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Roxette bei ihrem Konzert am 13. Oktober 2011 in Hannover.
Mal ehrlich, wie machen die das? Ich habe nie ein Roxette-Album besessen. Auch nicht in den 90ern. Da habe ich lieber Pearl Jam gehört. Die waren viel cooler als die pseudo-punkigen Schweden und haben viel weniger Haarspray verbraucht. Selbst "Pretty Woman" habe ich erst Jahre später im Fernsehen und nicht im Kino gesehen. Und trotzdem: Kaum trällert Marie Frederiksson in Hannover "It Must Have Been Love" wippe ich mit und singe auch noch.
Immerhin, ich bin damit nicht allein. Als die Musik stoppt, singen die Fans in Hannover den Pretty-Woman-Song wie aus dem FF weiter. Der Text sitzt, und manch einer reibt sich verwundert die Augen, dass das Lied schon mehr als 20 Jahre alt sein soll. Wie machen die das bloß? Respekt! Respekt für ein gelungenes Comeback.
Im Grunde hatte kaum einer mehr so richtig damit gerechnet. 2002 mussten sich die Schweden verabschieden, bei Marie Frederiksson war ein Hirntumor festgestellt worden. Erst 2009 meldeten sich Roxette zurück. Das große Comeback aber ließ noch zwei Jahre auf sich warten. Erst Anfang des Jahres brachten Marie Frederiksson und Per Gessle mit "Charm School" ein neues Studioalbum raus und landeten damit einen Riesenhit. Platz Eins in den deutschen Charts, das erfolgreichste Roxette-Album seit 1992.
Ganz spurlos aber ist die Pause nicht an Roxette vorübergegangen. Das Konzert vor ein paar Tagen in München war bei weitem nicht ausverkauft und auch nun in Hannover bleibt der Innenraum der Arena halbleer. Das drückt anfangs auf die Stimmung. Auf den Rängen rührt sich lange Zeit kaum etwas. Nur im Innenraum wird getanzt - Platz ist ja genug da.
Per Gessle von Roxette und sein Bassist lassen es auf der Bühne so richtig krachen.
Nach dem schwerfälligen Start aber überwiegt bei den Fans in Hannover die Freude über das Wiedersehen. Auf einmal sind sie bei vielen wieder da – die 90er. Als die Deodose als Mikroersatz herhalten musste, wenn man vor dem Badezimmerspiegel "The Look" sang. Als auf Klassenfahrten bei "Spending My Time" Dinge passierten, von denen die Eltern heute noch nichts wissen. Und als jetzt bei "Joyride" große Ballons über dem Publikum herum hüpfen, fühlt es sich an wie damals auf der Abiparty.
"How Do You Do" oder "Dangerous" machen einfach nur Spaß - auch weil Per Gessle und seine Musiker perfekt mit ihren Instrumenten umgehen können. "7Twenty7" etwa endet in einem geradezu brachialen aber großartigen Klangbrei aus rockigen Gitarren. Zum Ausgleich gibt es - typisch Roxette - genug Zeit und Raum für Kuschelballaden.
Bei "Watercolours In The Rain" etwa schwoft ein Pärchen in der leeren Hallenhäfte wie damals in der Jugenddisko. Und immer wieder setzen zwischen den Songs "Roxette! Roxette!"-Sprechchöre an. Optisch haben sich Roxette wenig verändert. Per Gessle hat schon vor einer ganzen Weile seine Strubbelmähne abgelegt. Und Marie Frederiksson trägt nach wie vor knallenge Lederhosen. Mit ihrem strohblonden Bürstenschnitt erinnert sie aus der Ferne ein wenig an die kleine Ausgabe von H.P. Baxxter von Scooter.
Ganz spurlos ist die schwere Krankheit nicht an Marie Frederiksson vorbeigegangen.
Das gewohnte Outfit kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Krankheit Spuren hinterlassen hat. Ihre Bewegungen auf der Bühne sind sparsam, manchmal wirkt sie wie ein Roboter. Noch deutlicher wird der Unterschied zu früher an ihrer Stimme. Keine Frage, Marie singt immer noch wundervoll. "Crash Boom Bang" klingt so, wie man es nach all den Jahren gewohnt ist. Auch bei "The Look" sitzt die Stimme. Andere Songs aber zeigen deutlich, dass sich etwas verändert hat. Bei "Spending My Time" bleibt ihr die Stimme mitten in einer Strophe regelrecht im Hals stecken. Stellenweise klingt sie kratzig und brüchig - eine Mischung aus Marianne Faithful und Bonnie Tyler. Man leidet mit, wenn ausgerechnet bei "Things Will Never Be The Same" die Stimme kippt.
Marie Frederiksson ringt um Höhe und Volumen. Dort wo sie früher zu ihrem vollen Bombast anheben konnte, nimmt sie sich nun öfter zurück, wird leiser, variiert die Passagen oder lässt das Publikum singen. Anders als vor eineinhalb Jahren bei Withney Houstons Desasterauftritt nehmen ihr die Fans in Hannover die Aussetzer aber nicht krumm. Im Gegenteil - sie wissen, was Marie Frederiksson durchgemacht hat. Ihre Solo-Nummern belohnen sie mit einer Extra-Portion Applaus.
Aber gerade Maries Kampf mit der eigenen Stimme lässt Zweifel aufkommen. Vielleicht ist es ja gar kein dummes Versäumnis, dass die Schweden ohne die mittlerweile üblichen Videowände auf Tour sind, so dass die Fans auf den Rängen kaum etwas erkennen können. Vielleicht ist genau das die Absicht, nicht in Großaufnahme sehen können, was wirklich auf der Bühne passiert. Vielleicht geht es Roxette gar nicht um das große Comeback. Vielleicht gönnen sich auch Marie Frederiksson und Per Gessle nur eine verdiente Portion Nostalgie. Vielleicht wollen sie noch einmal zusammen ihre großen Hits feiern - um sich dann doch in aller Stille zu verabschieden. Vielleicht liege ich damit falsch. Aber ein bisschen ist dieser Eindruck am Ende bei mir hängen geblieben.