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Klassik, Soul und hysterisches Kreischen

"Pop trifft Klassik" ist auch in diesem Jahr das Motto der Night Of The Proms. Am 8. Dezember stattete die beliebte Konzertreihe Hamburg einen Besuch ab. NDR 2 Reporter Michael Latz war dabei.

Das Orchester Il Novecento wird dirigiert von Robert Groslot © NDR Fotograf: Mirko Hannemann Detailansicht des Bildes Das Orchester Il Novecento unter Leitung von Robert Groslot zeigt, was in ihm steckt. Zugegeben, das Konzept ist ein ziemlich alter Hut. Spätestens seit den ersten Erfolgen von James Last dürfte klar sein, dass nahezu jedem Popsong mit ein paar Streichern, Bläsern und Pauken zu einem Hauch von klassischer Würde verholfen werden kann. Dass dabei aber mehr herauskommen kann als die Kitschversion von ohnehin schon zig mal gehörten Gassenhauern, beweist die Night Of The Proms.

Anastacia und Hucknall: zwei gewaltige Soulstimmen

Mit 75 Musikern, einem großen Staraufgebot und einer perfekten Inszenierung machte die Show Station in Hamburg. Mit Anastacia und Mick Hucknall haben die Macher der Show zwar keine Stars aus der ersten Reihe als Topact ausgesucht, dafür aber zwei markante und gewaltige Soulstimmen.

Sängerin Anasticia bei der Night Of The Proms 2012 © NDR Fotograf: Mirko Hannemann Detailansicht des Bildes Anastacias Hit "I'm Outta Love" mit Orchesterbegleitung ist einer der Höhepunkte der Show. Entsprechend groß ist der Applaus, als sich Anastacia bei "Left Outside Alone" von den hellen und sanften Töne zu den finsteren und rauhen Tiefen ihrer Stimme hinab arbeitet.

Die gut gelaunte, blonde Powerfrau traut sich sogar, ihre neue Single "Best Of You" mit dem klassischen Orchester auszuprobieren. Das ist schon deshalb gewagt, weil der Song ursprünglich von der Indie-Rockband Foo Fighters stammt. Streicher wirken da beim ersten Hören genauso fremd wie Anastacias Gesang. Trotzdem: Bei "I’m Outta Love" reißt es das Publikum in der ausverkauften Arena aus den Sitzen.

Hysterisches Kreischen - der Klassik-Atmosphäre zum Trotz

Mick Hucknall bei der Night Of The Proms 2012 © NDR Fotograf: Mirko Hannemann Detailansicht des Bildes Mick Hucknall dirigiert und das Publikum singt seinen größten Hit im Chor. Bei Mick Hucknall steigert sich die Begeisterung schon bei den ersten Takten ins hysterische Kreischen - aller Klassik-Atmosphäre zum Trotz. Im dunklen Anzug und mit Sonnenbrille lässt der Brite seine frühere Band Simply Red auferstehen. "Something Got Me Started" klingt auch mit einem Symphonieorchester mitreißend - "Holding Back The Years" oder "Stars" wirken noch satter und dichter. Nur einmal nimmt sich Mick Hucknall zurück - und lässt das Hamburger Publikum den Einstieg zu "If You Don’t Know Me By Now" im Chor singen.

Und natürlich darf an einem solchen Abend auch John Miles nicht fehlen. Viele im Publikum haben auf das Urgestein der "Night Of The Proms" gewartet, schließlich begleitet er die Show inzwischen seit 27 Jahren. Und auch dieses Mal setzt er sich an den weißen Flügel, der aus dem Bühnenboden hervorgezaubert wird, und singt "Music Was My First Love". Es scheint, als habe er den Song überhaupt nur für diesen Augenblick geschrieben.

Newcomer überzeugen auf ganzer Linie

Harfespieler Remy von Kesteren bei der Night Of The Proms 2012 © NDR Fotograf: Mirko Hannemann Detailansicht des Bildes Locker und charmant gibt Remy von Kesteren ein beeindruckendes Harfensolo. Bei einem solchen Staraufgebot kommt die Klassik in der Show fast ein bißchen kurz - wären da nicht "Gassenhauer" wie Beethovens 5. Symphonie oder "Die Moldau" von Smetana, bei denen das Orchester, unter Leitung von Roberts Groslot, zeigen kann, was in ihm steckt. Und wäre da nicht ein 23-jähriger Niederländer in Jeans, T-Shirt und Turnschuhen. Remy von Kesteren heißt er, sitzt mit seiner Harfe mitten im Publikum. Charmant gibt er zu, bisher höchstens vor paar Hundert Leuten aufgetreten zu sein, und spielt dann ein beeindruckendes Solo.

Überhaupt sind die kleinen Namen im Showprogramm spannender als die Headliner. Jupiter Jones sind so ein Fall - die punkige Rock-Band aus der Eifel, die im vergangenen Jahr einen Überraschungshit landete und inzwischen mit dem Echo ausgezeichnet wurde. Tatsächlich sieht es merkwürdig aus, Frontmann Nicholas Müller im dunklen Anzug statt in Baggy-Hose zu sehen, aber die drei Newcomer überzeugen auf ganzer Linie. Sympathisch erzählen sie von der Aufregung vor dem Auftritt, singen mit den Hamburgern das Lied vom Jungen mit dem Tüddelband und geben bei "Immer für immer" ordentlich Gas.

Wettstreit mit 75 Musikern

Naturally Seven bei der Night Of The Proms 2012 © NDR Fotograf: Mirko Hannemann Detailansicht des Bildes Stimmgewalt: Die A-Capella-Truppe Naturally 7 imitiert jedes erdenkliche Instrument. Für die Überraschung des Abends sorgen aber eindeutig Naturally 7. Mit ihren Stimmen imitieren sie Beats, Synthesizer und sogar E-Gitarren täuschend echt. Ein Mini-Orchester ohne Instrumente, das sich sogar auf einen Wettstreit mit den 75 Musikern einlässt. Die Übergänge zwischen echten und imitierten Klängen verwischen so sehr, dass es für "Walk This Way", "Seven Nation Army" oder "Another One Bites The Dust" Standing Ovations gibt.

Wie gesagt, "Klassik trifft Pop" mag ein alter Hut sein - aber mit dieser Mischung aus Stimmen und Klängen haben die Macher der Night Of The Proms für weit mehr Unterhaltung, Spannung und Abwechslung gesorgt als "Wetten, dass...?!" am selben Abend.

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/ndr2/events/konzerte/nightoftheproms221.html
Autor
Michael Latz, Reporter und NDR 2 Aktuell © NDR Fotograf: Christian Spielmann
 

Michael Latz

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Dirigent Robert Groslot und Anastacia mit roter Rose im Mund bei der Night Of The Proms 2012 © NDR Fotograf: Mirko Hannemann
 
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Die schönsten Bilder vom Konzert am 8. Dezember 2012.

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