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Interview
Nach zehn Jahren Pause sind die Cranberries wieder da. "Zombie" von 1994 war der größte Hit der Rockband aus Irland.
2003 hatten sich die Cranberries nach über 13 gemeinsamen Jahren als Band überraschend aufgelöst. Im Jahr 2009 haben die irischen Musiker wieder Fühlung aufgenommen, was zu einer Welttour im Folgejahr führte, in deren Rahmen noch Zeit war, an neuen Songs zu basteln. Die erscheinen am 23. Februar 2012 auf dem neuen Album "Roses". Vorab standen zwei der vier Cranberries, Sängerin Dolores O'Riordan und Gitarrist Noel Hogan, NDR 2 für ein Interview zur Verfügung. Dolores kam etwas zu spät zur Termin in der Lounge des Park Hyatt in Hamburg. Also hatte unsere Reporterin etwas Zeit, sich mit Noel auf das Interview einzustimmen.
In den letzten 10 Jahren hat sich im Business bestimmt einiges verändert. Wie ist das, nach so langer Zeit wieder unterwegs zu sein und ein neues Album zu promoten?
Noel Hogan: Es hat sich einiges getan. Früher konnte man in verschiedenen Ländern zu unterschiedlichen Zeiten Alben veröffentlichen. Das hat auch die Promotion nicht so stressig gemacht. Das geht heute nicht mehr, weil die Musik über das Internet veröffentlicht wird. Das ist nur eine Beispiel von vielen.
Früher, als das MTV anfing, haben sich Bands bestimmt auch gefragt: Wer braucht denn bitte ein Musikvideo? Mittlerweile ist MTV durch, und nun sind Online-Musikportale das nächste große Ding. Für eine Band, die dennoch auf Tour geht, so wie wir, ändert das weniger als für die Plattenfirmen, die schon große Verluste erlitten haben.
Das hat euch aber nicht davon abgehalten, zurückzukommen ...
Noel: Die Leute haben uns gesagt: "Ihr macht das doch nur für die Kohle." Aber natürlich möchte ich auch für meine Arbeit bezahlt werden. Ich muss auch Rechnungen bezahlen. Wenn ich Musik nur aus Spaß machen würde, könnte ich in ein paar Jahren auf der Straße leben (Lacht). Natürlich kann ich froh sein, dass ich mein Hobby zum Beruf machen konnte. Aber wie gesagt, ich muss auch meine Kinder ernähren. Das zwingt dich dazu, hart zu arbeiten. Und das ist nicht einmal eine schlechte Sache.
(Dolores kommt rein.)
Jetzt kommt euer erstes Studioalbum nach elf Jahren raus. Wie fühlt es sich an, der Welt ein neues Album zu präsentieren?
Das Cover des Comeback-Albums "Roses".
Noel: Wir sind froh über das Ergebnis. Erstens, weil wir schon so lange kein Album mehr gemacht haben und auch, weil die letzten beiden Alben unter einem ziemlichen Druck entstanden sind. Sie sollten Hits enthalten, dazu waren wir gleichzeitig noch auf Tour - das war einfach zu viel. Uns fehlte die Muße zum Schreiben. Bei diesem Album war das zum Glück anders.
Dolores O'Riordan: Da kann ich mich anschließen. Wir sind stolz auf dieses Album. Damals, spätestens nach dem "Greatest Hits" Album, hatten wir genug. Da ging es mit uns abwärts. Wir mussten Platten machen, weil das so in unserem Vertrag stand. Wir hatten das Gefühl, uns zu wiederholen. Und wollten mal etwas anderes machen, das Leben leben. Ich habe dann meine Kinder bekommen.
Jetzt sind wir mit einem Album zurückgekehrt, mit dem auch unsere Fans glücklich sein werden. Gefühlsmäßig schließt es für uns da an, wo wir nach dem zweiten Album aufgehört haben. Es klingt freier, auch weil wir es ohne einen verpflichtenden Plattenvertrag aufgenommen haben. Wir konnten wieder Musik machen, die Spaß macht.
Wenn man etwas mit einem guten Gefühl macht, wirkt sich das auch immer auf das Ergebnis aus ...
Dolores: Sehe ich auch so. Wenn man unter Druck steht, läuft man Gefahr, eine Schreibblockade zu bekommen. Oder man quetscht sich ein paar Songs raus, die aber genau das kreative Gequetsche wiedergeben.
Trotzdem, es hat mich schon überrascht, dass "Roses" den Hörer in die späten 80er zurückversetzt, weil es oft nach Gitarrenpop Marke "The Smiths" klingt. Ihr habt doch auch Kinder, die schleppen ja auch den Sound von heute nach Hause. Wolltet ihr keinen heutigen, neuen Einfluss?
"Wir machen wieder Musik, die uns Spaß macht", sagt Cranberries-Sängerin Dolores über das neue Album.
Dolores: Wozu brauchen wir Einflüsse, wenn wir einen Sound geschaffen haben, der an sich neu und eigen ist und schon zig andere Künstler beeinflusst hat? Avril Lavigne ist so ein Beispiel. Sie hat unsere Songs "Zombie" und "Dreams" als ihre Lieblingssongs genannt und erzählt, dass sie ein großer Fan von uns ist. Es ist sehr schmeichelhaft zu wissen, dass sich jüngere Generationen von Musikern auf uns beziehen.
Bei den MTV Music Awads 1994 nach einem Auftritt von Alanis Morissette, die direkt nach uns spielte, kam übrigens James Hetfield von Metallica auf mich zu und sagte: (Sie macht seine Stimme nach, indem sie eine Oktave tiefer und mit rauer Stimme spricht)
"Hey, das Mädel klingt doch wie du, Babe!" Und ich sagte: "Danke. Aber dabei versuche ich doch so zu klingen wie du, Babe!"
So zu singen, wie ich halt singe, habe ich gelernt als ich fünf oder sechs Jahre alt war - und zwar in der Kirche. Ein Priester hat mir damals gregorianische Gesänge beigebracht, die es schon seit über 1.000 Jahren gibt. Die Melodien habe ich von alten Menschen gelernt, die mir auch irische Volkslieder beigebracht haben. Ich habe aus diesen alten Traditionen meinen Stil entwickelt. Da setzt man sich nicht plötzlich ans Radio und lernt etwas ganz Neues.
Doch auch wenn wir mit "Roses" musikalisch nichts vollkommen Neues gemacht haben, glaube ich trotzdem nicht, dass das Album eine Wiederholung ist. Wir haben experimentiert. Für mich klingt es frisch und neu.
Ich habe mich mit Noel eben noch über die Neuerungen im Business unterhalten. Wenn man Musik so ernsthaft betreibt, wie ihr es offensichtlich tut, muss einem doch auch manchmal schlecht werden, wenn man sieht, wie man heutzutage nach Nachwuchs fahndet? Tun euch Castingshows im Herzen weh?
Dolores: Mir tun die Leute in den Castingshows schon leid. Manche gefallen einem, doch bevor sie überhaupt in der Lage sind, ihren eigenen Stil zu entwickeln, sind sie schon in den Fängen der Musikindustrie. Und dann sagt man ihnen, was sie singen sollen, wie sie auszusehen haben und dass sie sich noch die Brüste machen lassen sollen oder was auch immer. Und das ist schade. Da sind junge, unschuldige Künstler, die so lange geformt werden, bis sie einem Klischee entsprechen, anstatt dass man ihnen erlaubt, etwas Eigenes zu werden. Das tut schon weh.
Noel: Wir haben vor einigen Jahren ähnliche Fehler gemacht, indem wir getan haben, was man von uns wollte. Aber wir haben daraus gelernt. Es ist wichtig, dass man weiß, was man selbst will. Mein Rat an junge Künstler ist: Denkt langfristig! Und arbeitet nicht auf einen schnellen Hit hin! Denn dann steht ihr vielleicht im nächsten Jahr schon wieder irgendwo rum und bratet Hamburger.
Vielen Dank für Eure Zeit und das Gespräch!
Das Interview führte Kristina Bischoff aus der NDR 2 Musikredaktion am 24. Januar 2012.