Stand: 03.04.2017 12:00 Uhr

Breyer: Der Chef-Pirat bittet zum Tanz

Es kommt nicht allzu oft vor, dass Ralf Stegner und Wolfgang Kubicki einer Meinung sind. Die Fraktionsvorsitzenden von SPD und FDP gelten als die wortgewaltigsten Rhetoriker und Gegenspieler im Kieler Landtag. Wenn es aber um Patrick Breyer geht, passt kaum ein Blatt Papier zwischen die Streithähne. Breyer sei "anmaßend" und raube "allen Beteiligten im politischen Betrieb den letzten Nerv", urteilte Kubicki schon 2013. Im Februar legte er nach: "Ich frage mich immer, wer Sie zum Richter gemacht hat." Stegner sprang ihm zur Seite und warf Breyer Selbstgerechtigkeit und autistische Züge vor: "Ich bedaure die Menschen, die vor Ihnen stehen, wenn Sie wieder Richter werden." Seit knapp fünf Jahren sitzt Breyer im Landtag. Angriffe lässt der Jurist oft regungslos über sich ergehen, doch die Debatte im Februar sei ein Tiefpunkt gewesen. "Da ist es mir auch zu viel geworden", sagt Breyer. "Ich bin rausgegangen und habe gesagt: 'Das muss ich mir nicht anhören'."

"Es braucht eine Kraft wie uns Piraten"

Breyer ist überzeugt, dass seine Arbeit im Landtag wichtig ist: Nur die Piraten würden für Transparenz und Bürgerbeteiligung kämpfen und Missstände aufdecken. Er selbst machte die Rassismus- und Sexismusvorwürfe an der Polizeischule Eutin öffentlich. Sein Fraktionskollege Wolfgang Dudda brachte Probleme in Jugendeinrichtungen wie den "Friesenhof"- oder "Rimmelsberg"-Heimen an die Öffentlichkeit. Auch eine Karenzzeit für Minister beim Wechsel in die Wirtschaft habe man durchgesetzt, sagt der Piraten-Spitzenkandidat: "Oft sind sich die etablierten Parteien einig, wenn es um ihre eigene Macht geht. Und da braucht es eine Kraft wie uns Piraten."

"Das politische Betriebssystem entwickeln"

Es sind genau solche Sätze, bei denen seine Kritiker aus der Haut fahren. Ein Schwarz-Weiß-Denken werfen sie ihm vor: hier die Piraten, dort die etablierten Parteien, denen Breyer regelmäßig Intransparenz, Postengeschacher und Mauscheleien vorhält. Wenn er über "Alt-Parteien" doziere, sei er gefährlich nahe an der Argumentation der AfD, hielt ihm Ralf Stegner kürzlich in einer Debatte vor.

Genau das sei aber nicht sein Ansatz, kontert Breyer: "Wir Piraten sehen uns als dritten Weg zwischen einem 'Weiter so' und einem extremem Umbau. Wir wollen das politische Betriebssystem weiterentwickeln." Kubicki und Stegner sieht er als Gegenpol: "Das sind die Dinosaurier der Politik. Die Repräsentanten dessen, was wir verändern wollen. Die den politischen Gegner im Zweifel kaputt zu machen versuchen, statt sich argumentativ auseinanderzusetzen."

Fleißig bei neuen Initiativen

Auch die größten Gegner sprechen Breyer eines nicht ab: seinen Fleiß. Er gilt als einer der wichtigsten Kritiker der Vorratsdatenspeicherung und hat mehrere Klagen bis vor das Bundesverfassungsgericht gebracht. Auch im Landtag treibt er seine Themen voran und hat statistisch betrachtet die meisten Initiativen aller Landtagsmitglieder eingebracht.

Audios und Videos

"Tanze analytisch"

Bei all der Arbeit achte er auf eine gute Work-Life-Balance, so Breyer. Privates und Politisches trennt er normalerweise eisern: "Viele sind dann überrascht, wenn ich erzähle, dass ich einen Motorradführerschein habe und Schlagzeug spielen kann." Für beides sei momentan aber keine Zeit. Stattdessen reist er gerne, macht Kanutouren - und tanzt mit seiner Partnerin Tango. Das Faszinierende an diesem Tanz sei die Improvisation: "Man überlegt bei jedem Schritt: Wie soll es weitergehen? Man erspürt sich quasi gegenseitig." Breyer, der Analytiker und Kopfmensch, beim leidenschaftlichen Tango? "Na ja", schmunzelt der Pirat, "vielleicht tanze ich auch eher analytisch."

Viel Zeit dafür wird er in den kommenden Wochen eher nicht haben: Das Ziel, trotz schlechter Umfragewerte erneut in den Landtag einzuziehen, hat er noch nicht aus den Augen verloren. Und wenn es nicht klappt? "Politik war für mich nie für die Ewigkeit geplant", sagt Breyer. "Ich würde sonst ganz normal in meinem Beruf weiterarbeiten."

Weitere Informationen

Dossier zur Landtagswahl Schleswig-Holstein

Die Schleswig-Holsteiner haben einen neuen Landtag gewählt. Im Dossier von NDR.de finden Sie alle Infos, Ergebnisse und Reaktionen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Zur Sache | 02.05.2017 | 18:05 Uhr

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