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Interview
"New Day Dawn" heißt sein neues Album, das am 19. April erschienen ist und neben Reggae auch noch mit einer Klavierballade aufwartet. Dass der Kölner Sänger darüberhinaus aber auch noch zu anderen Themen spannende Ansichten hat, verrät er im Interview mit Kristina Bischoff aus der NDR 2 Musikredaktion.
Auf deiner neuen Single "You Remember" singst du davon, dass ein Leben ohne Facebook, Youtube etc. auch nicht übel war und man auch beim Briefeschreiben ganz gut rüberkommen konnte. Was ist Deine Kritik, oder warum tauchen diese Anmerkungen in dem Song auf?
Der Musiker Gentleman ist seit 20 Jahren erfolgreich mit seinem Reggae-Sound.
Ich bin froh im Jahr 2013 zu leben. Und ich schätze auch die Medien, aber in dem Song geht es auch um die Dinge, die ich vermisse. Was ich sehe ist, dass das Persönliche in dieser globalisierten, immer schneller werdenden Welt auf der Strecke bleibt. Und ich finde es wichtig, dass wir uns hier treffen, ein Interview machen und uns in die Augen gucken - und nicht skypen.
Diese Flüchtigkeit, die mit den neuen sozialen Netzwerken verbunden ist, da muss man drauf achten, dass es nicht zu einem Einheitsbrei wird. Darauf geht's auf "You Remember".
Ich kritisiere dabei nicht das "Was" sondern das "Wie". Ich finde es auch okay, dass wir mehr E-mails schreiben als Briefe. In dem Song steht die Handschrift als Symbol für das Individuelle. Ich selber war auch eher der schreibfaule Typ. Und trotzdem finde ich diese Kommunikation so wichtig. Das Direkte.
Stimmt. Anders als per SMS Schluss zu machen zum Beispiel.
Ja. Das kann auch voll nach hinten losgehen, weil man da keine Gefühle transportieren kann. Da nützt auch so ein Smiley nichts.
Dann hast Du in dem Song "Memories" noch das Klavier entdeckt, wie kam es dazu?
Tilman Otto und der Künstler Gentleman sind "eine Person".
Da geht es um eine ganz persönliche Erfahrung von Verlust, von einem Menschen, dem besten Freund, der ganz nahe war und jetzt nicht mehr da ist. Und das ist mir das erste Mal so gegangen. Das war jemand, mit dem ich auch lange über den Tod philosophiert habe. Ich finde, dass das ein Thema ist, über dem in unserer Gesellschaft so ein komischer Vibe schwebt. Dabei ist das was Schönes, sich damit auseinanderzusetzen, auch weil du einen ganz anderen Blick auf das Leben kriegst.
Auch die Musik hat geholfen, mit dem Verlust klarzukommen. Die Akkorde in dem Song waren welche, die ich am Piano gefunden habe. Zu denen hatte er gesagt, "Da musste mal`n Song draus machen". Das hat mir dann extrem gut getan, als ich von der Phase der Trauer in die Phase der Dankbarkeit gerutscht bin. Dass es ihn gegeben hat, davon handelt der Song. (Pause). Ihm ist auch das ganze Album gewidmet.
Du bleibst deinem Stil treu, obwohl es ein Reggae Song im Pop-Radio kommerziell schwer hat. Andererseits haben deine letzten Alben "Nummer Eins"-Positionen eingenommen und in ganz Europa wird deine Musik gehört. Was lieben die Leute an deinem Sound?
Ich sehe mich immer so als hohles Bambusrohr, als Teil von einem Ganzen. Und ich habe auch oft das Gefühl, dass ich überbewertet werde, und denke, irgendwann finden die Leute raus, dass ich gar nichts kann (lacht). Aber ich mache das leidenschaftlich gerne. Ich finde, es gibt auch Millionen bessere Sänger als mich, ich bin da schon reduziert, was Tonlagen betrifft. Aber ich spiele auch nix vor - ich übernehme keine Rolle. Sondern Tilmann (Tilmann Otto, bürgerlicher Name von Gentleman, Anm. D. Red.) und Gentleman, das ist eine Person. Und ich glaube auch, das ist das, was die Leute spüren und der Grund dafür, warum das jetzt auch schon so lange geht. Wir haben jetzt im Dezember unser 20-jähriges Bühnenjubiläum! Das ist es, was Erfolg ausmacht. Nach wie vor Leidenschaft zu haben und Hunger. Darum geht‘s.
Und was gefällt dir am Reggae?
Der Kölner hatte nie den Plan, Reggae-Sänger zu werden.
Das ist ganz schwer zu beschreiben. Wenn man das könnte, dann hätte es auch gar keine Magie. Aber immer wenn die Musik anfing mich zu ermüden, dann gab es immer ein Album, einen Song oder Künstler, der mich wieder überzeugt hat.
Und ich finde, das ist eine Musik, gerade im Roots-Reggae, die extrem radikal ist und trotzdem so süß, traditionell und trotzdem nah am Zeitgeist, unaufdringlich politisch und sozialkritisch. Aber auch mit einer Leichtigkeit auch ernste Themen behandeln kann. Und das konnte ich in keinem anderen Genre finden als im Reggae.
Ich hatte nie den Plan, Reggae-Sänger zu werden. Das ist auch jetzt immer noch überraschend zu sehen, wie weite Kreise das gezogen hat. Und ich hatte auch immer Zweifel. Die sind ja auch okay, in einer gewissen Dosis. Und mit 18 bist du naiver, du machst einfach das, worauf du Bock hast und folgst deiner inneren Stimme.
Dein Sound ist in Jamaika akzeptiert, du bist auch sehr gut vernetzt. Trotzdem kann ich mir vorstellen, dass es für einen weißen Reggae-Sänger aus Köln auch erst mal nicht einfach war, Gehör zu finden?
Dass es international wurde, das war 2004 mit dem Song "Intoxication", der um die Welt gegangen ist. In der - ich benutze das Wort extrem ungern, aber mir fällt gerade kein anderes ein - die "Reggae-Szene" einfach Ohren gefunden hat. Und da habe ich in Jamaika die Erfahrung gemacht, dass ganz viele Leute auf der Straße gesagt haben "Das ist Dein Song? Das glaube ich nicht. Sing mal, beweis das." Und so halt.
Ich hab anfangs diesen Exotenbonus gehabt, der jetzt aber nicht mehr da ist. Spätestens als ich auf einem der größten Festivals in Jamaika mit Flaschen beworfen wurde, was im Nachhinein sowas wie ein Ritterschlag war, weil ich dann das Gefühl hatte, jetzt bin ich endlich angekommen, denn bei den Künstlern am Abend davor regnete es auch Flaschen auf die Bühne.
Wenn du international unterwegs bist mit deiner Musik, nimmst du doch bestimmt auch noch ganz andere Eindrücke mit?
Ich habe letztes Jahr in Ägypten Konzerte gegeben und waren auch am Tahir-Platz. An dem Ort zu sein, die Menschen zu sehen, die da demonstrieren und auf der anderen Seite die Polizeigewalt, das Militär - und wir dazwischen mit unserem Tourbus! Das war extrem erschreckend, aber auch beeindruckend. Da ist der Song "Another Drama" entstanden, wo eben auch Originaltöne vom Tahir-Platz im Intro zu hören sind.
Reggae übt ja auch Sozialkritik und übernimmt zum Teil die Sicht der Rastafari. Die benutzen den Ausdruck "Babylon-System" als Form der Ablehnung der westlichen Weltanschauung. Wie stehst du dazu?
NDR 2 Reporterin Kristina Bischoff mit dem Sänger Gentleman.
Also, wir sind auch Teil von einem System. Babylon ist auch so ein Wort, das total abgenutzt ist, wo man auch vorsichtig sein muss. Ich würde aber sagen, das steht für Ungerechtigkeit. Der Kapitalismus ist Babylon, die Banken sind Babylon, Korruption ist Babylon. Das ist meine Auffassung davon. Das ist nicht nur in der westlichen Welt so, das ist ein globales System. (lacht) Babylon ist überall.
Du bist auch zweifacher Vater - was sind wichtige Werte, die du deinen Kindern vermitteln willst?
Ich finde Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit wichtig. Also im Sinne davon, seiner inneren Stimme zu folgen, ehrlich zu sich selbst zu sein und auch Mut zu haben. Natürlich haben wir als Eltern ganz andere Herausforderungen als unsere Eltern. Früher gab es nur drei Fernsehprogramme und heute die ganze Informationsflut.
Heute sind es nur zwei Klicks und die grausamsten Sachen sind zu sehen. Und das ist auch nichts, was wir aufhalten können. Und ich glaube, es ist auch wichtig Zeit miteinander zu verbringen, eine intensive Zeit. Und das gelingt mir. Oder teilzuhaben, das Gefühl zu vermitteln, "ich nehme Teil an deinem Leben", ohne aufdringlich zu sein. Und ich weiß trotzdem, was Du gerade in Bio machst, und ich kenne Deine Freunde, und ich rufe Dich auch an, wenn ich gerade am anderen Ende der Welt bin. Das gibt einem Kind das Gefühl, geliebt zu werden und begleitet zu werden - und nur darum geht es ja.
Danke für das Gespräch!