächlich in die Spitzen des Kreml hineinreicht. Von Regierungskritikern wird das vermutet - andere wiederum sind sehr vorsichtig und sagen, das Ganze sei eine konstruierte Geschichte, um Russland zu schaden.

Kurz vor der Ermordung von Litwinenko ist bereits die Journalistin Anna Politkowskaja ermordet worden. Dem sind noch sehr viele Morde an Kreml-Kritikern gefolgt. Was heißt das jetzt nach innen, gerade in die Phalanx der Kreml-Kritiker?

Krause: Dass man sehr vorsichtig ist. Es gibt in Russland kaum noch jemanden, der sich wagt, sich öffentlich zu äußern, außer einigen, die z.B. bei "Echo Moskwy" noch auftreten: Das ist der Abgeordnete Gudkow, der einzige oppositionelle Abgeordnete im Parlament. Insgesamt ist dieses Mosaiksteinchen Litwinenko eines von vielen, aber es macht ganz klar, was zurzeit in diesem Land alles möglich ist - und auch war. Der Mord an Boris Nemzow vor einem Jahr hat vielen Menschen klar gemacht, dass Russland ein Staat ist, in dem Kritiker Angst um ihr Leben haben müssen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 21.01.2016 | 19:00 Uhr

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