Stand: 03.04.2017 12:00 Uhr

Kolter: Von Illinois nach Pinneberg

von Julia Schumacher
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Marinne Kolter steht auf dem ersten Listenplatz bei den Linken.

Wer am sechsten Tag irgendeines Monats auf der Suche nach Marianne Kolter ist, sollte am Haupttor zum Atomkraftwerk Brokdorf Ausschau halten. Dort steht die kleine Frau mit dem entschiedenen Blick so oft es ihr Terminkalender zulässt, seitdem sie 2009 aus den USA nach Schleswig-Holstein gezogen ist. Mit anderen Aktivisten hat sie die Brokdorfer Mahnwachen reaktiviert. Die ersten gab es 1986, nachdem in Tschernobyl die nukleare Katastrophe passierte und Brokdorf gerade fertig gebaut war. Sie treffen sich immer am Sechsten, weil am 6. August 1945 die Atombombe auf Hiroshima fiel.

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Landessprecherin seit 2015

Die Soziologin Marianne Kolter ist Kind der Anti-Atombewegung, Aktivistin der Eine-Welt-Bewegung und nennt sich selbst einen "Graswurzelmenschen". Zwei Themen, die sie "unerträglich" findet, treiben sie besonders an: Krieg und "dass es auf dieser Welt immer noch Menschen gibt, die nicht das Lebensnotwendigste haben". Seit Jahrzehnten arbeitet sie an diesen Themen. "Irgendwann habe ich mir gedacht: ein bisschen mehr als nur darin aktiv zu sein, wäre gut", sagt die gebürtige Westfälin. "Dann bin ich 'wieder' in die Linke eingetreten." Das war vor drei Jahren. Seit 2015 ist sie Landessprecherin.

Wunsch nach mehr Gelassenheit

Marianne Kolter ist 2014 nicht zum ersten Mal Parteimitglied geworden. Als 22-jährige Marburger Studentin trat sie der Deutschen Kommunistischen Partei bei, engagierte sich in der Anti-Apartheid-Bewegung und verließ die DKP 1989 nach zwölf Jahren wieder. 2001 zog sie nach Berlin und wurde Mitglied der PDS. Das blieb sie drei Jahre, bis zu ihrem Umzug in die USA. Nach fünf Jahren als Studienberaterin an der University of Illinois kehrten Marianne Kolter und ihr Mann zurück nach Deutschland, genauer nach Pinneberg.

"Man kommt nie wieder ganz nach Hause", sagt sie heute. "Man hat das Ausland im Gepäck und blickt unbefangener auf das eigene Land." Sie habe gelernt, dass Dinge nicht so sein müssen, dass es auch anders geht. Ein Beispiel: "An deutschen Supermarktkassen herrscht eine unerträgliche Hektik. In den USA kann man auch mal 20 Minuten warten, wenn nur zwei Leute vor einem sind." Diesen Ansturm auf die besten Plätze gebe es da nicht. "An diesen Punkten wünsche ich mir mehr Gelassenheit."

"Is jut jetz’"

Denn ohne Gelassenheit geht es für Marianne Kolter nicht. "Ich habe Mut zur Lücke", sagt sie und beschreibt sich als gut strukturiert und organisiert. Das Wichtigste sei aber, dass sie auch mal was liegen lassen könne. Um das zu illustrieren, bemüht die Kriegsgegnerin eine Kriegsmetapher: "Ich bin niemand, der an allen Fronten verzweifelt kämpft, sondern jemand der sagt: Was nicht geht, geht nicht." In diesem Punkt sind sich sie und ihr Co-Spitzenkandidat Uli Schippels, der auf Listenplatz zwei rangiert, einig - da ergänzen sie sich: Uli ist das Arbeitstier, Marianne die, die auch mal sagen kann: "Is jut jetz'!"

Mit Bus und Bahn durch SH

Wo nimmt sie ihre Gelassenheit her? Regelmäßiger Sport, jeden Abend Zeit zum Lesen - auf Englisch, um in Übung zu bleiben. Und sie webt Schmuck aus Glasperlen, den sie verschenkt. Sie selbst trägt keinen Schmuck. Und wofür sie diese Gelassenheit braucht? Als Landessprecherin der Linken in Schleswig-Holstein ist Marianne Kolter viel unterwegs. "Ich fahre fast nur mit dem öffentlichen Nahverkehr und bewege mich an alle möglichen kleinen Orte, in denen unsere Kreisverbände Aktionen machen." Es gehöre schon ein Organisationstalent dazu, überall hinzukommen. Zum Beispiel nach Marne: "Wenn man da am Wochenende hin will, dann muss man sich das organisieren." Ihre Partei macht sich für einen gut ausgebauten und langfristig kostenlosen Nahverkehr stark. Und Marianne Kolter testet die Grenzen, die daraus entstehen können: Zum AKW Brokdorf kommt sie nämlich nur mit dem Auto.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Zur Sache | 02.05.2017 | 18:05 Uhr

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