Stand: 07.01.2016 16:10 Uhr

"Diese Toleranz macht mich aggressiv"

Nach den Anschägen auf die Räume der Zeitschrift "Charlie Hebdo" folgte eine große Solidarisierungswelle.

Unter den vielen tristen Tagen des Jahres 2015 war einer der traurigsten und empörendsten gleich zu Beginn zu verzeichnen. Am 7. Januar 2015 wurden Redakteure des Satireblatts "Charlie Hebdo" in ihren Räumen hingemetzelt, zwölf Menschen starben. Eine gewaltige Solidarisierungswelle folgte: "Je suis Charlie" hieß es allenthalben, Bekenntnisse zur Meinungsfreiheit, zu den Werten des Westens wurden proklamiert. Fragen wurden auch gestellt: Was darf Satire? Die Antwort meist: alles. Hier und da nur ein leises Bedenken, ob in Sachen Religion alles auch immer gesagt werden müsse, was gesagt werden darf.

Und jetzt? Ein Jahr danach? Was ist aus den Bekenntnissen geworden? Und wie steht es um die Antwort auf jene Fragen? Der Kabarettist Werner Schneyder im Gespräch.

NDR Kultur: Herr Schneyder, leben wir in der praktizierten Meinungsfreiheit, die den Satiriker jubeln lässt?

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"Die Wut der politischen Satire darf nicht abebben", sagt der Kabarettist Werner Schneyder.

Werner Schneyder: Ich denke, es hat sich nichts geändert. Die Meinungsfreiheit ist immer noch dieselbe. Die Meinungsfeigheit ist auch noch da, der Meinungsopportunismus ist noch da - es ist alles so, wie es war.

Vor einem Jahr schloss sich die internationalen Politik recht pompös den Appellen an. Nicht nur Vertreter lupenrein demokratischer Staaten haben das getan. Von heute her betrachtet: Waren das Lippenbekenntnisse, Trugbildbekenntnisse?

Schneyder: Es ist ja immer so: Angesichts einer Katastrophe sind alle sofort mit den Konsequenzen da. Und innerhalb von zwei, drei Wochen ebbt das ab. Was nicht abebben darf, und ich glaube auch nicht, dass das der Fall war, ist die Wut der politischen Satire. Die ist da, wird täglich neu genährt und hat sich täglich zu artikulieren - sonst wäre sie ja obsolet.

Das Titelblatt der Ausgabe zum Jahrestag zeigt uns einen grimmigen christlichen Gott unterm Symbol der Dreifaltigkeit, mit zotteligem Bart und einer Kalaschnikow. Der Text dazu, sinngemäß übersetzt: "Ein Jahr danach - Der Mörder läuft noch immer frei herum". Ist das nur konsequent oder eher befremdlich?

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Schneyder: Für mich ist es nicht befremdlich. Wir sollten nicht vergessen, dass wir die historische Schlacht schon geschlagen, den Kreuzzug schon absolviert haben. Kulturell nachhinkende Religionen sind noch nicht soweit, dass sie sich davon distanzieren können. In unseren Breiten herrscht eine unbeschreibliche Toleranz gegenüber Religionen, die nicht in der Lage sind zu sagen: Innerhalb unseres religiösen Bekenntnisses ist der Freitod eine Sünde. Ich bin kein Katholik, aber man muss den Christen zugutehalten, dass sie sagen, sie seien ihrem Leben gegenüber verantwortlich.

Die Menschen sagen, die Leute, die sich in die Luft sprengen, seien Verbrecher, aber kein Mensch sagt, sie seien exkommuniziert. Und diese Toleranz gegenüber diesem 'gar-nichts-dazu-Sagen' macht mich aggressiv.

Gibt es da auch Kollegen, die ein bisschen zögerlicher sind, weil da doch eine Angst mitspaziert?

Schneyder: Es gibt prominente Kollegen, die sich anschleimen an eine öffentliche Pseudo-Ruhe und dann gibt es Kollegen, die in hervorragender Weise Stellung beziehen - und diese Leute muss man fördern, loben und preisen.

Es fragt sich schon, wer eigentlich die Latte legt, über die zu springen oder nicht zu springen der Satiriker sich entschließt. Ist das nur der eigene freie Wille? Oder wird die Höhe dieser Latte auch dadurch definiert, wie laut einer schreien muss in der Mediengesellschaft, um überhaupt noch Aufmerksamkeit zu erhalten? Das könnte ja auch ein Motiv sein, religiöse Gefühle zu verhöhnen.

Schneyder: Ich kann mir vorstellen, dass das auch manchmal mitspielt, dass man auffallen möchte. Aber da ist die Qualitätsfrage zu stellen. Eine Satire ist relativ rasch zu überführen, wenn man merkt, dass sie nur stattfindet, um zu skandalisieren. Ich gehe auf Ihr Eingangs-Statement zurück, den vielzitierten Tucholsky-Satz: Satire darf alles. Ich mache da eine Einschränkung: Sie darf nicht schlecht sein, denn sonst besorgt sie das Geschäft der Feinde.

Sie sind ein Mensch des Worts und des Bilds, Sie haben im Fernsehen Kabarett gemacht und inszenieren fürs Theater. Anstoß erregt haben in den vergangenen Jahren überwiegend bildliche Darstellungen, Karikaturen. Welche Kraft dürfen wir dem satirischen Wort noch zutrauen?

Schneyder: Das satirische Wort hat die "Chance" nur von intelligenten Menschen verstanden zu werden, während das Bild jeder Idiot deuten kann.

Das Interview führte Ulrich Kühn.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 07.01.2016 | 19:00 Uhr

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