Stand: 03.04.2017 12:00 Uhr

Themen-Check: Schule und Bildung

Schleswig-Holstein hat gut 2,8 Millionen Einwohner - etwa 376.000 von ihnen sitzen in diesem Jahr nach Angaben der Landesregierung auf Bänken und Stühlen an allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen. Hinzu kommen Eltern, rund 28.000 Lehrer und Zehntausende Studenten. Angesichts dieser Zahlen kann es nicht verwundern, dass die Themen Schule und Bildung polarisieren und in den Wahlprogrammen der Parteien viel Platz einnehmen.

Drei Wege führen inzwischen zum Abitur

Schule ist Ländersache. Das System unterliegt, bedingt durch Regierungswechsel, einem stetigen Wandel. Seit Inkrafttreten des Schulgesetzes von 2014 haben Eltern im nördlichsten Bundesland nach der Grundschulzeit die Wahl: Gemeinschaftsschule oder Gymnasium? Knapp ein Viertel der Gemeinschaftsschulen verfügen inzwischen auch über eine Oberstufe - bietet also ebenfalls einen Weg zum Abitur an.

G8 oder G9 - ist der Schulfrieden in Gefahr?

Anfang Februar wurde eine neue Diskussion über das Abitur nach acht (G8) bzw. neun (G9) Jahren entfacht. Viele Politiker sehen die aktuellen Schulstrukturen und damit den sogenannten Schulfrieden in Gefahr. Wie wirken sich die sinkenden Schülerzahlen auf die Lehrerstellen aus? Wie kann die Politik Schulen und Lehrer bei der Inklusion unterstützen? Benötigen Grundschüler Noten - und wie viel Geld sollten ihre Lehrer verdienen? Viele Parteien - viele Meinungen.

  • Position der CDU

    Am Gymnasium sollen Schüler nach dem Willen der CDU vor allem aufs Studium vorbereitet werden - und dafür mehr Zeit bekommen. Die Christdemokraten wollen G9 flächendeckend wieder einführen. An Gemeinschaftsschulen sollen Schüler vorrangig den allgemeinbildenden und mittleren Abschluss machen können. Weitere Oberstufen sollen dort nicht eingerichtet werden - existierende nur unter bestimmten Voraussetzungen erhalten bleiben. Die CDU plant versetzungsrelevante Schulnoten ab der dritten Klasse und eine Schulartempfehlung nach der Grundschulzeit. Der Einstiegssold eines Grundschullehrers soll schrittweise dem Einstiegsgehalt von Kollegen anderer Schularten angepasst werden.

  • Position der SPD

    Die Sozialdemokraten wollen an der Schulstruktur nicht rütteln. An Gemeinschaftsschulen sollen weiterhin alle Bildungsabschlüsse der Sekundarstufe I erworben werden können. Zusätzlich führen drei Wege zum Abitur: über Gymnasien (in acht oder neun Jahren), Gemeinschaftsschulen und beruflichen Schulen (jeweils in neun Jahren). Will eine Gemeinschaftsschule ihr Profil um eine Oberstufe erweitern, will die SPD sie dabei unterstützen. Außerdem verfolgen die Sozialdemokraten laut Wahlprogramm das Ziel, jedem Kind bis 2020 einen Platz an einer Ganztagsschule anbieten zu können. Schulen in sozialen Brennpunkten sollen darüber hinaus zusätzliche Mittel erhalten.

  • Position der Grünen

    Die Grünen kündigen in ihrem Programm an, sich mit neuen Bestimmungen und Pflichtanforderungen für Schulen zurückhalten zu wollen. Die Inklusion soll mit "multiprofessionellen Teams" aus Lehrern, Sozialarbeitern und Psychologen vorangetrieben werden - an Regelschulen, Förderzentren und auch in der beruflichen Bildung. Die Grünen sichern auch Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe ihre Unterstützung zu, wenn diese im Gegenzug mithilfe von Kooperationen mehr Praxisanteile in ihren Unterricht einfließen lassen. Das passt zu dem Plan einer Ausbildungsgarantie für Jugendliche. Grundschulen sollen selbst entscheiden, ob sie ihre Abschlusszeugnisse notenfrei halten oder nicht.

  • Position der FDP

    Das Bildungsprogramm der FDP ist geprägt davon, dass Schulen insgesamt eigenständiger entscheiden sollen. So sollen Gymnasien die freie Wahl zwischen G8 und G9 haben. Verbesserungspotenzial sieht man in der Ausbildung der Lehrer. Die FDP fordert für Gemeinschaftsschulen und Gymnasien jeweils ein eigenständiges Lehramtsstudium. Für beide Schulformen kündigen die Liberalen zudem eine Offensive im naturwissenschaftlichen Bereich an. An Grundschulen soll die Wochenstundenzahl erhöht werden, um den Übergang in weiterführende Schulen zu erleichtern. Im Sinne des Leistungsprinzips wollen die Liberalen außerdem ab der dritten Klasse Noten und die Schulartempfehlung einführen.

  • Position der Piratenpartei

    Eine Schul-Strukturreform "aus ideologischen Gründen" lehnen die Piraten ab - eine Reform bei der Lehrerbesoldung halten sie für gegeben. Alle Lehrer sollen laut Wahlprogramm mindestens nach der Tarifgruppe A 13 bezahlt werden - also auch die noch benachteiligten Grundschullehrer. Insgesamt fordern die Piraten mehr Demokratie an Schulen und Hochschulen und entsprechend mehr Mitbestimmung für Schüler, Lehrer und Studenten. In vielen weiteren Forderungen besinnt sich die Partei auf ihre Entstehungsursprünge: freier Zugang zu allen aus Steuermitteln finanzierten Forschungsarbeiten, keine Videoüberwachung und kein pauschales Handyverbot an Schulen, Uni-Vorlesungen zum freien Download.

  • Position des SSW

    Der SSW will sich dafür einsetzen, die Ganztagsschulangebote und die Ferienbetreuung auszubauen. Dazu sollen die Zuschüsse des Landes deutlich erhöht werden. Das gilt laut Wahlprogramm auch für den Bereich digitale Bildung. Von insgesamt steigenden Bildungsausgaben sollen in Zukunft auch Schulen in freier Trägerschaft profitieren - Schulen der dänischen Minderheit sind rechtlich als solche organisiert. Bei den Einstiegsgehältern von Grundschullehrern hält es der SSW für realistisch, dass sie 2020 an die Besoldung von Kollegen an anderen Schulformen angepasst sind. Ob es bis dahin auch einen "Tag der Landesverfassung" gibt? Ihn fordert der SSW als zusätzlichen Feiertag im Norden.

  • Position Die Linke

    Die Linke möchte, dass Schüler möglichst lange gemeinsam lernen - und zwar auf einer Schule für alle: der Gemeinschaftsschule. Während der Umstellung soll G8 an den Gymnasien vorübergehend wieder durch G9 ersetzt werden. An der Gemeinschaftsschule gibt es nach der Vorstellung der Partei bis einschließlich zur neunten Klasse keine Noten - stattdessen Lernberichte und in der im Kurssystem durchgeführten Oberstufe parallel das bereits eingesetzte Punktesystem. Die Schulsozialarbeit soll deutlich an Gewicht gewinnen: Für eine Schule mit mehr als 150 Schülern sieht die Linke mindestens zwei Stellen vor. Lehrer sollen an allen Schulformen gleich besoldet werden - mindestens nach A13.

  • Position der AfD

    Die AfD will das Leistungsprinzip nicht nur bei Grundschülern stärken, sondern auch bei Lehrern: Langfristig soll der Beamtenstatus abgeschafft werden. Stattdessen sollen variable Gehaltsbestandteile Leistungsanreize schaffen. Die Entscheidung, ein Abitur nach acht oder neun Jahren anzubieten, will die AfD Schulen selbst überlassen. Ganztagsschulen sieht die Partei eher kritisch und nur als Ergänzung zum Halbtagsunterricht. Kinder bräuchten Freiräume außerhalb von Schule, heißt es. Die Inklusion will die AfD unter anderem dadurch vorantreiben, das Förder- und Regelschulklassen unter einem Dach sind - doch gemeinsamen Unterricht gibt es nur, wenn dies für sinnvoll gehalten wird.

zurück
1/4
vor

Themen im Überblick