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Udo Lindenberg live am 12. März 2012 in Hamburg © NDR 2 Fotograf: Mirko Hannemann
 

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Interview

Jamie Cullum: "Nachbessern raubt Songs Leben"

Aufregende Zeiten für Fans von Jamie Cullum: Am 17. Mai erscheint sein neues Album "Momentum", am 23. Mai tritt er beim ECHO Jazz 2013 auf und einen Tag später beim Hamburger Elbjazz Festival. Mit Kristina Bischoff aus der NDR 2 Musikredaktion hat der Klavier-Künstler ein sehr persönliches Gespräch geführt:

Der britische (Jazz-)Pianist und Sänger Jamie Cullum am Klavier © picture alliance / PA Wire Fotograf: Matt Crossick Detailansicht des Bildes Man nennt den 33-Jährigen auch den "Robbie Williams des Jazz". Du bist mittlerweile Vater zweier Töchter, die kleine ist gerade knapp zwei Monate alt. Da verschieben sich bestimmt die Lebensperspektiven?

Absolut, und das ist noch untertrieben! Man sieht nicht nur, was einem wichtiger geworden ist, sondern du siehst auch das Beste an dir, das Schlimmste an dir und auch in der Welt. Denn wenn man Kinder in die Welt setzt, fällt einem erst mal auf, wie schön sie ist - und auch gleichzeitig, wie erschreckend. Und deswegen fallen mir gerade auch die traurigen Seiten auf, die diese Welt bietet. Zum Glück bleibe ich darin aber nicht stecken, wenn ich weiß, dass es da nun tolle Menschen gibt, mit denen ich die Welt teilen kann.

Jamie Cullum: "Everything You Didn't Do"

- 07.05.2013 21:00 Uhr - Autor/in: Kamila Klepacki

Der begnadete britische Musiker war zu Gast im Studio von NDR 2 und hat exklusiv den Song "Everything You Didn't Do" für unsere Hörer eingespielt. Hier das Video dieser beeindruckenden Session.

Erzähle uns bitte ein bisschen mehr darüber!

Ich musste mir auch Gedanken um mein Zeitmanagement machen. Als Künstlertyp bin ich darin nicht der Experte (lacht). Das hat sich auf meine Arbeitsweise ausgewirkt. Ich bin ins Studio gegangen und habe mir vorgenommen, nicht zu denken, sondern nur Musik zu machen. "Ich habe jetzt zwei Stunden Zeit, jetzt mache ich einfach mal." Dann habe ich mich ans Schlagzeug gesetzt und dabei ist dann der Song "Everything You Didn't Do" herausgekommen.

Heißt deswegen das Album "Momentum"?

Auch. Aber es weist auch darauf hin, dass Dinge auf der Strecke bleiben, wenn man älter wird. Wenn man ein Teenie ist, dann gibt es dieses Momentum, diesen Fluss, der einen durch die Fehler, die man dann macht, hindurchbringt. Wenn man älter wird, liegt es an einem selbst, an seinem Glück zu basteln. Es geht darum, sich selbst Chancen zu bauen, anstatt nur welche zu ergreifen. Was nicht unbedingt schlecht ist. Es ist mehr wie eine Erkenntnis, man kann sich nicht darauf verlassen, locker einen Kater wegzustecken. Wenn man mal die 32 überschritten hat, braucht es schon zwei Tage dazu.

Du bist auch als Songwriter für andere aktiv - nicht schlecht, wenn man seine Familie ernähren muss. Freust du dich, dass es Songs wie "Standing Still" für Roman Lob  oder "Everyone's Lonely" für Stefanie Heinzmann in unsere Ohren geschafft haben?

Jamie Cullum 2009 © Deborah Anderson Fotograf: Deborah Anderson Detailansicht des Bildes Jamie Cullum hat in zehn Jahren zehn Millionen Tonträger verkauft. An "Everyone's Lonely" hat auch mein Bruder Ben mitgeschrieben, und was mit "Standing Still" passiert ist, ist schön. Manchmal hat man eben Songs, die man selbst nicht aufnimmt, und trotzdem kommen sie an anderer Stelle zum Leben. Und darauf bin ich sehr stolz. Hier in Deutschland nimmt man mich auch hauptsächlich als Songschreiber wahr. Ich spiele hier natürlich auch sehr gern, arbeite an meiner Karriere. Und als man mich dann fragte, ob man "Standing Still" für den Eurovision Song Contest nutzen darf, habe ich natürlich Ja gesagt, das war mir eine Ehre. Allerdings habe ich zu Hause ganz schön was auf die Mütze dafür bekommen. Besonders, weil England den letzten Platz gemacht hat und Deutschland immerhin noch den achten! (lacht)

Deine Single "Everything You Didn't Do" überrascht mit kurzweilig-poppiger Anmutung. Hast du deinen Stil zu Gunsten von Popregeln geändert?

Klar hat man schon die Erfahrung, dass man weiß, was im Radio funktionieren kann. Aber wenn man dem nachgeht, entsteht die Tendenz, Musik nach Formeln zu schreiben. Ich aber versuche mit meinem Herzen zu schreiben und das zu machen, was sich gut anfühlt. Und wenn ich das zu einem guten Schluss bringe, ist das toll.

Wie viele Herzensmomente oder Live-Takes sind denn auf dem Album zu finden?

Jamie Cullum 2009 live in Berlin © Guelland/ ddp Detailansicht des Bildes Da Cullums Eltern in einer Band waren, spielte er schon als Kind mehrere Instrumente. Mir geht es so, dass sich eine Aufnahme nicht echt anhört, wenn sie nicht von Anfang bis zum Ende durchgesungen wurde. Ich glaube, auf dem Album gibt es einen Song, wo ich mich in einer Zeile mal verhauen haben, und hätten wir das so gelassen, hätte es den Rest ruiniert. Da haben wir hinterher ein bisschen am Gesang nachgebessert. Aber mir ist es ein Anliegen, alles in sich zu belassen, was ich mache. Ich möchte damit keinen missionieren und damit auch nicht sagen, dass andere Ansätze deswegen falsch sind, aber für mich raubt dieses Nachbessern dem Song das Leben. Daher ist das Album in Live-Machart aufgenommen. Und später wurde auf der Basis dann fertig produziert.  

Wenn du so von Lebendigkeit in der Musik sprichst, was geht dann erst auf der Bühne mit dir vor?

Ich fühle mich glücklich und mehr. Das Publikum gibt dir etwas und du gibst ihm etwas. Es ist etwas Gemeinsames und mein Gefühl entsteht genau aus diesem Genuss heraus, sich in diesen Momenten fallen zu lassen. Anders kann ich es gar nicht beschreiben. Ich war aber nicht immer so. Bis ich 18 war blieb ich lieber im Hintergrund, habe auch nicht vor Leuten gesungen. Mit der Zeit habe ich dann den Job gelernt, dadurch, dass ich ihn viele Male gemacht habe. Und wusste, dass es darum geht, Chancen zu ergreifen und zu lernen. "Und wenn was schief läuft, steh' wieder auf und versuch's noch mal!" Und ich bin wohl doof genug, keine Angst zu haben, auch mal versagen zu können... (lächelt).

An welchen deiner Seiten möchtest Du noch arbeiten?

Meine Frau (Sophie Dahl, Anm. d. Red.) hat es ganz gut drauf, sagen zu können, wenn ihr etwas nicht gefällt. Geradeheraus, sehr klar und ehrlich. Und so wäre ich auch gern.

Um mit den Beatles zu fragen: Was sind die Dinge, die du dir mit Geld nicht kaufen kannst? ("What are the things, that money just can't buy?")

NDR 2 Reporterin Kristina Bischoff mit dem britischen Musiker Jamie Cullum bei NDR 2 © NDR 2 Detailansicht des Bildes "Zu viele Streifen", fand Jamie Cullum und lieh sich kurzerhand Kristina Bischoffs Jackett. Das ist ganz offensichtlich. Geld kann Dir kein Glück kaufen. Du kannst Dir damit sicher einen schönen Urlaub bezahlen oder ein Haus oder ein Auto kaufen. Aber das ist wirklich das Letzte, worum es geht. Und ich bin mir dessen wohl bewusst, aus der Position eines Künstlers zu sprechen, dem es finanziell ganz gut geht. Aber das größte Glück - das ich kenne - ist es, sich zu verlieben. Und das kommt nicht zustande, außer man trifft den richtigen Menschen und dann gibt man dem Ganzen Zeit.

Welches ist das schönste Kompliment, das man Dir machen kann?

Wenn Leute sagen, sie sehen mich gern spielen und das auch so meinen. Weil ich selbst als Künstler noch zu den Großen aufschaue, und manchmal denke, "so gut wie die werde ich bestimmt nicht" und all das Blabla. Und je älter man wird, stellt man fest, dass es gar nicht darum geht, wie jemand Anderes zu werden, sondern darum, selbst etwas zu sagen zu haben. Wenn also Leute dich sehen wollen, weil du so bist, wie du bist, ist das das schönste Kompliment, das man dir machen kann.

Danke für das Gespräch!

Dieses Thema im Programm:

NDR 2 | 07.05.2013 | 21:00 Uhr

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Reporterin
NDR 2 Reporterin Kristina Bischoff © NDR 2 Fotograf: Jochen Moseberg
 

Kristina Bischoff

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Musiker Jamie Cullum im Studio von NDR 2 © NDR 2 Fotograf: Kamila Klepacki
 
Video

Jamie Cullum: "You're Not The Only One"

07.05.2013 | 21:00 Uhr

Der begnadete Musiker war zu Gast im Studio von NDR 2.

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