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Selig sind zurück: Nach einer zehnjährigen Pause folgte im Jahr 2009 doch noch die große Reunion der beliebten deutschen Band. Heute sind sie erfolgreicher denn je. Mittlerweile kommt ihr sechstes Album "Magma" in die Läden. Die Vorab-Single "Alles auf einmal" ist schon jetzt einer der erfolgreichsten Selig-Songs überhaupt. Genügend Gesprächsstoff für Matthes Köppinghoff - der traf "die seligen" Jan Plewka und Christian Neander zum Interview.
20 Jahre Selig, mit ein bisschen Pause dazwischen - worauf könnt ihr zurückblicken?
NDR 2 Reporter Matthias Köppinghoff mit Jan Plewka (l.) und Christian Neander (r.) von der Band Selig.
Christian: "Auf zwei Leben. Wir hatten dieses erste Leben mit den ersten drei Platten: ganz viel Erfahrung, Welt erobern, zusammenbrechen, vor die Wand fahren. Dann die ganz lange Pause und dann drei schöne Alben. Das sind immer Zeitdokumente bei uns. Man kann an jeder Platte ablesen, wie es uns gerade geht. Bei der letzten Platte (vor der Auflösung, Anm. d. Red.) war klar: "Wir lösen uns auf" - das konnte man genau hören.
Und dann nach zehn Jahren wieder zusammenzufinden, das ist eigentlich der größte Erfolg von unserer Reunion, dass wir wieder fünf Freunde geworden sind. Es hat aber auch echt lange gedauert. Wir haben ein halbes Jahr lang sehr viel geredet und Regeln gefunden und herausgefunden, was schief gegangen ist. Und jetzt haben wir unsere dritte Platte nach der Reunion gemacht, nehmen alles viel mehr wahr und haben wahnsinnig viel Konzerte gespielt. Das ist echt eine unglaubliche Chance: Zweimal dasselbe Glück zu haben - nur anders wahrnehmen zu können."
Eure Single "Alles auf einmal" soll ja biographisch sein. Ist das wirklich so?
Jan: "Wir hatten damals in den 90ern, nach vier Jahren Rock'n'Roll, tatsächlich einen "Band-Burnout", weil wir auch alles auf einmal genommen haben. Das ging so: "Was passiert, wenn ich die Pillen und die Pillen gleichzeitig esse? - Ja, du stirbst, super!" (lacht) Also, es war wirklich zu viel. Damals gab es den Begriff Burnout eigentlich noch gar nicht, nur in irgendwelchen Chef-Etagen. Bei Burnout hat man an quietschende Reifen gedacht oder so. Jetzt hört man das Thema an jeder Ecke - in jedem Bekanntenkreis klappt jemand zusammen."
Für das neue Album habt ihr euch in England mit dem Produzenten Steve Power zusammengetan, der auch schon für Blur und Robbie Williams Platten produziert hat. Wie war die Arbeit am neuen Album mit ihm?
Christian: "Nach den letzten beiden Alben, die wir selbst produziert haben, war irgendwie klar: Wir wollen jemand Neues, jemanden, der von außen guckt. Steve gefiel sehr, wie wir gespielt haben, und unser Sound. Es war sein Bestreben, diesen Sound aufzunehmen, also das einzufangen. Man muss sich einen sehr englischen, sehr durchgeknallten, wahnsinnig höflichen Menschen vorstellen, der schon ganz viel gemacht hat. Er hat uns sehr viel Musik vorgespielt, wir haben ganz viel gehört dieses Mal. Beatles haben wir gehört, David Bowie im Sternschnuppenregen, Pink Floyd... also, er hat diese ruhige Art. Das erste Stück, das wir aufgenommen haben, war "Magma": "Wir haben drei Takes live gespielt - und dann meinte er so ganz leise: "Yeah. I like it. Come in, let's listen". Und das ist der Take! Ich dachte so: "Moment mal, ich bin ja gerade erst... ich hätte da noch..." Er hat ein ganz feines Gespür für Musik; also wann was richtig, wann was gut ist. Und es war auch gut, es stimmte! Ich sagte dann: "...Joa, ist gut, ist super!""
Den Track "Love & Peace" habt ihr kostenlos zum Download ins Internet gestellt. Ein durchaus politischer Song - seht ihr euch als politische Band?
Selig bei der Finalparty zum ESC 2011 auf der Reeperbahn.
Jan: "Wir sind eine Band mit einer Haltung! Wenn man uns jetzt sieht oder unsere Vergangenheit... also Politik ist ein sehr schmutziges Geschäft irgendwie, deswegen sind wir auch Musiker (lacht), um da nicht zu wirken. Und jetzt haben wir "Love & Peace", das ist eigentlich unser konkretestes Lied. Das sind aneinander gereihte Schlagzeilen aus zwei Dekaden, den Achtzigern und Neunzigern, und in der Mitte ist der Refrain: "Love and Peace, wenn du die Welt nicht verändern kannst, dann verändere dich selbst, wenn du dich selbst nicht verändern kannst, verändere die Welt." Wie so ein Mantra. Eigentlich ist es also eine Aufforderung, aus seiner Passivität herauszugehen und in Bewegung zu bleiben und nicht dazusitzen und zu sagen: "Oh, ist ja alles gut irgendwie, ich hab meinen Freundeskreis und dies und das", sondern weiterzugehen, sich zu bewegen, was Gutes zu tun.
Jan, den Song "Traum Fenster" hast du für deine Kinder geschrieben, wenn du irgendwann mal nicht mehr da bist. Wie sehr beeinflussen euch eure Familien, euer Privatleben?
Christian: "Also, ich glaube, dass wir Kinder haben, hat uns sehr geholfen wieder zusammenzufinden. Für mich selbst kann ich sagen, dass ich sehr charmant, aber wahnsinnig egoistisch und dominant war. Und das rückt so ein Kind ziemlich rücksichtslos zurecht! Mir hat das sehr geholfen - Respekt vor den anderen zu haben und sie zu nehmen, wie sie sind: Als eigenständige Personen und nicht zu versuchen, sie zu verändern, sondern sie als Mensch wahrzunehmen. Das hat mir sehr geholfen."
Jan: "Das Beste, was mir je passiert ist, sind meine drei Kinder. Ich wollte eigentlich nie welche haben (lacht), aber das ist wirklich das Beste. Anna, meine Frau, die ist so... der Weltgeschmack. Wenn die einen Text nicht gut findet, dann kommt der auch nicht auf die Platte! Das ist irgendwie... ja, sehr gut, Familie zu haben - wenn man so ein komisches Leben hat wie wir."
Euer Album habt ihr ja unter anderem schon bei einer kleinen Club-Tour gespielt - so auch im Molotow in Hamburg. Wo spielt ihr lieber: In der sehr großen O2-World oder im Molotow?
Christian: "Molotow."
Jan: "Ich möchte NIE in der O2-World spielen."
Christian: "Ne, auf keinsten."
Jan: "Das ist echt nicht... das hat nix mit uns zu tun. Wenn wir jetzt so erfolgreich wären, wie wir uns das vorstellen (lacht) mit der Platte, dann lieber 30 mal Molotow als einmal in der O2-World."
20 Jahre Bandgeschichte - ist euch da manchmal nostalgisch zumute?
Christian: "Ich hatte neulich tatsächlich einen nostalgischen Moment: Wir haben in Wilhelmsburg geprobt und sind zum Essen gegangen mittags - und die vier anderen liefen so vor mir. Und ich dachte mir, es ist jetzt nicht wahr, dass man jetzt immer noch hier zusammen zum Essen geht (Jan lacht). Manchmal hat man ja so komische Erscheinungen, dass man denkt: Das gibt's doch jetzt nicht! Ich mache jetzt hier mit denen Musik, ich probe, geh mit denen zum Essen. Du hast das schon tausendmal gemacht, das ist tatsächlich wahr. Da war ich melancholisch-nostalgisch-verwundert. Aber schön! Irgendwie abgefahren."