Ihr Lieblingshit im NDR 2 Hit-Mix
Hier geht's zum Musikwunsch-Formular für den NDR 2 Hit-Mix. mehr
Interview
Authentisch, emotional, verstrubbelt und hochmusikalisch, das ist der erst 22-jährige Brite Tom Odell. Gerade erst mit dem "Critics Choice Award" in seiner Heimat Großbritannien geehrt, macht der Newcomer nun auch hierzulande die Runde, um sich vorzustellen. Im Reisegepäck: tolle Pianonummern und bunte Gedanken. Kristina Bischoff aus der NDR2 Musikredaktion traf den vielversprechenden Newcomer zum Gespräch.
Wir kennen dich hierzulande durch deinen Song "Another Love". Erzähl uns mal, was der für dich bedeutet!
Tom Odell: Erstmal überrascht es mich immer wieder, was Leute gut finden. Ich bin natürlich sehr stolz, dass der Song so gut ankommt. Unterschiedlich gut an verschiedenen Orten, aber es ist sehr schön, wenn Menschen sich mit einem Song verbinden. Den habe ich sehr schnell geschrieben, auch nicht in der Absicht, einen Hit zu haben. Aber die Aussage darin kommt deutlich rüber, so dass sich die Menschen darauf beziehen können. Ja, es ist schon witzig, wie ein einziger Song dein ganzes Leben verändern kann.
Der englische Singer-Songwriter war zu Gast im Studio von NDR 2 und hat seinen Top-Hit "Another Love" live eingespielt. Eine sehr gefühlvolle, ungeschliffene Version der Ballade.
Der Song wird auf deinem Debüt-Album sein, das "Long Way Down" heißt. Ist ja nun nicht gerade ein optimistischer Begriff. Sollte ein Newcomer-Album nicht eher "Long Way Up" heißen?
Odell: Als ich an dem Song arbeitete, war ich abends auf einer Party in London und saß dort auf einem Dach und blickte runter. Und dachte so bei mir: Du grüne Neune, das ist ein ziemlich langer Weg bis nach unten. Damit meine ich aber, dass halt immer viel auf dem Spiel steht, das man verlieren kann. Aber das ist eher positiv gemeint. Auch wenn alles gut läuft, dass man sich erinnert, nicht hochmütig zu werden und das zu genießen, was da ist.
Und wie bekam der gleichnamige Song die Ehre, zum Albumtitel zu werden?
Odell: So ganz genau kann ich das auch nicht erklären. Der Song bringt alle Gefühle und Stimmungen auf den Punkt, die auf dem Album vorherrschen. Und darum hat es sich richtig angefühlt, nach diesem Song das Album zu benennen.
Stimmt es, dass du ein ganzes Jahr mit Songschreiben verbracht hast?
Um Songs zu schreiben, wohnte Tom Odell ein Jahr lang in einem schrankgroßen Zimmer.
Odell: Ja - als ich meinen Plattendeal hatte, habe ich ein bisschen Geld bekommen und mir ein winziges Zimmer in Brick Lane gemietet. Das ist ein Stadtteil in Ost-London, den ich sehr interessant finde. Ein bisschen touristisch vielleicht, aber auch sehr multikulti. Dort hatte ich also einen winzigen Raum in einer Kunstgalerie gemietet. Eher die Größe eines Schrankes. Da passten nur mein Klavier, eine Gitarre und ich rein. Da habe ich ein ganzes Jahr verbracht. Tag für Tag. Ich habe morgens gegen 10 Uhr angefangen und abends gegen 22 Uhr aufgehört. Wenn ich jetzt daran zurück denke, kommt mir das schon ganz schön wild vor. Andererseits denke ich, dass ich das einfach machen musste. Da waren eben all diese Lieder in mir, die rauskommen wollten. Eine abgefahrene Zeit. Ich glaube auch, dass man dabei schräg draufkommen kann, aber zumindest ist in meinem Fall ein Album dabei herausgekommen.
Apropos schräg draufkommen: Wie viel von einem Musikverrückten steckt in Dir?
Odell: Die schönsten Erinnerungen meines Lebens drehen sich um Musik. Und das liebe ich über alles. Und ich liebe es auch, Songs zu schreiben, und die Herausforderungen, die das mit sich bringt. Ich kann mir auch nicht vorstellen, etwas anderes als das zu machen. In dem Punkt habe ich Glück. Andererseits ist das auch ein Fluch. Ich habe ältere Musikerfreunde, die nicht alle davon leben können, und trotzdem dabei bleiben, weil sie nichts anderes so lieben wie das.
Für deine 22 Jahre klingst du schon erstaunlich reif.
Odell: Interessant, nicht wahr? Vielleicht wird jeder zu einer anderen Zeit erwachsen. Aber so erwachsen, wie alle denken, bin ich sicher nicht. Denn ich komme mir mehr wie ein Spätzünder vor als jemand, der schon herangereift ist.
Gute Nachricht für den Spätzünder: Jetzt geht's mit der Karriere rund und weiter auf Tour. Auch gerade mit all den Mädels, die in der ersten Reihe stehen.
(grinst)
Odell hat mittlerweile "keine Angst mehr vor großen Sälen".
Die siehst du also noch. Was hat sich live bei den Konzerten sonst getan?
Odell: Erst mal haben wir ein tolles Publikum, das ich gelegentlich sehe. Allerdings hat sich die Anzahl in den letzten Monaten rapide vergrößert. Wir können dem Wachsen wirklich zusehen. Im März am Ende der Tour in Großbritannien hatten wir im Schnitt 600 Leute im Saal, jetzt in Europa sind es schon 2.000. Aber ich habe keine Angst vor großen Sälen, ich genieße das Gefühl. Das einzige, was mich schockt, ist, dass die Leute kommen, um mich zu sehen!
Was hast du bei deinen Auftritten noch bemerkt?
Odell: Es macht einen Unterschied, ob man in seinem Schlafzimmer spielt oder öffentlich. Das ist wie mit dem Proben. Man kann drei Jahre lang proben und klingt am Ende ganz ordentlich, hat sich verbessert. Aber wenn man drei Gigs hintereinander spielt, klingt man erstaunlich. Weil der Druck gleich viel höher ist. Der Geist ist dann einfach mal 100 Prozent fokussierter.
Und was passiert mit dir auf der Bühne?
Odell: Live komme ich an den Ausgangspunkt des Song zurück. Dieser Weg ist mir sehr wichtig, auch wenn es einem dabei schon mal emotional an den Kragen geht. Aber es hilft auf jeden Fall dabei, den Song gut auf die Bühne zu kriegen.
Für gewöhnlich sind Newcomer hohem Druck ausgesetzt. Bei dir habe ich den Eindruck, dass der nicht vom Label oder Umfeld kommt, sondern von dir selbst. Haut das hin?
Odell: Ja, das ist so. Leute fragen mich, weil ich den "Critics Choice Awards" gewonnen habe (Überreicht durch Vorjahressiegerin Emeli Sandé, Anm. d. Red.) und weil man jetzt von mir spricht, wie sich das für mich anfühlt. Und ich kann's nicht sagen, ich denke darüber nicht wirklich nach. Und so kann es mich auch nicht beeinflussen. Daher kommen der größte Druck und die Erwartungen nur von mir selbst. Vor allem, weil ich selbst immer schon Musik produzieren wollte. Ich weiß auch, wie sich das anhört, wenn ich etwas gut hinbekommen habe, oder auch, wenn nicht. Und das ist schon schwer genug, sich selbst zu gefallen. Da muss man sich nicht auch noch anstrengen, anderen zu gefallen.
Vielen Dank fürs Gespräch.
Das Interview führte Kristina Bischoff, NDR 2