Stand: 25.07.2008 15:13 Uhr  | Archiv

Heinrich Bauer Verlag - Yellow-Press und seichte Seiten

Wenn sich Prinzessin Victoria von Schweden beim Urlaub den kleinen Zeh verstaucht, wenn Angelina Jolie Zwillinge zur Welt bringt, wenn Prinz Charles und Camilla mal wieder mit Diana-Gerüchten konfrontiert werden - dann wird eine Zeitschrift aus dem Heinrich Bauer Verlag darüber schreiben. Denn Bauer ist Marktführer beim Klatsch und beim Tratsch: "Neue Post", "Das Neue Blatt" und "Das Neue" heißen Bauers bunte Blätter. Und natürlich "Bella", "Tina" und "Laura". Bei den Frauenzeitschriften ist die Hamburger Verlagsgruppe deutscher Spitzenreiter. Bei den Programmheften wie "TV Movie" und "tv14" auch - und die Jugendzeitschrift "Bravo" regiert quasi seit Menschengedenken - genauer: seit 1956 - im Zahnspangenlager.

Knapp 185 Zeitschriften in 15 Ländern

42 Zeitschriften hat der Verlag in Deutschland - mit einer Gesamtauflage von rund 16 Millionen Heften. Zusammen mit Bauers Töchtern sind es noch wesentlich mehr: Allein der Pabel-Moewig-Verlag aus dem badischen Rastatt hat noch mal 30 regelmäßig erscheinende Titel im Programm. Jeder zweite Deutsche lese ein Bauer-Blatt, sagt der Bauer-Verlag. Weltweit publiziert die Verlagsgruppe 238 Zeitschriften in 15 Ländern. Mehr als 6.400 Angestellte arbeiten für Bauer, davon 2.700 im Ausland. Mehr als 130 Einzelunternehmen gehören zum Konzern.

Visitenkarten, Anzeigenblatt und "Funk-Wacht"

Auch nach mehr als 130 Jahren ist das Verlagsimperium noch fest in bäuerlicher Hand: Seit 1963 steht mit Heinz Heinrich Bauer die vierte Generation der Verlegerdynastie am Firmen-Ruder. Im Alter von 23 Jahren gründete sein Urgroßvater Johann Andreas Ludolph Bauer den Verlag 1875 als Visitenkartendruckerei. Ab 1903 druckte Bauer dann das Anzeigenblatt "Rothenburgsorter Zeitung". Die ersten Gehversuche auf dem Parkett der Programmzeitschriften folgten 1926 mit der "Rundfunkkritik". In "Funk-Wacht" umbenannt erreichte die Zeitschrift in ihren Glanzzeiten eine Verkaufsauflage von mehr als 500.000 Heften.

Bauer hat sich großgekauft

Nach dem Zweiten Weltkrieg fehlte erst einmal die Lizenz zum Buchstabendruck - und so produzierte Bauer Zahlenkolonnen: die Hamburger Lohnsteuertabellen. Die Weltkarriere des Hamburger Verlagshauses startete in den 60er-Jahren mit einem großen Kaufrausch: "Neue Post", "Neue Illustrierte", "Quick", "Revue", "Das Neue Blatt", "Bravo" - fast alle großen Bauer-Kinder wurden adoptiert. In den 80er-Jahren nahm der Verlag auch ausländische Kioskregale ins Visier: "Woman's World" machte den Anfang in den USA, es folgten Titel in Frankreich, Großbritannien, Spanien, Polen. Auch beim Rundfunk ist Bauer mit dabei: 31,2 Prozent halten die Hamburger am Fernsehsender RTL II, 25 Prozent an Radio Hamburg.

Milliardenschwerer Zukauf in Großbritannien

Ende 2007 konnte der Verlag einen Coup im Ausland vermelden: Für 1,6 Milliarden Euro ging Bauer in Großbritannien beim Medienkonzern Emap auf Einkaufstour. Zeitschriften wie "FHM", "Heat", "Yours" und "Grazia", aber auch Radiosender wie Kiss FM gehören jetzt den Hamburgern. Schon vor dem milliardenschweren Zukauf stammten 45 Prozent des Bauer-Umsatzes aus dem Ausland. Die Töchter des Verlegers - Mirja, Nicola, Yvonne und Saskia Bauer - arbeiten bereits im Konzern. Wer von den vieren seine Rolle übernehmen soll, lässt Heinz Bauer bislang offen. In jedem Fall übernimmt seine Nachfolgerin dann einen der größten Zeitschriftenverlage Europas.

Glamour pur bei der "Goldenen Feder"

Stars und Sternchen gibt es nicht nur in Bauers bunten Blättern: Seit dem Jahr 2000 hat der Verlag sein eigenes Glamour-Event, genannt "Goldene Feder". Den Preis gibt es eigentlich schon seit 1992. Bis 1998 wurde er aber nur an Journalisten vergeben, im kleinen Rahmen. Die aktuelle Federvariante ist eine Gala, mit dem Bauer "herausragende Leistungen in den Medien" honoriert - und seine "führende Position in der Medienbranche" unterstreichen will. Rund 400 Promis kommen jedes Jahr zur "Goldenen Feder" an die Elbe. Bundeskanzlerin Angela Merkel war schon da - damals noch als CDU-Chefin. Auch die Alt-Kanzler Helmut Kohl und Gerhard Schröder weilten bereits auf dem Fest. Schröder überreichte höchstpersönlich einen Preis an Schlagerveteran Udo Jürgens - für dessen Lebenswerk. Sogar "Pop-Titan" Dieter Bohlen hat eine "Goldene Feder" in der Vitrine. 2008 zählten Armin Mueller-Stahl und Henning Mankell zu den Geehrten.

Sex sorgt für Umsatz

Im Internet tummelt sich die Verlagsgruppe aus Hamburg auch abseits von Hochglanz und Glamour - im Rotlichtbezirk des World Wide Web. Bauers Tochter Pabel-Moewig-Verlag und Bauers mittelbare Tochter Inter Content KG mischen kräftig mit bei der elektronischen Erotik. Nicht nur im Netz, auch am Kiosk sind Bauers sexy Töchter mit von der Partie: "Schlüsselloch", "Sexwoche", "Sexy", "Coupé" - die Angebotspalette liest sich wie das Who's who der deutschen Pornozeitschriftenlandschaft. Die traditionsreiche "Praline" ereilte jedoch 2006 das Aus - aus wirtschaftlichen Gründen.

Auch die deutsche Ausgabe des "Playboy" ist längst kein Bauer mehr - die Lizenz dafür hat seit Anfang 2003 der Konkurrent Burda. Der kurze Zeit später gestartete Versuch, mit "Matador" ein eigenes Magazin für Motor, Erotik, Technik, Sport und Style an den Mann zu bringen, endete 2008 mit der Einstellung. Mehr Erfolg hat Bauer mit einem neuen Blatt für Frauen zwischen 18 und 39 Jahren: Die Ende 2005 auf den Markt gebrachte "InTouch" hat sich seinen Platz auf dem Markt der People-Magazine erobert.

Affäre um Drücker-Abos

Im Herbst 2006 geriet das sonst so diskrete Verlagshaus allerdings selbst in höchst unwillkommene Schlagzeilen: Eine längst abgeschlossen geglaubte Affäre um Aboverträge von Drückerkolonnen sorgte für kräftigen Wirbel. Von einem Eisenstangen-Anschlag auf den früheren Geschäftspartner eines Drückerfürsten, Zehntausenden gefälschter Abo-Bestellscheine und angeblichen Orgien bei Führungskräfte-Treffen war in der Presse zu lesen. Der Vertriebschef und der Leiter des Geschäftsbereichs Abonnements gehörten zu denjenigen, die 2006 ihre Jobs verloren. Verlagsgeschäftsführer Manfred Braun, der sich gegen diesen Schritt wehrte, musste wegen "unterschiedlicher Auffassungen über zentrale Fragen der Unternehmensführung" selbst gehen.

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