Niedersachsen
Staus, Baustellen, Gefahrenhinweise - die aktuelle Verkehrslagemehr
Die Evangelische Kirche in Deutschland hat Margot Käßmann an ihre Spitze gewählt.
Am 28. Oktober 2009 hat die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) auf ihrer Tagung in Ulm entschieden: Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann ist Nachfolgerin des scheidenden EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber. Damit steht erstmals eine Frau an der Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland. Ein Porträt von Claus Röck.
Keine Frage: Margot Käßmann ist neben Wolfgang Huber das Gesicht des deutschen Protestantismus. Dies verdankt die 51-Jährige vor allem ihrer starken Medienpräsenz. Die Klaviatur der öffentlichen Meinungsbildung beherrscht die gebürtige Hessin virtuos: druckreife Statements zu allen wichtigen Fragen der Gesellschaft - pointiert, verständlich, ohne Pathos - für Käßmann kein Problem. Ihre Sprache ist bildhaft, ihre Beispiele sind lebensnah, und manchmal macht sie sogar kleine Scherze. Margot Käßmann: die Medienbischöfin. "Für mich macht das aber nur Sinn, wenn ich als Person auch was vom Glauben, von Kirche vermitteln kann", sagt Käßmann.
Brüche in der eigenen Biografie - die Natürlichkeit Käßmanns macht sie für viele Menschen attraktiv.
Und das nimmt man der charismatischen Theologin durchaus ab. Vielleicht weil sie es raus hat, ihre Zuhörer persönlich anzusprechen - egal, ob es zwei sind oder 2.000. Im Unterschied zu Wolfgang Huber klingt Käßmann weder prätentiös noch akademisch. Sie, die Tochter eines Kfz-Schlossers und einer Krankenschwester, bemüht sich vielmehr um Natürlichkeit. Das macht sie nahbar und für ein breites Publikum attraktiv. Margot Käßmann: die Bischöfin zum Anfassen - gerade wegen der Brüche in ihrer Biografie.
Vor drei Jahren musste sie sich einer Krebsoperation unterziehen. "Für mich hat sich Glaube da bewährt", erinnert sich die Bischöfin der Landeskirche Niedersachsen. "Glaube ist für mich nicht nur etwas für gute Zeiten, sondern gerade für die schweren Zeiten. Dann zu wissen, du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand, das war für mich ein ganz entscheidendes Grundgefühl. Und das andere war auch, ein Stück wegzugehen: Allein zu sein und dich mit dir selbst zu konfrontieren, das halte ich für wichtig, weil ich im Alltag ja sehr oft nach außen wirke, ein bisschen galoppiere, um alles unter einen Hut zu bringen. Ruhe für mich selbst zu finden, war für mich wichtig, das versuche ich jetzt auch regelmäßig in mein Leben einzubauen."
Landesbischöfin Margot Käßmann bei einer Veranstaltung im Mai 2009 in Hamburg.
Der erfolgreiche Kampf gegen die Krankheit hat Margot Käßmann geprägt, die intensive Auseinandersetzung mit sich selbst führte zu einer wichtigen Lebensentscheidung: Im Mai 2007, ein halbes Jahr nach ihrer Genesung, gab sie die Trennung von ihrem Mann bekannt. "Es ist sicher so, dass ich persönlich nicht den Mut zu einer Trennung - jedenfalls nicht im Bischofsamt - gehabt hätte, wäre mir durch meine Erkrankung nicht so klar geworden, dass ich Entscheidungen fällen muss und dass mit Blick auf die Endlichkeit des eigenen Lebens es auch wichtig ist zu fragen: Wie will ich leben? Wie will ich glaubwürdig leben? Und was sind die wichtigen Entscheidungen, die ich dazu zu fällen habe?"
Eine Bischöfin, die sich scheiden lässt: für manche konservative Christen ein Schock. Aber Margot Käßmann bekam viel Unterstützung, gerade aus ihrer eigenen Landeskirche. Und nicht nur aus dem Kirchenamt, sondern auch von Gemeinden auf dem Land, die gemeinhin nicht als sonderlich progressiv gelten. Anfangs wurde noch spekuliert, ob eine geschiedene Bischöfin überhaupt tragbar sei. Mittlerweile ist ihre Scheidung fast schon ein Markenzeichen - schließlich spiegelt sie einen Teil der gesellschaftlichen Realität wieder. Margot Käßmann: die Lebensnahe.
"Ich denke schon, dass Menschen sich auch danach sehnen, sich mit jemandem identifizieren zu können, der wie sie selber im Leben Brüche kennt. Ich kenne fast kein Leben, das wirklich perfekt und glatt ist", erklärt sich Käßmann die Unterstützung. Perfekt und glatt mag es nicht sein, ihr Leben, aber ihre Biografie beeindruckt: vier erwachsene Töchter, einen Doktor der Theologie, Generalsekretärin des Evangelischen Kirchentags und mit 41 Jahren Bischöfin der größten deutschen Landeskirche. Und nun, zehn Jahre später, Ratsvorsitzende der EKD. Das macht ihr so schnell keine nach.
Von Statur mag sie klein sein, aber ihre Energie reicht für zwei. Die großen Fußspuren Wolfgang Hubers dürften der streitbaren Lutheranerin jedenfalls keine Angst machen. Nach der letzten Ratswahl vor sechs Jahren sagte sie bereits: "Ich denke, in der evangelischen Kirche muss ganz klar sein: Jedes Amt kann von einem Mann oder einer Frau ausgeübt werden."